Wirtschaft : Windspiele

Im Herbst steigen wieder die Drachen: Aus dem traditionellen Spielzeug ist ein Trendsport-Gerät geworden

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Von Alexander Visser

Warum gilt der Herbst als Drachenzeit? Vielleicht, denkt der Laie, weil es da am meisten Wind gibt? „Nein, das ist Quatsch“, sagt Michael Stelzer. Zum Beweis holt der Inhaber des Schöneberger Drachenladens „Vom Winde verweht“ eine alte Zeitschrift aus einem Ordner mit Klarsichtfolien. Im Vereinsblatt des Berliner Drachenvereins blättert er nach einer Windstatistik, die ein Freund für Berlin aufgezeichnet hat. Tatsächlich: Die den Wind repräsentierenden Balken sind im Frühjahr am längsten und im Herbst am kürzesten. „Der Wind ist nicht der Grund“, sagt Stelzer. „Es geht auf die Tradition zurück, dass im Herbst die Felder abgeerntet sind. Auf Stoppelfeldern kann man gut Drachen steigen lassen.“

Weil diese Tradition aus bäuerlichen Zeiten auch in Großstädten noch Bedeutung hat, hat Stelzer im Herbst viel zu tun: Da kaufen Großeltern das Spielzeug ihrer Kindheit, um die Kleinen vom Computer wegzulocken. Die Schulbehörde holt meterweise Nylonfolie und Glasfaserrohre ab. Schließlich gehört es sich, dass im Herbst in der Schule Drachen gebastelt werden. Aber neben den traditionellen Abnehmern verkaufen Drachenshops verstärkt an ein neues, trendorientiertes Publikum. Die kaufen teure Hightech-Drachen für neue High-SpeedTrendsportarten.

Das Angebot an unterschiedlichen Typen der schnurgesteuerten Flugobjekte, die Michael Stelzer in seinem Laden gerne vorführt, ist für den Laien überwältigend. Kleine Plastikdrachen gibt es ab 2,50 Euro, moderne Power-Kites (Kite ist das englische Wort für Drachen) kosten bis zu 1500 Euro. Der Experte unterscheidet zwischen Einleinern, also Drachen, die mit nur einer Schnur geführt werden, und Lenkdrachen, die durch mehrere Fäden präziser gesteuert werden können. Flachdrachen werden von Zellendrachen unterschieden, die mit vertikalen und horizontalen Flächen Hohlräume umgeben. Die sind relativ schwer, dafür aber stabiler bei starken Winden.

Seit einiger Zeit gibt es auch Lenkdrachen, die nur aus Segel bestehen und ohne stützende Stäbe auskommen. Die stablosen Lenkdrachen, so genannte Parafoils, mit Tragflächen bis über sechs Quadratmetern, sind ideal geeignet für die neuen Trendsportarten Kite-Sailing und Kite-Surfen. Bei letzterem lassen sich Surfer per Drachen statt mit Segel durchs Wasser ziehen. Beim Kite-Sailing fährt man in einem Drachen-gezogenen Buggy über Wiese oder Strand.

High-Speed mit dem Drachenbuggy

„92 Stundenkilometer ist mein persönlicher Rekord“, sagt Bernd Birgel vom Hamburger Drachenbauer Rhombus. So schnell ist er in seinem Buggy über den breiten Nordsee-Strand bei Sankt Peter-Ording gerast. „Ich gehöre wohl zu den Verrückten“, gibt Birgel zu. Aber schließlich könne er den Panik-Auslöser betätigen, um den Wagen notfalls vom Drachen zu trennen. Und er ist ein geprüfter Könner. Als Instructor der „German Parakart Association“ (GPA) hat er die Lizenz, Neulingen das Kite-Sailing beizubringen. 135 Euro kostet ein Kurs ( www.blueskyltd.de ). Für einen Buggy muss man ab 400 Euro hinblättern, für einen passenden Drachen zahlt man ab 185 Euro.

Auch am Berliner Stadtrand treffen sich Drachenbuggy-Fans. Treffpunkt: „An der B101 Richtung Osdorf, an der Stadtgrenze bei Marienfelde“, erklärt Andreas Grimm vom Berliner Drachenclub „Aero-Flott“ den Weg. Weitere Berliner Drachenflugplätze finden Interessierte im Internet unter www.kite.org/tmr .

Auch die Wasser-Variante des Drachen-Reitens ist ein Trendsport. Kite-Surfer genießen die hohen Sprünge, die mit herkömmlichen Segeln nur bei hoher Brandung möglich sind. Durch einen tödlichen Unfall in der Ostsee erfuhr der Boom einen Dämpfer: Im Juli verunglückte die 26 Jahre alte Silke Gorldt, die deutsche Meisterin von 2001. Ihr Drachen verhedderte sich mit dem eines anderen Kite-Surfers. Gorldt verlor die Kontrolle, konnte aus ungeklärten Gründen ihr Sicherheitssystem nicht auslösen, wurde über das Wasser gezerrt und gegen einen Wellenbrecher geschleudert. Jetzt diskutiert die Szene über neue Sicherheitsstandards.

Beim klassischen Drachensteigen geht es idyllischer zu. Michael Stelzer, der 1983 mit „Vom Winde verweht“ einen der ersten Drachenläden in Deutschland gegründet hat, liebt am Drachensteigen das Spiel mit den Elementen zwischen Himmel und Erde. „Besonders schön ist es, die Freude in den Augen der Menschen zu sehen, wenn sie einen Drachen im Wind verfolgen.“ Außerdem verbinde das Drachensteigen die Menschen über kulturelle Grenzen hinweg: Besonders am zweiten Sonntag im Oktober, dann ist Internationaler Drachenflugtag für den Frieden ( www.oneskyoneworld.de ). Wer auf den Geschmack kommen will, hat vom 20. bis 22. September 2002 in Potsdam die Gelegenheit. Dann steigt im Buga-Park das erste internationale Drachen- und Jonglierfest ( www.vomwindeverweht.de ).

Wer dabei nicht genug Endorphine ausschüttet, kann sich auch dem neuesten Kite-Trend zuwenden. Ein Mountain Board ist ein großes Skateboard auf breiten, robusten Rädern für den Geländeeinsatz. Auch davor lässt sich ein Drachen spannen. „Damit kann man Monstersprünge machen“, schwärmt Bernd Birgel. Aber der zählt sich ja auch zu den Verrückten.

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