Wirtschaft : „Wir brauchen Helden“

Adidas-Salomon-Chef Herbert Hainer über die Fußball-WM, den Wettstreit mit dem amerikanischen Konkurrenten Nike und Jan Ullrich

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Herr Hainer, wo werden Sie am 9. Juli im Jahr 2006 sein?

Da bin ich sehr wahrscheinlich in Berlin und gucke dort das FußballWM-Endspiel Deutschland gegen Argentinien an.

Beides sind von Adidas gesponserte Mannschaften. Wem drücken Sie die Daumen?

Wenn diese beiden wirklich im Endspiel sind, dann soll die bessere Mannschaft gewinnen.

Adidas-Salomon ist der Hauptsponsor der WM. Welche Erwartungen haben Sie an dieses Großereignis?

Erst einmal ist es gut, dass die WM in Deutschland stattfindet. Ich hoffe, dass das Aufbruchstimmung erzeugen und Deutschland aus der Lethargie herausreißen wird, in der das Land seit drei Jahren steckt. Zweitens ist es gut für Adidas-Salomon, weil die WM eine enorme Sportbegeisterung hervorrufen wird, Drittens werden wir eine Menge Merchandising-Produkte kreieren. Die WM wird ohne Frage das wichtigste Ereignis in den nächsten Jahren.

Haben Sie nach der enttäuschenden Leistung der Deutschen bei der EM 2000 daran gedacht, den Vertrag mit der Nationalmannschaft zu kündigen?

Seit ich bei Adidas bin, hat es solche Überlegungen nicht gegeben. Selbst damals haben wir gesagt, dass wir zu diesem Engagement stehen, weil es im Sport auch immer Höhen und Tiefen gibt. Das letzte Jahr hat gezeigt, dass die Deutschen immer wieder in der Lage sind, für Überraschungen zu sorgen. Mit der Vizeweltmeisterschaft hatte ja keiner gerechnet.

Das Endspiel der WM findet in Berlin statt. Welche Bedeutung hat die Stadt für Adidas?

Berlin ist für uns sehr wichtig, weil es die Hauptstadt und eine sehr sportlich ausgerichtete Stadt ist. Wir sind äußerst aktiv in Berlin. Zum Beispiel rüsten wir den Basketballmeister Alba Berlin aus, sind Sponsor des Berlin-Marathons und haben vor zwei Jahren unseren weltweit ersten Adidas-Original-Store dort eröffnet.

Ärgert es Sie nicht, dass der Fußball-Bundesligist Hertha BSC bei Nike unter Vertrag ist?

Natürlich ist Hertha interessant. Aber ich bin von der Entwicklung des Klubs enttäuscht. Da werden seit Jahren große Versprechungen gemacht, und bisher wurde nicht viel erreicht. Wir versuchen schon, mit den besten Partnern zu kooperieren. Unsere Strategie ist, weltweit ein Portfolio an Spielern und Vereinen aufzubauen, die wirklich in ihrer Kategorie die Besten sind, wie Real Madrid oder der FC Bayern. In diese Liga hat sich Hertha noch nicht reingespielt.

Wenn Sie solch weltmännische Ansprüche haben, warum sitzen Sie noch immer in dem fränkischen Dorf Herzogenaurach?

Hier wurde unser Firmengründer Adi Dassler geboren; hier sind die Wurzeln unseres Unternehmens. In unserem Firmensitz arbeiten Menschen von mehr als 40 Nationalitäten. Ich sehe keinen Grund, warum wir weggehen sollten. Ich glaube, dass der Standort für ein Unternehmen heute nicht mehr entscheidend ist.

In den USA, dem wichtigsten Sportartikel- Markt der Welt, würde eine größere Präsenz jedenfalls nicht von Nachteil sein.

Adidas ist durchaus stark im Bewusstsein der Amerikaner verankert, weil wir dort die älteste Sportmarke sind. Bis Mitte der 80er- Jahre waren wir Marktführer in den USA. Auch heute macht die Marke Adidas dort immer noch 1,4 bis 1,5 Milliarden Dollar Umsatz pro Jahr. Zudem haben wir vor zwei Jahren ein neues Headquarter in Portland gebaut, wo 900 Angestellte arbeiten.

Trotzdem hatten Sie im ersten Halbjahr 2003 zwölf Prozent Auftragsrückgang in den USA zu verzeichnen. Warum läuft es ausgerechnet in der für sie wichtigsten Region nicht richtig?

Erstens ist der Markt dort zurzeit sehr schlecht. Es gibt die höchste Arbeitslosenquote, das niedrigste Verbrauchervertrauen seit Jahren und ein verändertes Einkaufsbewusstsein in Folge der Terroranschläge. Deshalb ist der Markt extrem preisgetrieben geworden. Aber er wird sich wieder drehen: Die Amerikaner sind absolut konsumfreudig und sportverrückt und lieben es, Sneakers zu tragen.

Vor allem die ihres Konkurrenten Nike. Sehen Sie Chancen, das zu ändern?

Ich glaube nicht, dass wir Marktführer in Amerika werden, so wie Nike nicht in Deutschland Marktführer werden wird. Da muss man realistisch sein. Aber ich glaube, dass wir den Abstand in Nordamerika verringern können.

Wie können Sie Nike auf deren eigenem Territorium am ehesten schlagen?

Definitiv im Basketball, da werden Trends gesetzt. Dieser Markt ist unser Ziel, und wir wachsen seit 2001 jährlich um 40 bis 50 Prozent, während Nike stagniert. Zugegebenermaßen kommen wir von einem niedrigen Niveau. Wir haben jetzt in Tim Duncan, Kevin Garnett und Tracy McGrady drei der vier besten Spieler der US-Basketballliga unter Vertrag. Sie werden sehen, in den nächsten Jahren werden wir weiter im Basketball wachsen und Nike auch stärker herausfordern.

Aber Nike hat sich das große Talent LeBron James geholt, der als neuer Michael Jordan gehandelt wird.

Natürlich hätten wir LeBron gerne gehabt. Ich bin aber überzeugt, dass die 13 Millionen Dollar pro Jahr völlig überzogen sind für einen 18-Jährigen, der noch nie in der Profiliga NBA gespielt hat. Das ist ein hoher Risikofaktor.

Ist es besser, auf Mannschaften zu setzen, um ein solches Risiko zu minimieren?

Ich glaube schon, dass man im Sport Helden braucht. Davon hängt der Publikumserfolg einer Sportart ab. Boris Becker, Steffi Graf oder Henry Maske sind Paradebeispiele dafür.

Momentan ist es um Sporthelden aus Deutschland schlecht bestellt.

Es gibt sicher zu wenige. Nehmen wir zum Beispiel Tennis: Ein Tommy Haas oder ein Nicolas Kiefer spielen nicht schlecht, aber es sind keine wirklichen Helden. Erstens sind sie nicht gut genug. Haas galt mit 20 noch als Talent – in dem Alter hatte Boris Becker schon zweimal Wimbledon gewonnen. Zweitens glaube ich, die jungen Stars sind heutzutage viel zu verwöhnt. Sie werden mit Geld zugeknallt, tragen die Nase sehr hoch und fahren mit dem Ferrari vor, obwohl sie noch nicht einmal ein großes Turnier gewonnen haben. Das ist sehr schade.

Fällt der Radprofi Jan Ullrich mit seiner Ecstasy-Eskapade im vergangenen Jahr auch in diese Kategorie?

Wir haben ganz klar gesagt, dass wir mit gedopten Sportlern nicht zusammenarbeiten. Deshalb mussten wir den Vertrag mit Jan Ullrich vor einem Jahr kündigen. Aber Jan ist wirklich ein guter Mensch. Natürlich hat er Fehler gemacht. Wenn wir einen Vertrag kündigen, muss das nicht für alle Ewigkeit sein. Wenn der Sportler sich menschlich weiterentwickelt und auch sportlich wieder zu seiner Form zurückfindet wie in diesem Jahr, dann kann es immer wieder ein Zurück geben.

Ullrichs Team Bianchi sucht einen neuen Ko-Sponsor. Haben Sie schon Gespräche geführt?

Natürlich haben wir mit Bianchi gesprochen und sind interessiert. Aber es ist noch zu früh für uns, da einzusteigen.

Der Sänger Robbie Williams ist bei seinem letzten Konzert in Berlin Anfang Juli in Adidas-Sachen aufgetreten. Haben Sie ihm einen Vertrag angeboten?

Die Zielgruppe von Robbie Williams merkt es, wenn er plötzlich die Adidas-Mütze künstlich in die Kamera zieht. Darum schließen wir keine Verträge mit Showstars ab.

Dennoch machen Sie mit Lifestyleprodukten eine Milliarde Euro Umsatz im Jahr. Haben Sie nicht Angst, dass der Retro-Boom zu Ende geht?

Ich glaube, Retro wird immer eine Rolle spielen. Aber es gibt mal Höhen, und es wird auch Tiefen geben. Ich denke, dass es für den einen oder anderen, der nur auf dieser Welle schwimmt, sicherlich gefährlich wird. Diese Phänomene, wie wir sie im Moment bei Puma sehen, haben wir in den letzten zehn Jahren auch bei L.A. Gear oder Fila gehabt. Diese Marken sind gekommen und gegangen. Deshalb bleiben wir bei unseren Wurzeln. Wir bleiben ein Sportunternehmen und werden weiter in Sportarten wie Fußball investieren, damit wir nicht zu anfällig werden für Mode.

Momentan tragen aber nur drei von 18 deutschen Fußball-Erstligaklubs die drei Streifen - es waren mal 13.

Ohne das jetzt böse zu meinen, aber ob Sie jetzt Bielefeld unter Vertrag haben oder nicht, macht für uns als internationale Marke keinen Unterschied. Wir wollen die besten Mannschaften der Welt als Partner.

Weltmeister Brasilien haben Sie aber nicht.

Den werden wir auch nicht kriegen. Nike sponsert Brasilien, wir eben Argentinien. Das ist ganz gut ausbalanciert in Südamerika.

In Asien haben Sie bessere Karten. Sie haben sich die Fußball-Nationalmannschaften von Japan und China gesichert, Nike hat nur Südkorea und ein paar kleinere Teams.

Momentan ist Japan der mit Abstand größte Markt, er macht 50 Prozent des Umsatzes von ganz Asien aus. Südkorea ist auch ganz gut, aber der größte Wachstumsmarkt ist China, keine Frage.

Asien birgt auch Risiken. Die meisten der dort verkauften Fantrikots sind billige Fälschungen.

Dagegen gehen wir vor. Wir haben über 50 Rechtsanwälte und Detektive, die sich nur mit Fälschungen beschäftigen. Aber deswegen werden wir unsere Bemühungen am asiatischen Markt nicht einstellen. Im Gegenteil: Wir machen dort heute schon mehr als eine Milliarde Euro Umsatz im Jahr, und ich gehe fest davon aus, dass es in fünf Jahren zwei Milliarden Euro sein werden.

Wie groß ist der Schaden, der Ihnen durch die Fälschungen entsteht?

Das ist schwer zu sagen. Im letzten Jahr haben wir knapp fünf Millionen Teile konfisziert, aber das ist nur die Spitze des Eisbergs.

Welche Sportart hat derzeit das größte Zukunftspotenzial?

Running ist momentan weltweit angesagt. In den Parks müssen Sie bald Ampeln hinstellen, damit Sie nicht über den Haufen gerannt werden.

Wie sieht es im Bereich Wintersport aus, wo Sie den französischen Hersteller Salomon gekauft haben?

Ich glaube nicht, dass der Wintersportmarkt wachsen wird, allein schon wegen der Klimaentwicklung. Um das Risiko auszubalancieren, wollen wir uns mit Salomon mehr in Richtung Sommersportarten wie Inlineskating und Surfen entwickeln. Der Hauptmarkt von Salomon bleibt aber der Winter, wo wir nach wie vor 400 Millionen Euro Umsatz machen.

Sie haben zwei Töchter. Dürfen die beiden in Puma- oder Converse-Schuhen in die Disko gehen?

Erstens dürfen sie es nicht, zweitens machen sie es nicht und drittens wäre ich sicherlich sauer.

Sind Sie bei Ihren Mitarbeitern auch so streng?

Ja. Wenn jemand in Schuhen der Konkurrenz zur Arbeit kommen würde, wäre das ein Kündigungsgrund. Der soll sein Geld dort verdienen, wo er die Schuhe kauft.

Das Gespräch führten Nicole Adolph und Christian Hönicke.

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