Wirtschaft : „Wir glauben nicht an Bier mit Gurke“

Günther Kollmar, Chef der Oettinger-Brauerei, über Modegetränke, Sponsoring und den Durst der Deutschen

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Herr Kollmar, Oettinger ist das beliebteste Bier in Deutschland, Fußball der beliebteste Sport. Sollten Sie da nicht von Bitburger das Hauptsponsoring der deutschen Nationalmannschaft übernehmen?

Gar nicht, wir sponsern niemanden, weder die deutsche Nationalmannschaft noch einen Michael Schumacher oder wie dieser Rennfahrer heißt. Oettinger investiert keinen Cent in Werbung.

Warum nicht?

Unsere Werbung ist das gute, gekühlte Oettinger bei den Menschen daheim auf dem Tisch. Soll doch die Beck’s-Brauerei ihr Segelschiff durch die Gegend fahren lassen oder bei Licher der Eisvogel ins Wasser stürzen. Wir machen so etwas nicht.

Aber wie haben Sie es ganz ohne Werbung geschafft, zur meistverkauften Biersorte in Deutschland zu werden?

Durch die flächendeckende Distribution im Lebensmittelhandel, die Leute können unser Bier ebenso in Flensburg wie in Berchtesgaden kaufen. Guter Geschmack und ein guter Preis sprechen sich eben rum.

Konkreter formuliert, Sie sind als Hersteller von Billigbier bekannt geworden.

Da gibt es verschiedene Betrachtungsweisen. Ich wehre mich gegen den Begriff Billigbier, weil ihn unsere Wettbewerber in die Welt gesetzt haben, um unser Oettinger abzuqualifizieren. Es gibt kein Billigbier, weil Bier in Deutschland nach gesetzlichen Vorschriften hergestellt wird.

Wie kriegen Sie es hin, so viel günstiger zu sein als die Konkurrenz?

Wir haben hoch effiziente Großbrauanlagen, die wir strategisch klug in Deutschland an fünf Standorten so verteilt haben, dass unsere Transportwege ziemlich kurz sind. Dadurch sparen wir jetzt auch bis zu 60 Prozent der Maut, die für unsere Wettbewerber anfallen. So lassen wir eine Menge Kosten erst gar nicht entstehen, die wir sonst an den Verbraucher weitergeben müssten.

Sie sparen auch Geld, weil Sie ihr Bier direkt vertreiben.

Wir bedienen den Lebensmittelhandel direkt, aber arbeiten auch mit dem Getränkefachgroßhandel zusammen.

Die Gastronomie beliefern Sie allerdings nicht, warum?

Das ist eine Frage der Glaubwürdigkeit.

Ein frisch gezapftes Oettinger am Kneipentresen ist nicht glaubwürdig?

Ja, weil das nicht mit unserer Preispolitik zusammengeht. Am Tresen kostet ein Glas Bier umgerechnet auf den halben Liter etwa 3,50 Euro. Wenn Sie das hochrechnen auf unsere Verkaufseinheit, 20 Flaschen pro Kasten, sind das 70 Euro für zehn Liter. Im Lebensmittelhandel kostet ein Kasten aber sechs, sieben Euro. In der Gastronomie müsste unser Kunde also das Zehnfache zahlen. Da sagt der sich doch zurecht, jetzt fangen sie bei Oettinger das Spinnen an.

Oettinger Bier gibt es auch außerhalb Deutschlands zu kaufen, etwa in Tschechien. Wollen Sie auch Brauereien im Ausland eröffnen?

Natürlich werden wir mit unserer Expansion unseren Kunden folgen müssen – also vor allem in die Ostländer, die der EU schon beigetreten sind oder ihr bald beitreten werden. Dort sind noch Vermarktungspotenziale größeren Stils zu erkennen – Vermarktungspotenziale, die wir in Deutschland nicht mehr so stark sehen.

Wann wird die erste Oettinger-Brauerei im Ausland eröffnet?

Das will ich nicht sagen. Sicherlich haben wir da schon konkrete Überlegungen. Wir Bayern machen lieber das Ergebnis bekannt und nicht die Überlegungen.

Wenn Sie ihre Produktion ins Ausland verlagern, könnten Sie ihr Bier noch billiger verkaufen.

Ich halte nichts davon, Arbeitsplätze zu verlagern. Dadurch würden wir an Ansehen und Reputation verlieren, weil Bier eine Heimat braucht. Außerdem haben wir hier gute Mitarbeiter und deswegen bleiben wir in Deutschland.

Also, wenn Sie eine Brauerei im Ausland eröffnen, dann nur, um den Markt vor Ort zu bedienen. Sind ihre Überlegungen dazu schon so konkret, dass in diesem Jahr was daraus werden kann?

Nein, in diesem Jahr mit Sicherheit nicht. Es bedarf ja einer Vorbereitungszeit, eine Brauerei nach unserem System muss groß sein und die Infrastruktur vor Ort muss stimmen. Es gibt außerdem noch die Möglichkeit mit internationalen Gruppen ins Gespräch zu kommen, wie etwa Heineken oder Carlsberg.

Heißt das, Sie wollen mit einer Großbrauerei kooperieren?

Eine Kooperation kommt nicht in Frage, aber es kann doch sein, das da eine Brauerei übrig bleibt.

Wie zum Beispiel die Hannenbrauerei in Mönchengladbach ?

Richtig, die ist schlicht und ergreifend bei der Expansion von Carlsberg auf den zentraleuropäischen Markt übrig geblieben und wir haben sie gekauft.

Oder Sie machen es so wie die Rotkäppchen-Kellerei? Rotkäppchen ist die meistgetrunkene Sektmarke in Deutschland und hat vor zwei Jahren mit Mumm einen Konkurrenten aus dem Premiumsegment übernommen.

Wir werden bei unserer Kernmarke Oettinger bleiben und nicht ins Premiumgeschäft einsteigen. Schließlich übernimmt Aldi auch nicht Dallmayr in München, um ins Feinkostgeschäft einzusteigen.

Sie werden auch der Aldi unter den Bierbrauern genannt. Was haben Sie denn mit Aldi gemeinsam?

Konzeptionell macht Aldi das Gleiche wie wir: kostensparend arbeiten. Ein Unternehmen, das wie Oettinger eng, straff und zentral geführt wird. Ich fühle mich nicht beleidigt, wenn wir mit Aldi verglichen werden. Das ist doch eine Bestätigung, dass wir beachtet werden und es richtig machen.

Im vergangenen Jahr sind 6,4 Millionen Hektoliter Oettinger verkauft worden. Was erwarten Sie für 2005?

Wir sind der Ansicht, dass das Marktsegment, das wir bedienen, sich mindestens festigen, wahrscheinlich sogar wachsen wird. Daher glaube ich, dass wir unsere Spitzenposition halten können.

Sie haben einmal gesagt, ihr Ziel ist ein Marktanteil von zehn Prozent in Deutschland.

Daran arbeiten wir.

Experten sagen, auf dem deutschen Biermarkt wird der Premiumbereich stagnieren und nur noch das Billigsegment werde wachsen. Fürchten Sie, dass Ihnen nun die anderen Brauereien in dieser Preisklasse Konkurrenz machen werden?

Das ist doch schon passiert. Warsteiner zum Beispiel hat die Billigmarke Paderborner auf den Markt gebracht. Aber so lange die 100000 Hektoliter Paderborner verkaufen und gleichzeitig 300000 Hektoliter Warsteiner verlieren, ist das ein Schuss ins Knie.

Einen Kasten Oettinger kann man in Berlin schon für 4,99 Euro kaufen. Wie weit kann der Preis noch runtergehen?

Diese Preise sind Kampfmaßnahmen des Lebensmittelhandels, damit haben wir nichts zu tun. Der Handel ist zurzeit hoch nervös, nur deswegen gibt es so bescheuerte Aktionen wie drei Kisten Warsteiner kaufen – aber nur zwei bezahlen. In wie weit das noch etwas mit einer seriösen Kalkulation zu tun hat, kann ich nicht nachvollziehen.

Aber der Handel wird doch auch versuchen bei Ihnen als Hersteller die Preise zu drücken.

Wir unterstützen diese Preisdrückerei nicht. Für die Spannenvernichtung ist der Lebensmittelhandel höchstselbst verantwortlich.

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum die Deutschen immer weniger Bier trinken?

Das machen sie doch gar nicht.

Aber der Pro-Kopf-Verbrauch ist seit den 70ern von 150 Litern jährlich auf 113 Liter zurückgegangen.

Die Bevölkerung in Deutschland wird weniger, nicht der Bierkonsum. Außerdem leben hier immer mehr Menschen aus anderen Kulturen, die auch andere Trinkgewohnheiten haben. Ein türkischer Mitbürger zum Beispiel, der geht morgens nicht zum Frühschoppen.

Um junge Leute anzusprechen, bieten viele Brauereien Mixgetränke an, zum Beispiel Warsteiner ein Orangen-Limetten-Bier. Oettinger mit Limettensaft – wäre das etwas?

Wir bieten Radler und Cola-Bier an. Dass nicht alle dieser neuartigen Mischungen ein Verkaufsrenner sind, zeigen die Schwierigkeiten der Brauerei Frankenheim in Düsseldorf, die vor ein paar Tagen an Warsteiner verkauft worden ist. Die haben diesen Mischmasch erfunden, mit Frankenheim Blue. Das war eine doch sehr kurzlebige Innovation. Und wenn mal so eine Kreation der Konkurrenz erfolgreich ist, dann können wir sie immer noch nachmachen.

Gibt es denn derzeit ein Mixgetränk, das nachahmenswert wäre?

Wir haben noch keines entdeckt. Da kommt ja alles Mögliche, der eine macht jetzt plötzlich Bier mit Gurke und der andere mit Banane, das ist ja alles sehr schön. Aber das können nicht die Umsatzträger der Zukunft sein.

Das Interview führten Bernd Hops und Dagmar Rosenfeld.

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