Wirtschaft : „Wir bekennen uns zur Mitbestimmung, aber ...“

Arbeitgeber-Präsident Dieter Hundt über Arbeitszeitverkürzung, Wettbewerbsfähigkeit und Zugeständnisse an die Belegschaften

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Herr Hundt, die Konjunktur kommt nicht richtig in Fahrt. Warum ist die Binnennachfrage so schwach?

Immerhin wird das Wachstum in diesem Jahr höher sein als in den letzten drei Jahren. Richtig ist aber auch, dass das Wachstum vorwiegend durch die Nachfrage der Weltwirtschaft, also durch den Export getragen wird. Der deutsche Wertschöpfungsanteil daran sinkt jedoch ständig.

Was bedeutet das?

Was wir von Deutschland aus exportieren, wird nur noch zu rund 60 Prozent in Deutschland produziert. Ein Beispiel: In einem Auto aus einer deutschen Fabrik stecken Teile, die inzwischen zu 40 Prozent im Ausland gefertigt werden. Im Inland selbst ist die Voraussetzung für mehr Fertigung und damit auch für mehr Arbeitsplätze offensichtlich nicht mehr gegeben.

Erklärt das die schwache Binnennachfrage?

Die Menschen sind verunsichert. Sie spüren, dass sich weiteres verändern muss, aber sie wissen nicht, was auf sie zukommt. In diesem Zusammenhang bemängele ich sehr, dass wir kein Gesamtkonzept, keine Vision haben, wo wir hin müssen und was jeden Einzelnen erwartet.

Länger arbeiten sollen die Beschäftigen, auf Feiertage verzichten und nicht mehr so viel Urlaub machen?

Viele, und da nehme ich die Vertreter der Wirtschaft nicht aus, unterbreiten Woche für Woche neue und zum Teil auch abstruse Vorschläge. Das ist nicht hilfreich. Was wir in Deutschland brauchen ist ein schlüssiges Zukunftskonzept. Die Menschen sind sehr viel reformfreudiger, als gemeinhin angenommen wird. Das zeigt sich bei vielen betrieblichen Vereinbarungen, in denen die Beschäftigten zu Zugeständnissen bereit sind, wenn damit der Arbeitsplatz gesichert wird. Auch zu längerer und teilweise unbezahlter Arbeitszeit.

Im Schnitt arbeitet heute jeder 39,9 Stunden die Woche. Sollen das künftig 45 oder 50 Stunden sein?

Das Arbeitszeitvolumen in Deutschland liegt deutlich unter den Werten unserer wichtigsten Wettbewerber. In den USA wird – über das ganze Jahr gesehen – rund 25 Prozent mehr gearbeitet. Wir haben die kürzesten Wochenarbeitszeiten, den längsten Urlaub und eine hohe Zahl von Feiertagen. Diesen Luxus können wir uns auf Dauer nicht leisten. Ich plädiere aber nicht für eine generelle Arbeitszeiterhöhung für alle, sondern für tarifvertraglich festgelegte Korridore, innerhalb derer die Betriebsparteien die Arbeitszeiten festlegen können.

Und die Bezahlung?

Ob und wie viel von der zusätzlichen Arbeit bezahlt wird, sollte ebenfalls in den Betrieben geregelt werden. Die Gewerkschaften argumentieren, nicht die Länge der Arbeitszeit, sondern die Produktivität der Arbeit sei entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit. Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass in anderen Ländern die Produktivität wesentlich niedriger ist als bei uns und wir uns deshalb kürzere Arbeitszeiten leisten können. Das ist vorbei. Deshalb ist die Dauer der Arbeitszeit wichtiger geworden.

Haben Sie einen Fehler gemacht, als Sie 1990 als Verhandlungsführer der Arbeitgeber den Stufenplan zur 35-Stunden-Woche in der westdeutschen Metallindustrie unterschrieben?

Wir haben den Kampf um den Erhalt der 40-Stunden-Woche nicht 1990 verloren, sondern bereits 1984 nach einem siebenwöchigen, sehr harten Arbeitskampf. Ich wollte 1990 das jährliche Gerangel um die jeweils nächste Arbeitszeitverkürzung aus den Tarifverhandlungen herausnehmen und habe mit Herrn Riester einen mehrjährigen Stufenplan vereinbart.

Ist die 35-Stunden-Woche ein historischer Irrtum?

Die Arbeitszeitverkürzung in Deutschland war einer der größten tarifpolitischen Fehler, die wir begangen haben.

Aber Arbeitszeitverkürzungen haben Jobs geschaffen oder gesichert, siehe VW.

Wir erkennen im internationalen Vergleich, dass Arbeitszeitverkürzungen keine Arbeitsplätze schaffen. Arbeitszeitverkürzung im Zusammenhang mit Entgeltkürzungen wie bei VW kann vorübergehend Arbeitsplätze sichern, aber das ist kein Dauerkonzept, sondern die Verwaltung eines Mangels. Mir geht es darum, auch über die Möglichkeit einer längeren Arbeitszeit die Lohnstückkosten zu reduzieren.

Seit Mitte der 90er Jahre sind die Lohnstückkosten, also das Verhältnis von Arbeitskosten und Produktivität, hier zu Lande deutlich gegenüber anderen Volkswirtschaften zurückgeblieben.

Es ist für die deutsche Wirtschaft zunehmend schwierig, sich im internationalen Vergleich zu behaupten. Dabei gibt es weniger ein Problem mit den Bruttoentgelten, diese sind international durchaus wettbewerbsfähig. Aber für diese Bruttogehälter wird zu kurz gearbeitet und darüber hinaus besteht eine enorme Belastung durch die weltweit höchsten Lohnzusatzkosten.

Also ist die Sozialpolitik schuld, nicht die Tarifpolitik?

Teilweise. Für die Arbeitszeit sind die Tarifparteien verantwortlich, für die Sozialversicherungsbeiträge in Höhe von 42 Prozent die Politik. Von der mehrfachen Zusage der Bundesregierung – Absenkung unter 40 Prozent – sind wir meilenweit entfernt.

Deshalb haben Sie kürzlich eine Forcierung der Sozialreformen gefordert. Ist es ratsam das Tempo zu erhöhen, wenn die Menschen schon so verängstigt sind, wie Sie selbst einräumen?

Wir dürfen auf gar keinen Fall in einen Reformstau zurückfallen; diese Gefahr ist im Moment aber sehr groß. Nachdem wir mit der Agenda 2010 des Bundeskanzlers, für die er Respekt verdient, nach Jahrzehnten des Stillstands erste Schritte in die richtige Richtung gegangen sind, sieht es jetzt schon wieder nach Stagnation aus; Verwässerung oder sogar Rücknahme von Reformelementen sind Anzeichen dafür: Die dringend erforderliche grundlegende Reform der Pflegeversicherung zum Beispiel wird aufgeschoben.

Wäre hier eine konzentrierte Aktion nicht hilfreich, ein Miteinander von Politik, Gewerkschaften und Wirtschaftsverbänden?

Ich bin ein grundsätzlicher Befürworter des Runden Tisches oder eines Bündnisses für Arbeit. Ich bedauere, dass die Gewerkschaften und insbesondere eine Gewerkschaft das Bündnis zu Beginn des letzten Jahres kaputt getreten hat. Ein Reaktivieren des Bündnisses in dieser Legislaturperiode halte ich nach den damaligen Vorkommnissen nicht mehr für möglich.

Die IG Metall hat sich im Frühjahr auf einen Tarifvertrag eingelassen, der unter bestimmten Voraussetzungen Abweichungen zulässt. Funktioniert das?

Der Tarifabschluss der Metall- und Elektroindustrie dieses Jahres ist ein deutlicher Schritt nach vorn. Damit können auf der betrieblichen Ebene auch Abweichungen vereinbart werden, wenn sich dadurch die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens verbessert. Die Umsetzung ist im Gang, nicht nur bei Siemens und Daimler-Chrysler, sondern auch bei vielen mittelständischen Unternehmen.

Der Cheftarifpolitiker der IG Metall, Berthold Huber, hat gerade seine Idee von zweistufigen Tarifverträgen bekräftigt: Auf ein tarifliches Grundgehalt gibt es in den Betrieben eine variable, ertragsabhängige Zahlung. Deckt sich das mit Ihrer Vorstellung einer stärker ertragsabhängigen Bezahlung?

Die Position der IG Metall ist problematisch, denn neben der Verhandlung des Flächentarifs käme in den Betrieben noch eine zweite Lohnrunde hinzu. Das können wir nicht akzeptieren.

Wollen die Arbeitgeber die Mitbestimmung zerschlagen, wie die Gewerkschaften argwöhnen?

Nein, das ist nicht unsere Absicht. Wir bekennen uns zur Mitbestimmung, müssen aber zur Kenntnis nehmen, dass sich die Welt um uns herum verändert hat. Deshalb muss unsere Mitbestimmungsregelung modernisiert werden.

Ist der Eindruck so abwegig, dass die Arbeitgeber die Gunst der neoliberalen Stunde und die Schwäche der Gewerkschaften nutzen wollen?

Der Eindruck ist falsch. Die Unternehmen sind zunehmend in großen Schwierigkeiten, was dazu führt, dass immer mehr Produktion in kostengünstigere Länder verlagert wird. Es ist die schiere Not, wenn ein Mittelständler mit seiner Belegschaft Zugeständnisse vereinbart. Die oberste Priorität der allermeisten Firmen ist es, in Deutschland erfolgreich zu sein und hier die Beschäftigung zu sichern.

Wie geht es Ihrer Firma?

Wir müssen teilweise Aufträge zur Kapazitätsauslastung hereinnehmen, die um bis zu 40 Prozent unter unserer Kostenkalkulation liegen. Dies ist nur möglich, wenn wir große Umfänge dieser Aufträge in osteuropäische Länder weitervergeben. Anders geht es nicht.

Das Gespräch führte Alfons Frese.

DIE KARRIERE

Dieter Hundt, 66, geboren in Esslingen am

Neckar, studierte in Zürich Maschinenbau und promovierte. Von 1964 an arbeitete er für AEG Telefunken. 1975 wurde er geschäftsführender Gesellschafter des Autozulieferers Allgaier Werke in Uhingen. Seit 1976 ist er alleiniger Geschäftsführer.

DER FUNKTIONÄR

Ende der 80er Jahre wurde Hundt Vorsitzender des Verbandes der baden-württembergischen Metallindustrie. 1990 handelte er den Stufenvertrag zur 35- Stunden-Woche aus. 1996 wurde er Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände.

DER POLITIKER

Hundt fordert Einschnitte im sozialen Netz, um die Höhe der Sozialbeiträge zu reduzieren. Er plädiert für eine Basissicherung, ergänzt durch individuelle Vorsorge. Auf dem Arbeitgebertag in Berlin am Dienstag wird er seine Vorstellungen zu einer Reform der Mitbestimmung erläutern.alf/Foto:Uwe Steinert

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