Wirtschaft : "Wir glauben an die Zukunft unseres Pharmageschäfts"

Herr Schneider[Verbraucherministerin Renate K&uum]

Manfred Schneider (63) ist seit 1992 Vorstandsvorsitzender des Pharma- und Chemiekonzerns Bayer. Der promovierte Betriebswirt kam erstmals 1966 zum Bayer-Konzern, 1971 wechselte er zur Duisburger Kupferhütte. Zehn Jahre später kehrte Schneider zu Bayer zurück, wo er 1987 in den Vorstand berufen wurde. Im vergangenen Jahr erlebte Schneider das schwerste Jahr seiner Amtszeit: Bayer musste die Produktion des Blutermedikamentes Kogenate nach Verunreinigungen aussetzen und später den Cholesterinsenker Lipobay vom Markt nehmen, der mit über 50 Todesfällen in Verbindung gebracht wird. Ende April wird Schneider sein Amt an Finanzvorstand Werner Wenning abgeben.

Herr Schneider, Verbraucherministerin Renate Künast hat gerade wieder die Agrarwende in Deutschland beschworen. Macht Ihnen das Angst?

Nein, dann hätten wir ja wohl nicht vor ein paar Monaten die Absicht verkündet, Aventis Crop-Science zu kaufen. Der deutsche Anteil an unserem Pflanzenschutzgeschäft ist im Übrigen vergleichsweise gering. Aber natürlich sehen wir uns genau an, was Frau Künast macht. Ein Jahr nach dem Start der Agrarwende-Diskussion glaube ich, dass sie bei weitem nicht das gebracht hat, was sich die Politik gewünscht hat.

Sie haben für Crop-Science 7,25 Milliarden Euro bezahlt. Ein bisschen viel, wenn man sich ansieht, dass immer weniger Landwirte immer weniger spritzen.

Pflanzenschutzmittel wird es immer geben. Die, die wir heute haben, sind viel besser und schonender als die Produkte von früher.

Trotzdem war der Preis hoch. Besonders, nachdem Sie im vergangenen Jahr die millionenschweren Rückrufaktionen für den Cholesterinsenker Lipobay bezahlen mussten.

Das ist kein Problem. Den Kaufpreis finanzieren wir über Kredite.

Jetzt bekommen Sie noch weitere Sammelklagen an den Hals. Wie teuer wird das Lipobay-Abenteuer insgesamt?

Wir sind der Überzeugung, dass wir uns richtig verhalten haben und sehen etwaigen Prozessen mit Ruhe entgegen.

Ihren Pharmachef haben Sie trotzdem vor die Tür gesetzt.

David Ebsworth hat einen guten Job gemacht, wir haben uns einvernehmlich getrennt. Aber wir wollten im Pharmageschäft einen Neuanfang, nachdem wir im vergangenen Jahr in diesem Geschäftsbereich wegen Lipobay und Kogenate so große Probleme hatten. Darum der Wechsel.

Sie hätten die Pharmasparte ganz verkaufen können. Das haben Ihnen Analysten und Pharmaexperten empfohlen.

Das wäre das Einfachste gewesen. Aber wir glauben an die Zukunft der Pharmasparte bei Bayer. Wir haben eine gute Pipeline, also viele Produkte, die in den kommenden Jahren aus der Forschung an den Markt kommen. Mit dem Lipobay-Rückzug im vergangenen August ist allerdings ein Blockbuster ...

ein Produkt mit mehr als einer Milliarde Dollar Umsatz... .

ausgefallen, der eine tragende Säule des Pharma-Geschäfts war. Dadurch fallen über zwei Milliarden Euro Umsatz weg, mit denen wir in den nächsten Jahren fest gerechnet haben.

Lipobay ist vom Markt, und Nachschub aus dem eigenen Haus ist nicht in Sicht. Was also ist gut an Ihrer Pipeline?

Unser neues Mittel Vardenafil zur Bekämpfung der erektilen Dysfunktion...

also von Potenzstörungen...

hat durchaus Blockbuster-Potenzial. Zudem haben wir drei Produkte, die je einen Umsatz von 400 bis 500 Millionen Euro einbringen könnten. Die werden allerdings frühestens 2003/2004 auf den Markt kommen. Wir müssen jetzt eine Delle durchstehen.

Sie haben im vergangenen Jahr Millionen Tabletten des Milzbrand-Antibiotikums Cipro an die US-Regierung verkauft. Was passiert, wenn der Patentschutz in den USA dafür im nächsten Jahr ausläuft?

Das werden wir schon zu spüren bekommen, weil andere Unternehmen bereits lange darauf lauern, in den Markt einzusteigen. Allerdings haben wir mit einem anderen Blockbuster, dem Blutdrucksenker Adalat, beruhigende Erfahrungen gemacht. Das Medikament ist seit vielen Jahren patentfrei, trotzdem haben wir den Umsatz in den letzten Jahren steigern können. Ich bin ganz optimistisch, dass es nach dem Patentauslauf von Cipro nicht zu einem Crash kommt. Aber Umsatz und Ergebnis werden davon natürlich beeinträchtigt.

Vardenafil ist zurzeit Ihr größter Hoffnungsträger. Das Mittel ist noch nicht zugelassen. Ab wann wollen Sie den Kampf gegen Pfizers Viagra aufnehmen?

Wir rechnen im Herbst mit der Zulassung in den USA, im kommenden Jahr auch in Europa. Mit Vardenafil wollen wir mittelfristig einen Umsatz von über einer Milliarde Euro erreichen. Das ist zwar nicht so viel bei einem so gewaltigen Markt von fünf bis sechs Milliarden Euro, aber wir werden ein ernsthafter Wettbewerber für Pfizer werden.

Gesundheitsministerin Schmidt will die Arzneipreise weiter senken. Werden Sie ein Gesprächspartner für die Politik sein?

Die Menschen werden immer älter. Und alte Menschen brauchen überproportional viele Medikamente. Die Entwicklung neuer Medikamente ist enorm aufwändig. Wenn man diese Medikamente will, muss man sie auch bezahlen. Die Gesundheitssysteme auf der ganzen Welt sind in einem schwierigen Zustand, auch in Deutschland. Was wir bisher an Reformen gemacht haben, sind unzureichende Schritte, um das Problem zu lösen.

Die Gesundheitsministerin hat der Pharmaindustrie erlaubt, sich von einer Reform durch eine Ablasszahlung von 400 Millionen Mark loszukaufen. Geht das noch einmal?

Ich bezweifle, ob man das so formulieren kann. Doch eines ist klar: Für unser Pharmaergebnis ist Deutschland schon längere Zeit nicht mehr so interessant, wie früher. In anderen Ländern, vor allem den USA, gibt es deutlich bessere Renditen. Weil wir dort zum Beispiel keine Festpreise haben. Wenn es weitere Beschränkungen gibt, werden einzelne Unternehmen überlegen, sich ganz aus Deutschland zurückzuziehen. Das hat das US-Unternehmen Pfizer bereits für Frankreich angedroht.

Was also schlagen Sie vor?

Es ist doch klar: Die Ansprüche an die Gesundheitsversorgung werden immer größer. Und das heißt, dass das System nicht so weitergeführt werden kann.

Sondern wie?

Es ist in Deutschland für jeden selbstverständlich, dass er bei seiner Autoversicherung eine Selbstbeteiligung hat. Weil das die Prämien reduziert. Das ist auch in der Krankenversicherung unabwendbar. Die Menschen müssen sich an ihren Krankheitskosten selbst beteiligen. Darum brauchen wir eine grundsätzliche Gesundheitsreform.

Bayer könnte auch durch Kooperationen seinen Markt verbreitern und dadurch Kosten sparen.

Das tun wir ja schon. Wir reden mit bestimmten Partnern über Kooperationen oder die Zusammenlegung bestimmter Funktionen oder Aktivitäten.

Zum Beispiel bei Blutplasma-Medikamenten mit der deutschen Aventis Behring?

Ich bitte um Verständnis: Zu Spekulationen äußern wir uns grundsätzlich nicht.

Ab dem 24. Januar wird die Bayer-Aktie an der New Yorker Börse gehandelt. Werden Sie eine Kooperation vorher bekannt geben?

Das könnte sicher ein Appetizer für die Anleger sein, aber wir stehen unter keinem besonderen Zeitdruck.

Sind Sie im Moment nicht in einer denkbar schlechten Verhandlungsposition, was Partnerschaften bei Pharma angeht?

Ich glaube nicht, dass wir generell in einer schlechten Verhandlungsposition sind. Wir würden gerne einen amerikanischen Partner finden. Der US-Pharmamarkt ist der wichtigste Pharmamarkt der Welt.

Ist das Interesse so groß, dass Sie sich einen Partner aussuchen können?

Wir sind für Partner interessant, die irgendwo zwischen drei und sechs Milliarden Euro Umsatz liegen. Und davon gibt es einige.

Wann erreichen Sie wieder das Ergebnis-Niveau des Jahres vor dem Lipobay-Debakel?

2002 wird schon einiges besser werden. Unter der Voraussetzung, dass wir eine echte wirtschaftliche Belebung haben, werden unsere Gewinne in 2003 wieder deutlich steigen und dann sicher auch der Börsenkurs.

Bayer investiert sehr viel Geld in Kooperationen mit Biotechnologie-Unternehmen. Was versprechen Sie sich davon?

Der Vorteil liegt vor allem in der gezielten Forschung, und das führt hoffentlich zu niedrigeren Forschungs- und Entwicklungskosten und schneller zu Medikamenten.

Auch die grüne, die Pflanzen-Gentechnologie, gehört seit dem Kauf von Aventis Crop Science zu Bayer. Warum stößt sie in Deutschland auf so großes Misstrauen?

Die Industrie hat sich in der ganzen Diskussion nicht besonders intelligent verhalten. Es ist leider nicht gelungen, dem Verbraucher den unmittelbaren Nutzen nahe zu bringen, wenn zum Beispiel Pflanzen pestizidresistent sind. Da gibt es immer noch eine große Unsicherheit.

Zu Recht?

Fachleute sind von der Unschädlichkeit der Gentechnik überzeugt. Aber da gibt es unterschiedliche Auffassungen. Das muss noch ausdiskutiert werden.

Erwarten Sie eine Initiative des Bundeskanzlers, um die grüne Gentechnik auch in Deutschland schnell voranzubringen?

Nein, da gibt es im Moment überhaupt kein Signal. Vor den Wahlen wird nichts mehr passieren. Aber falls er wieder gewählt wird, wird er sicher einen pragmatischen Weg finden, um damit umzugehen. Dann muss das Thema wieder aufgenommen werden.

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