Wirtschaft : "Wir akzeptieren eine schleichende Übernahme nicht"

AMY BARRETT

PARIS .Seide und Wildleder sind rauh geworden.In einem überraschenden Schachzug hat die Gucci Gruppe NV einen Aktienfonds für Angestellte eingeführt, um LVMH Moet Hennessy Louis Vuitton von der "schleichenden Übernahme" des italienischen Luxushauses abzuhalten.Der weltweit größte Luxusgüterhersteller LVMH, Paris, hatte in den letzten Wochen ein Aktienpaket von 34,4 Prozent an dem Florentiner Edelmodenhersteller zusammengekauft.

LVMH hat protestiert.Es werde auf betrügerische Weise um seine Stimmrechte als Aktionär gebracht, empörte sich das französische Unternehmen.Ein LVMH-Manager in Paris nannte die neuen Aktien "virtuelle Aktien" und kündigte an, LVMH werde einen Prozeß anstrengen.In der Tat: Mit der Ausgabe neuer Aktien hat Gucci den Anteil von LVMH verwässert.Hielt die französische Gruppe an Gucci bislang 34,4 Prozent, sind es jetzt nur noch 26 Prozent."Jetzt befinden wir uns wieder in einer fairen Wettbewerbssituation", erklärte der Präsident und Vorstandsvorsitzende, Domenico De Sole.

Der Schachzug war der letzte Zug in einem vor fünf Wochen begonnenen Drama zwischen LVMH und Gucci - einer merkwürdigen Mischung aus Paarungstanz und großer Jagd.Der Präsident und größte Aktionär von LVMH, Bernard Arnault, hat beständig seine Beteiligung an Gucci-Aktien erhöht, gleichzeitig aber versucht, die Unternehmensführung und das Designteam von Gucci zu beschwichtigen, gelten letztere doch als ausschlaggebend für die spektakuläre Wiederbelebbung der Marke in jüngster Zeit, nachdem sie zuvor fast von der Bühne abgetreten war.

Das Opfer schoß am vergangenen Donnerstag zum ersten Mal zurück.Das brachte den kampflustigen Arnault in die untypische Rolle eines sitzengelassenen Liebhabers.LVMH hätte eine Reihe von Zugeständnissen an Gucci gemacht, erklärte Arnault.So habe man nur die Nominierung eines Mitgliedes im Verwaltungsrat gefordert, obwohl LVMH das Anrecht auf mehr gehabt habe.Arnault bekräftigte seinen Wunsch, daß LVMHs Übergang zum Hauptaktionär "so sanft wie möglich stattfinden sollte und daß unsere Beziehungen konstruktiv sind".Der LVMH-Chef: "Wir haben immer gesagt, wir würden dem Unternehmen Unabhängigkeit in der Unternehmensführung garantieren."

Das Gefecht beleuchtet die ungewöhnliche Natur der Mode- und Luxusgüterbranche, die in einigen Bereichen industriell ist, in anderen auffallend von individuellem Talent, Kreativität und Vertrauen abhängig bleibt.Wenn Gucci wieder den Sprung nach oben geschafft hat, so ist das De Sole und dem Gucci-Designer Tom Ford zuzuschreiben.Der in Italien geborene und eingebürgerte amerikanische Rechtsanwalt De Sole und der aus Texas stammende Ford arbeiten eng zusammen.Während die meisten Modeunternehmen ihre Designer als labile Künstler behandeln, denen man Geschäftserwägungen fern halten muß, hat De Sole Ford auch in Unternehmensbelangen ein gleiches Mitspracherecht eingeräumt.Fords Mischung aus cleverem Stil und Geschäftssinn ist überall zu finden: vom Blumenarrangement und der Produktauslage in den Gucci-Geschäften bis zur Soulmusik aus den 70er Jahren, die man in der Warteschleife hört, wenn man bei den Guccibüros in Mailand, London oder New York anruft.

Während LVMH sich an Gucci heranschlich, mußte es beständig das Risiko berücksichtigen, daß De Sole und Ford reißaus nehmen würden bei der Aussicht, ihre Unabhängigkeit zu verlieren.Und mit ihnen verschwände Guccis Erfolgskombination von juristischem, finanziellem und Management-Know-How sowie die starke Markenidentität und das Sexappeal.

Die Ereignisse am Donnerstag könnten auch den Beginn eines komplexen Rechtsstreites markieren.Die LVMH-Aktien fielen am Donnerstag an der Pariser Börse um 5,6 Prozent, Gucci-Aktien sanken in Amsterdam um 3,23 Prozent."Für Minderheitsaktionäre ist dies kein gutes Geschäft, weil man sie um einen Teil ihrer Dividende bringt", sagte ein französischer Investmentbanker."Aber die Verteidigungsstrategie des Managements könnte darin bestehen, Arnault zur Abgabe eines Komplettangebotes zu bringen".Allerdings nannte der Banker das Vorgehen von Gucci "sehr ungewöhnlich"."Ich habe niemals erlebt, daß ein solche, die Stimmrechte von Aktionären neutralisierende Maßnahme getroffen wird, ohne daß vorher eine außerordentlichen Ationärsversammlung darüber abstimmt.Wäre ich an Arnaults Stelle, würde ich auch klagen."

De Sole verteidigte die Emission neuer Aktien und erklärte, er wolle damit nicht die Übernahme verhindern."Wir haben ihnen gesagt, daß sie jederzeit ein Übernahmeangebot für 100 Prozent der Unternehmensaktien machen können." Er würde ein dementsprechendes Angebot den Aktionären empfehlen, wenn es Guccis Wert entspreche.Warum kommt der Verteidigungsversuch erst jetzt? De Sole habe bislang gehofft, daß Verhandlungen mit LVMH entweder zu einem "vollen und fairen Übernahmangebot an alle Aktionäre" führen würden, oder zu einer vertraglichen Vereinbarung um Interessenkonflikte zu verhindern - die Marke Louis Vuitton von LVMH ist Guccis Hauptkonkurrent."Wir hatten im vergangenen Monat viele Kontakte mit LVMH.Dabei haben wir sehr deutlich zu verstehen gegeben, daß eine Minoritätsposition eines Hauptkonkurrenten eine unmögliche Siutation ist.Es ist so, als ob Coca-Cola einen Sitz im Vorstand von Pepsi hätte", sagte er und verwies auf LVMHs Forderung vor zwei Wochen nach einer außerordentlichen Hauptversammlung, um über die Ernennung eines neunten Mitgliedes in Guccis bisher achtköpfigem Verwaltungsrat abzustimmen."Wir haben eine klare, bindende übereinkunft (über die Unabhängigkeit des Unternehmens) angestrebt, die aber abgelehnt wurde", sagte De Sole."Indem sie auf unsere Angebote nicht eingegangen sind, ließen sie uns keine andere Wahl, als die Minderheitsaktionäre des Unternehmens zu schützen.Wir können eine schleichende Übernahme nicht akzeptieren."

Gucci richtete für den Verkauf der neuen Aktien eine Mitarbeiterstiftung ein.Das Modeunternehmen räumte der Stiftung eine Option für maximal 37 Mill.voll stimmberechtigter neuer Gucci-Aktien ein.20 Mill.wurden sofort nachgefragt.Wenn der Fonds seine Option voll ausübt, würde er 38,7 Prozent der Aktien halten.Das Geld für den Kauf der neuen Aktien stellt Gucci.Die Stiftung erhält für jeden Aktienkauf ein zinsloses Darlehen.Die Aktien "dürfen nicht verkauft oder auf andere Weise an einen Dritten transferiert werden", denn das Unternehmen will sie später wieder einlösen.Sollte Gucci das Übernahmeangebot durch LVMH oder einem anderen Freier akzeptieren, könnte das Unternehmen die Aktien vom Fonds im Prinzip kostenlos zurückerhalten."Diese Aktien sind Stimmrechte - und keine wirtschaftlichen Rechte", erklärte De Sole.

Der Coup von Gucci, so der französische Investmentbanker, führt wahrscheinlich zu langwierigen Gerichtsverhandlungen, die Gucci Zeit geben, nach anderen Mitteln zu suchen, um LVMHs Versuch der Einflußnahme abzuwehren."Wir rechnen mit einem sechsmonatigen Rechtsstreit", sagte er."Das könnte Arnault vom Kauf weiterer Aktien abhalten", so der Banker, "solange er nicht sicher sein kann, daß nicht jedes Mal neue Stimmrechte geschaffen werden, wenn er neue Aktien kauft.Das scheint mir darauf ausgerichtet zu sein, Zeit zu gewinnen, ihn an den Verhandlungstisch zu bringen und sein Angebot zu erhöhen."

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