Windkraft : Branche holt sich nasse Füße

Die Windkraft-Branche will in diesem Herbst einen kommerziellen Park in der Nordsee aufstellen – mit einem Jahr Verspätung

Kevin P. Hoffmann
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BerlinDie Kamera schwenkt übers Meer, am Himmel ziehen Wolken vorbei. Immer wieder blitzt die Sonne durch. Man sieht kleinere Wellen. Der Film ist mit sanfter Soulmusik unterlegt. Und während man so der weiblichen Stimme lauscht, ist da plötzlich ein harter Schnitt: Männer und Frauen in unförmigen Gummianzügen, die sich ins Wasser fallen lassen. Vorwärts, rückwärts, immer wieder.

Die ostfriesische Firma Bard Engineering hat diesen Werbefilm produzieren lassen, um einen Eindruck zu vermitteln, wie die schöne neue Windkraftwelt auf hoher See bald aussehen soll. Den zeigt sie auf Fachmessen. Aber was ist die Botschaft? Bard geht baden?

„Nein. Das sind die Rettungsübungen, die unsere Mitarbeiter vorab machen müssen“, grummelt ein Manager der Firma. Die Werbung weicht jetzt der Wirklichkeit – und Bard macht den Anfang. Es ist das einzige Unternehmen, das „zu 100 Prozent“ verspricht, noch in diesem Jahr einen großen kommerziellen Windpark in der Nordsee aufzustellen. Die Technik, die Finanzierung und die Seekabelanbindung seien gesichert, heißt es. Spätestens im Herbst sollen die ersten von 80 Rädern 90 Kilometer nordwestlich der Insel Borkum aufgestellt werden. Mitten in diesem Windpark mit dem Namen Bard Offshore 1 wird die Firma auch ihre Umspannplattform aufstellen, inklusive Wohneinheit für die Mitarbeiter des Wartungsteams – jene aus dem Film.

Bei dem viel kleineren Pilot-Windpark Alpha Ventus, 43 Kilometer nördlich von Borkum, steht diese Plattform für die geplanten zwölf Räder schon seit Sommer. Und womöglich beginnt in dieser Woche die nächste Bauphase. Das Unternehmen Doti (Deutsche Offshore Testfeld- und Infrastruktur) will dreibeinige Sockel – Tripods – verankern. Auch das sollte schon 2008 geschehen. Doch Doti brach das Vorhaben ab mit der offiziellen Begründung: zu hohe Wellen. Schuld sei aber sicher nicht die Finanzkrise gewesen, beteuerten die Doti-Manager damals.

Einige Windkraftfreunde regten sich auf und vermuteten hinter dem Abbruch Kalkül, weil hinter Doti ein Konsortium der Stromkonzerne Eon, EWE und Vattenfall steckt. Wollen diese die neue Technik doch ausbremsen, weil sie ihren atom- und kohlegetriebenen Grundlastkraftwerken Konkurrenz macht? Auch Windkraftkritiker äußerten wieder Zweifel an der technischen Machbarkeit. Das Problem sind die großen Meerestiefen von bis zu 45 Metern im deutschen Sektor. Briten und Dänen stellen ihre Räder in deutlich flacheren, küstennäheren Gewässern auf. Warum solle jeder deutsche Stromkunde, der – ob er will oder nicht – die erneuerbaren Energien mit einem Anteil seiner Stromrechnung fördert, derartig riskante „Tiefseeprojekte“ mitfinanzieren?

In der Branche hofft man, dass die Debatte endlich abflaut, sobald in den nächsten Wochen die ersten TV-Bilder vom Meer in die Wohnzimmer strahlen. Dann könnte die Förderdebatte in schiere Technikbegeisterung umschlagen.

Einer, der sich schon vor mehr als zehn Jahren hat anstecken lassen, ist der Unternehmer Willi Balz aus Wolfschlugen bei Stuttgart. Er trägt eine Krawatte, bedruckt mit einem überdimensionierten Windrad, und nennt seine Firma „Wetfeet“, also „nasse Füße“. Wie viele Vertreter dieser jungen Branche, füllt er die zeitliche Lücke zwischen Planung und Realisierung mit Selbstironie. Und noch mehr Selbstbewusstsein: „Nur wir Mittelständler können diese Projekte richtig stemmen“, sagt er. Die ganz Großen, von Eon bis EnBW, hätten kein echtes Interesse an der Technik, befänden sich aber in Lauerstellung – aus Angst, das große Ding zu verpassen. Und den kleinen Projektentwicklern fehle schlicht das Kapital.

Balz selbst hat nach eigenen Angaben einen Großteil seines Privatvermögens in den Windpark Global Tech I eingebracht. Das Projekt hat ein Volumen von 1,3 Milliarden Euro. Andere große Partner sind die Stadtwerke München und die Südhessische Energie AG. Zudem holte Balz das Bauunternehmen Züblin ins Boot.

Das soll die Fundamente bauen, Betonfüße, die man nicht in den Seeboden rammen muss. Sie sollen allein durch ihre 6000 Tonnen Gewicht das Windrad halten. 1500 Arbeitsplätze könnten entstehen – die meisten wahrscheinlich in Cuxhaven und Wismar, wo ein Trägerschiff gebaut werden könnte. 2011 sollen sich Balz’ erste Räder drehen. Aber es hätte alles viel schneller gehen können, sagt er, wenn die Finanzkrise nicht wäre – und die Bürokratie nicht so kompliziert.

Über solche Kritik regt sich Christian Dahlke vom zuständigen Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie gar nicht lange auf. „Wir haben wirklich immer versucht, alle Anträge schnell und unkompliziert zu bearbeiten. Sonst gäbe es nicht 21 Windparkgenehmigungen.“ Im Prinzip sieht er die Lage wie Balz, wundert sich aber, dass noch nicht mehr Unternehmer erkannt haben, was für ein Potenzial in der Hochsee-Windkraft steckt. Das größte Geschäft sieht er aber bei den Zulieferern und Dienstleistern, etwa bei Unternehmen, die den Meeresboden untersuchen. „Beim Goldrausch im wilden Westen sind ja auch nicht die Goldsucher reich geworden, sondern die, die die Schaufeln verkauft haben“, sagt Dahlke.

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