• „Wir brauchen eine neue Risikokultur“ Roland Berger sieht die deutschen Stärken in der klassischen Industrie

Wirtschaft : „Wir brauchen eine neue Risikokultur“ Roland Berger sieht die deutschen Stärken in der klassischen Industrie

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Roland Berger (65)

ist Unternehmensberater und Ratgeber

der Bundesregierung

Foto: dpa

Herr Berger, in Deutschland wurden der Computer und das Fax erfunden, die MP3-Technik zur Datenkomprimierung ...

...und die Japaner und Amerikaner haben das Geschäft gemacht. Und genau das ist unser Problem. Es mangelt nicht an technischen Neuheiten oder Patenten, aber an ihrer effizienten Umsetzung in Produkte und Dienstleistungen und deren erfolgreicher Vermarktung.

Bis auf die Autoindustrie. Da sind wir doch weltweit in jeder Hinsicht führend?

Technisch und vom Design her haben Sie Recht. Aber ich fürchte die Marketingoffensive der Japaner und die Produktivitätsoffensive der Franzosen. Unsere französischen Nachbarn haben uns in puncto Effizienz bereits überholt. Und die Japaner greifen in unglaublichem Tempo Nischen auf wie preiswerte Pick-ups, das Cabrio für jedermann und das Sport Utility Vehicle.

Wo sind wir denn wirklich stark?

Die deutsche Wirtschaft ist durchaus innovativ. Ihre Stärke aber liegt in den klassischen Industriezweigen, im Automobil- und Maschinenbau, in der Chemie- oder in der Stahlindustrie. Schwach sind wir in den neuen Hightech-Sektoren. Grundig und Sony sind etwa zur selben Zeit und mit vergleichbaren Produkten gegründet worden. Grundig ging Pleite, während Sony weltweit 62 Milliarden Dollar Jahresumsatz macht. Und mit SAP weisen wir nur ein einziges Softwareunternehmen von Weltgeltung auf.

Was müssen wir tun?

Zunächst brauchen wir eine völlig andere Innovationskultur. Bei uns findet Innovation in erster Linie in Großunternehmen statt. In den USA hingegen entstehen Innovationen vor allem aus der Zusammenarbeit von Universitäten, selbstständigen Gründerunternehmern wie Bill Gates und Wagniskapital. Wir benötigen eine neue Chancen- und Risikokultur.

Die kann man aber nicht verordnen.

Kein Staat und keine Kommission werden das Produkt der Zukunft finden. Das müssen schon die Unternehmen tun. Aber der Staat kann die nötige Bewegungsfreiheit ermöglichen, eine Bildungsoffensive starten und die Bürger darin bestärken, stolz auf innovative Leistungen ihrer Wirtschaft zu sein.

Das wird allerdings nichts daran ändern, dass in der Biotechnik und anderen Branchen der Zug bereits abgefahren ist.

Einspruch. Kein Zug ist jemals abgefahren. In der Biotechnologie hat Deutschland sogar aufgeholt. Der Bundeskanzler hat sich aber zweifellos mit seiner Innovationsoffensive auf einen langen Weg begeben.

Das Gespräch führte Dieter Fockenbrock.

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