Windkraftfirma Enercon : Abfuhr in Indien

07.04.2011 18:02 UhrVon Anieke Walter
Gefragte Anlagen. Enercon ist der weltweit viertgrößte Windkraftanlagenbauer. Zurzeit präsentiert sich das Unternehmen aus Aurich auf der Hannover Messe. Foto: dpa
Gefragte Anlagen. Enercon ist der weltweit viertgrößte Windkraftanlagenbauer. Zurzeit präsentiert sich das Unternehmen aus Aurich auf der Hannover Messe. - Foto: dpa

Der Windkraftanlagenbauer Enercon sieht sich von seinen indischen Partnern ausgetrickst – und gibt einen der größten Märkte weltweit auf.

Was Rechtsunsicherheit bedeuten kann, musste Wolfgang Juilfs am eigenen Leib erfahren. Als der Manager des ostfriesischen Windanlagenbauers Enercon im September 2008 zu einer Dienstreise nach Indien fliegt, findet sich Juilfs kurz darauf auf einer Polizeiwache in Mumbai wieder. Während seiner Anreise hatte der indische Geschäftspartner, der Geschäftsmann Yogesh Mehra, Strafanzeige gegen Enercon erstattet. Die deutschen Manager sollten versucht haben, an das Geld der Familie Mehra zu gelangen, so lautete der Vorwurf. „Man hatte das Gefühl, die Polizei versucht, uns Worte in den Mund zu legen“, erinnert sich Juilfs, Risikomanager bei Enercon.

Die Reise nach Indien war ein weiterer Versuch der Deutschen gewesen, einen schon länger dauernden Streit mit Mehra aus dem Weg zu räumen. Doch die Inder wollten nichts mehr klären. Sie wollten die Deutschen aus Indien fernhalten – und kamen damit durch. „Wir können unsere auf dem Papier bestehenden Rechtsansprüche in Indien nicht effektiv durchsetzen“, sagt Stefan Knottnerus-Meyer, Leiter der Rechtsabteilung von Enercon. Das Verfahren gegen die Deutschen in Indien laufe bis heute und hindere die Manager daran, erneut in das Land zu reisen. Eine Stellungnahme von Mehra war auf Anfrage nicht zu erhalten. Dem viertgrößten Windkraftanlagenbauer der Welt wird damit der Zutritt zu einem der attraktivsten Märkte der Branche verweigert. Indien war 2010 nach China und den USA der am schnellsten wachsende Windkraftmarkt. Die Inder wollen die Versorgungslücke bei Strom durch erneuerbare Energien schließen. 13 000 Megawatt Leistung sind installiert. Der Interessenverband der Windenergie, Global Wind Energy Council, erwartet fast eine Vervierfachung der Kapazitäten bis 2020 – auf 46 000 Megawatt.

Auch Enercon wollte an diesem Wachstum teilhaben. Schon 1994 gründeten die Ostfriesen zusammen mit ihrem indischen Partner Yogesh Mehra Enercon India Limited. Die Deutschen halten 56 Prozent an der Tochter. Das indische Unternehmen erwirtschaftete 2010 einen Umsatz von knapp 413 Millionen Euro.

In den ersten Jahren lief es gut zwischen Enercon und Mehra. Doch 2005 drängte Mehra auf ein schnelleres Wachstum und den Börsengang des Gemeinschaftsunternehmens. Die Deutschen setzten auf Nachhaltigkeit. Der Streit brach aus, seitdem werden Enercon-Manager von Firmenentscheidungen ausgeschlossen. Klagen vor indischen Gerichten auf die Durchsetzung ihrer Ansprüche liefen ins Leere. Als die letzte Dienstreise vor drei Jahren auf der Polizeiwache endete, war den Deutschen klar, dass Mehra an einer weiteren Zusammenarbeit nicht mehr interessiert ist.

Doch es kam noch schlimmer. Der ehemalige Geschäftspartner klagte 2010 auf die Freigabe der Patente von Enercon. Die indischen Richter gaben ihm in zwölf Fällen recht. Die Begründung: Der Stand der Technik sei veraltet, die Erfindungen seien zu banal. „Diese Patente sind in hoch industrialisierten Ländern anerkannt“, erklärt Enercon-Justiziar Knottnerus-Meyer. Enercon-Technik könne jetzt von jedem Unternehmern in Indien kopiert werden. Das Urteil schaffe zudem einen Präzedenzfall, der auch die Rechte anderer Firmen gefährden könne.

Horst Wildemann, Professor an der Technischen Universität München und Geschäftsführer der Unternehmensberatung TCW, rät denn auch zur Vorsicht bei Investitionen in Indien: „Wer sich in Indien auf Rechtssicherheit verlässt, ist blauäugig.“ Um sich auf diesem Markt zu positionieren, brauche man sorgfältig ausgesuchte Partner. Außerdem könne man das Risiko minimieren, indem man beispielsweise einen Rechtsbeistand habe, der die deutschen und die indischen Gesetze kenne. „Sich in die Ecke zu stellen und zu schmollen, bringt nichts“, sagt Wildemann. „Da heißt es, einen Neustart versuchen und aus Fehlern lernen.“

Einen Neuanfang schließt Enercon in Indien zurzeit aus: „Wir werden uns auf die Märkte konzentrieren, die uns ähnliche Wachstumschancen und mehr Rechtssicherheit bieten“, sagt Knottnerus-Meyer.

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