Wirtschaft : "Wir brauchen ein Weltfinanzamt"

Frau Hertz[mit Ihrem neuesten Buch haben Sie sich]

Noreena Hertz (34) unterrichtet International Business und Management an der Universität Cambridge. Die Ökonomin hat nach dem Wirtschaftsabschluss an der amerikanische Elitehochschule Wharton ab 1991 die Börse in St. Petersburg mit aufgebaut. Danach promovierte sie in Cambridge. Hertz ist Beraterin internationaler Unternehmen wie Crédit Suisse, France Télécom, KPMG und BP. Ihr Buch "Wir lassen uns nicht kaufen! Keine Kapitulation vor der Macht der Wirtschaft" ist soeben in deutscher Sprache erschienen.

Frau Hertz, mit Ihrem neuesten Buch haben Sie sich als Globalisierungsgegnerin geoutet. Gleichzeiig unterrichten Sie an der Cambridge Business-School. Boris Jelzins Beratern haben sie die Marktwirtschaft erklärt. Wie passt das zusammen?

Ich lehne zwar die Globalisierung in der jetzigen Form ab, aber ich bin keine Anti-Kapitalistin. Der Kapitalismus ist eindeutig das beste System für die Schaffung von Wohlstand, aber dieser Wohlstand muss auch gerecht verteilt werden. Ich bin auch nicht gegen freien Handel. Mir ist aber auch klar, dass Länder, die sich bewusst von der Globalisierung abgekoppelt haben, wie Nord Korea oder Kuba, oder Länder, die nicht teilnehmen konnten, wie die afrikanische Staaten südlich der Sahara, ziemlich schlecht dran sind. Aber darum geht es hier gar nicht.

Worum geht es?

Der entscheidende Punkt ist, dass es den westlichen Ländern nur darum so gut geht, weil wir damals als Kolonialländer mächtig genug waren, dem Süden unsere Handelsregeln zu diktieren. Nur darum können wir den Export subventionieren, die Kapitalströme kontrollieren und die Regeln des Welthandels über die Welthandelsorganisation WTO, die Weltbank oder den Internationalen Währungsfonds bestimmen. Heute wäre das nicht mehr möglich.

Wollen Sie die Globalisierung stoppen?

Nein, das ginge auch gar nicht. Globalisierung bringt ja viele Vorteile mit sich. Das Problem ist nur, dass auch die Regeln global sein müssen. Im Moment setzt die globale Wirtschaft Handelsinteressen vor alles andere - vor Umweltschutz, vor Menschenrechte, vor Arbeitsstandards. Wir brauchen globale Regeln. Nur so kann sichergestellt werden, dass die Vorteile der Globalisierung von allen geteilt werden.

Die nächste Welthandelsrunde ist ausdrücklich zur Entwicklungsrunde erklärt worden, mit genau diesem Ziel.

Sicher, es hat eine Menge Gerede darüber gegeben, dass die nächste Runde eine Entwicklungsrunde sein wird. Aber das ist eine Beleidigung für die Entwicklungsländer.

Eine Beleidigung? Die Weltbank hat vorgerechnet, dass die Entwicklungsländer von einem weiteren Abbau der Handelsbarrieren profitieren werden.

Unfaire Handelsregeln und hohe Exportsubventionen der Industrieländer in der Landwirtschaft und bei Textilien kosten die Entwicklungsländer jeden Tag zwei Milliarden Dollar. Aber darüber ist bei der Welthandelskonferenz in Doha gar nicht wirklich geredet worden.

Entwicklungs- und Industrieländer saßen bei den Verhandlungen an einem Tisch. Abgestimmt wurde einstimmig. Warum haben die Entwicklungsländer nicht widersprochen?

Die Verhandlungen der Ministerrunde waren unfair. Es hat Gerüchte gegeben, dass die Botschafter armer Länder wie Haiti und der Dominikanischen Republik von amerikanischen Handelsbeauftragten unter Druck gesetzt worden sind, damit sie die Regierungsvereinbarung unterschreiben. Mit der Drohung, Entwicklungshilfe zurückzuhalten, falls sie es nicht tun.

Glauben Sie, dass eine weitere Liberalisierung des Welthandels den Entwicklungsländern vielleicht sogar schaden könnte?

Ich glaube, wir sollten uns erst einmal überlegen, wie wir den unfairen Protektionismus der Industrieländer in den Griff bekommen, bevor wir uns über eine weitere Liberalisierung des Handels unterhalten.

Die Weltbank geht davon aus, dass eine weitere Handelsliberalisierung die Armen wohlhabender macht.

Das ist die Geschichte, die sie immer erzählen. Wenn wir nur geduldig sind und lange genug warten, werden die Armen schon reicher werden. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Seit den 90er Jahren sehen wir, dass die Ungleichheit zwischen Arm und Reich wächst. Wenn die Weltbank das Gegenteil behauptet, stimmt das einfach nicht. Wir haben lange genug gewartet. Wissen Sie, was mich sehr beeindruckt hat? Im November 1999 ist Joseph Stiglitz, der frühere Chef-Ökonom der Weltbank, zurückgetreten, weil er glaubte, dass die Politik der Weltbank Armut vergrößert, statt sie zu verkleinern. In wenigen Tagen bekommt er den Wirtschafts-Nobelpreis.

Was erwarten Sie von der nächsten Welthandelsrunde im Januar, die Zoll- und Handelsschranken weiter abbauen soll?

Wenn wir an den Regeln des Welthandels nichts ändern und die armen Länder nicht stärker beteiligen, ist die nächste Runde zum Scheitern verurteilt. Im Moment sind Handel und Entwicklung komplett voneinander getrennt. Während der Handel wächst, ist die Entwicklungshilfe in den letzten zehn Jahren insgesamt um 45 Prozent zurückgegangen. Ich bin sehr pessimistisch, dass eine neue Runde Fortschritte für die Entwicklungsländer bringt.

Was ist die Lösung? Wollen Sie die WTO abschaffen?

Nein, ich glaube auch gar nicht, dass das geht. Freier Handel kann sehr positiv sein. Aber genau so, wie es in jeder nationalen Regierung einen Minister für Handel, für Umwelt, für Gesundheit und für Bildung gibt, die unterschiedliche Interessen vertreten, sollte es auch innerhalb des globalen Systems verschiedene Abteilungen geben.

Wozu wäre das gut?

Im Moment gibt es niemanden, der die WTO kontrolliert. Darum brauchen wir ein Gegengewicht zur Welthandelsorganisation. Nur dann kann die wachsende Kluft zwischen sozialer Ungerechtigkeit und globaler Wirtschaft verkleinert werden.

Was für ein Gegengewicht?

Das könnte zum Beispiel eine Weltsozialorganisation sein, die Umwelt- und soziale Fragen unter einem Dach vereinigt. Und diese Organisation muss mit Zähnen bewaffnet sein. Ziel muss es sein, auf globaler Ebene wieder eine Verbindung zwischen der Wirtschaft und dem Sozialen herzustellen.

Wäre das nicht eigentlich Aufgabe der Gewerkschaften gewesen?

Gewerkschaften arbeiten national, nicht global. Und sie sind viel zu schwach, um so eine Aufgabe wahrzunehmen.

Sie fordern, Regierungen zu stärken, um so die Macht der Konzerne einzudämmen. Überschätzen Sie nicht die Macht des Staates?

Ich glaube, dass die Staaten eine klare Verantwortung gegenüber der Bevölkerung haben. Und die dürfen sie sich nicht von großen Konzernen abnehmen lassen. Nehmen Sie die Bildung. Der amerikanische Sender Channel 1 hat die Erlaubnis bekommen, in den Klassenzimmern von 12 000 amerikanischen Schulen Werbespots auszustrahlen, wenn er die Schulen mit Geld und Sachleistungen unterstützt. Oder ein anderer Fall: Ein amerikanischer Teenager ist von der Schule verwiesen worden, weil er an einem offiziellen "Coca-Cola-Tag" ein T-Shirt von Pepsi-Cola getragen hat. Coca Cola war ein großer Sponsor der Schule.

Und das geht Ihnen zu weit?

Das Ganze gerät langsam außer Kontrolle. Die multinaltionalen Konzerne werden immer mächtiger: 51 der hundert größten Wirtschaftseinheiten der Welt sind heute Unternehmen. Sie kontrollieren die Luft, die wir atmen und das Essen, das wir essen. Anders als Regierungen sind Konzernen aber nicht dem Gemeinwohl, sondern nur ihrem Profit verpflichtet.

Wann hat diese Entwicklung begonnen?

Mit der konservativen Regierung von Margaret Thatcher. Sie hat die Selbstverpflichtung des Staates zur Förderung der Vollbeschäftigung fallen lassen, die Privatvorsorge gerühmt und die Sozialkosten verringert. Ihr Ziel war es, die Kräfte des privaten Sektors freizusetzen und den Staat zurückzudrängen. Das Beispiel hat Schule gemacht: Auch in den USA ist seit US-Präsident Ronald Reagan das wichtigste Instrument zur Liberalisierung die Deregulierung der Wirtschaft.

Deregulierung fördert Wettbewerb und der kommt oft auch dem Verbraucher zugute, weil die Preise sinken. Das kann doch sehr positiv sein.

Aber nicht immer. Nehmen Sie Bolivien. Dort ist 1999 die Wasserversorgung privatisiert worden. Über Nacht stieg der Preis um 200 Prozent. Die Bevölkerung musste plötzlich ein Viertel ihres Gehalts dafür ausgeben, Wasser zu kaufen. Zehntausende Bolivianer gingen auf die Straße. Mit Erfolg: Die Regierung hat ihre Politik geändert und die Wasserversorgung wieder verstaatlicht.

Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen der Globalisierung und den Terroranschlägen vom 11. September?

Keinen direkten. Die Probleme, die wir vor dem 11. September hatten, sind die gleichen wie danach: Ungleichheit, Ungerechtigkeit, und politische und soziale Ausgrenzung. Aber es gibt schon eine Verbindung zwischen dem 11. September und der Welthandelrunde. Wenn wir weiter in einer Welt wachsender Ungleichheit leben, in einer Welt, in der die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden, werden wir mehr Konflikte sehen, mehr Aufstände und mehr Terror. Es gibt eine ganz klare Verbindung zwischen Armut und Terror.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben