Wirtschaft : "Wir haben auch einen moralischen Anspruch auf Hilfe"

Ist die Veag gerettet? Oder bedarf es trotz des zu

Der Vorstandsvorsitzende über die Zukunft des ostdeutschen Stromversorgers und den Wettbewerb auf dem Energiemarkt

Jürgen Stotz (56) ist Vorsitzender des Vorstandes der Veag. Angesichts dramatischer Umsatzeinbrüche steckt das Energieversorgungsunternehmen in einer akuten Liquiditätskrise. Als ersten Schritt zur Stabilisierung haben die Anteilseigner (darunter Veba, Viag, Bewag und die Energiewerke Baden-Württemberg) in der vergangenen Woche der Veag einen Kreditrahmen von einer Milliarde Mark zur Verfügung gestellt. Gerettet ist die Veag damit noch lange nicht. Zudem führt die Fusion von Veba und Viag bei der Veag zu kartellrechtlichen Problemen. Deshalb würde das amerikanische Energieunternehmen Southern Company, Großaktionär der Bewag, gerne die Veba-Anteile an der Veag übernehmen. Das wiederum führt zu politischen Verwerfungen: Denn im Gegensatz zu Wirtschaftsminister Werner Müller hat Kartellamts-Präsident Ulf Böge keine Einwände gegen den Einstieg eines Ausländers bei der Veag. "Das Kartellamt würde eine Wettbewerbsstruktur bei der Veag mit mehreren Teilnehmern begrüßen", sagte Böge am Wochenende. Veba-Chef Stotz kämpft somit derzeit an vielen Fronten. Der Diplom-Ingenieur begann seine berufliche Karriere bei den Neckarwerken. 1990 kam er in den Vorstand der Veag; 1994 wurde er Vorstands-Sprecher. Mit Stotz sprachen Daniel Rhée-Piening und Antje Sirleschtov.

Ist die Veag gerettet? Oder bedarf es trotz des zusätzlichen Kreditrahmens von einer Milliarde Mark bald neuer Hilfen?

Die Veag ist mit der Entscheidung im Aufsichtsrat in der Lage, wieder Luft zu holen. Das ist ein erster Schritt in die richtige Richtung, aber wir sind noch längst nicht am Ziel. Das Darlehen werden wir wie jeden anderen Bankkredit verzinsen.

Was muss denn passieren, damit die Veag dauerhaft überleben kann?

Wir haben nun die Liquiditätsprobleme im laufenden Jahr im Griff, aber noch nicht die langfristige Ertragslage. Wir brauchen vier Milliarden Mark frisches Kapital, sei es über eine Netzumlage für die Braunkohleverstromung im Osten, sei es durch einen Geldeinschuss der Gesellschafter.

Sie gehen also davon aus, dass die Anteilseigner den Kreditrahmen auch wirklich zur Verfügung stellen?

Ja. Und ich glaube, dass dies auch ein wichtiges Signal ist in Richtung Banken, die möglicherweise durch die widersprüchliche öffentliche Diskussion verunsichert waren. Unter anderem deshalb sind wir direkt nach der Aufsichtsratsitzung an die Öffentlichkeit gegangen.

Gab es denn Schwierigkeiten?

Die Banken und auch die Wirtschaftsprüfer sind bei allen Gesellschaften kritischer geworden. Auch der eine oder andere Mitarbeiter mag Angst gehabt haben, dass sein Gehalt nicht mehr gezahlt wird. Aber die Furcht war natürlich nicht gerechtfertigt. Wir haben immerhin noch rund sechs Milliarden Mark Eigenkapital bei gut vier Milliarden Fremdverschuldung. Wenn alle deutschen Gesellschaften so finanzieren könnten, gäbe es weit weniger Probleme.

Wie können die Gesellschafter sicher sein, dass ihr Kredit bis zum Jahresende ausreichen wird.

Wir müssen die Schere zwischen Kosten und Preisen, also unseren Erträgen, schnell schließen. Dies ist eine Frage der langfristigen Planung. Beschlossen wurde ein Zwei-Stufen-Plan. Zunächst haben die Gesellschafter entschieden, dass wir Stromlieferungen aus Kraftwerken, an denen die Gesellschafter beteiligt, sind zu den gleichen Bedingungen bekommen, zu denen wir den Strom verkaufen. Es wäre ja auch etwas seltsam, wenn wir an die Anteilseigner mehr bezahlen müssten als wir zu Marktpreisen erlösen können. Zudem werden wir der Laubag und Mibrag ab sofort für ihre Braunkohle nur noch Wettbewerbspreise zahlen. Beide Maßnahmen zusammen werden die Kosten bei der Veag um rund 550 Millionen Mark senken. Weitere 150 Millionen Mark wollen wir mit Hilfe einer Ausgabensperre einsparen. Darüber hinaus nehmen wir uns unser Investitionsprogramm vor. Wir werden schieben, kürzen, streichen und wollen so in diesem Jahr rund 300 Millionen Mark sparen.

Kostet dies auch Arbeitsplätze?

Das so genannte Stabilisierungsprogramm hat zunächst keinen Einfluss auf die Zahl der Arbeitskräfte. Der angekündigte Stellenabbau um 2000 auf dann 4000 hängt mit schon länger geplanten Stillegungen und Rationalisierungen zusammen.

Welche Investitionen werden gestoppt? Was wird die Veag - anders als geplant - in diesem Jahr nicht bauen?

Wir müssen das prüfen. Es wäre unseriös, wenn ich heute sagen würde, dies oder jenes wird gestoppt. Investitionen, die sie heute stoppen und morgen weiterbauen, werden sehr teuer. Wir werden natürlich Lippendorf, das bereits am Netz, aber noch nicht vollständig fertig ist, nicht wieder vom Netz nehmen, aber vielleicht werden wir den Garten nicht so schön einsäen. Auch die Ausgaben für die dortige Eröffnungsfeier werden drastisch reduziert. Insgesamt sind das viele Einzelmaßnahmen.

Warum die Fusion mit der Laubag? Was bringt das für die Veag?

Ich habe immer gesagt, die Kohle und die Verstromung müssen enger zusammenrücken. Wir haben mit den Strompreisen zwei Milliarden Mark an die Laubag für Renaturierungen der Kohlegruben überwiesen. Sie liegen bei der Laubag auf der hohen Kante. Wenn beide Unternehmen zusammengehen ist das neue Unternehmen für die Banken deutlich attraktiver. Die Bilanzstruktur verbessert sich deutlich. Aber wir diskutieren in der gegenwärtigen Situation natürlich auch über den richtigen Kohlepreis. Wenn wir unter Kosten verkaufen müssen, weil dies der Wettbewerb fordert, muss auch der Kohlepreis entsprechend sein. Die Laubag will aber natürlich auch gerne schwarze Zahlen schreiben. Da ist es sinnvoller die Kräfte des Managements für das gemeinsame Überleben zu bündeln, als sich zu streiten, wer den höheren Beitrag leisten muss.

Zudem: Jedes Kraftwerk ist ein Betrieb und daneben gibt es einen Tagebaubetrieb. Sollen wir da nicht aus zwei Betrieben möglicherweise einen machen und auf jeden Fall aber die Serviceleistungen dafür zusammenfassen?

Strom kann man heute in ganz Europa billigst einkaufen. Wieso sollten die Verbraucher die Veag jetzt noch einmal subventionieren?

Die Veag ist nicht in die jetzige Lage gekommen, weil wir schlecht gewirtschaftet hätten. Wir haben viel viel besser gewirtschaftet als es beispielsweise im Privatisierungsvertrag vorgesehen war. Danach hätten wir heute einen Strompreis von 14 Pfennig je Kilowattstunde, mit acht Pfenning hätten wir gut überlebt. Aber wir können derzeit durchschnittlich nur sechs Pfennig erlösen. Das ist das Problem. Wir haben auch einen moralischen Anspruch, Hilfe zu bekommen. Mit den Steuergeldern aus Ostdeutschland wird beispielsweise auch die Kohle an der Ruhr subventioniert. Insgesamt mit acht Milliarden Mark. Wir bekommen keine Mark. Würden wir allein das umleiten, was in Ostdeutschland an Steuer anteilig für die Ruhrkohle aufgebracht wird, könnten wir damit leben.

Aber selbst die Gesellschafter haben doch signalisiert, dass sie kein besonders großes Interesse daran haben, die Veag in ihrer jetzigen Form zu erhalten?

Das ist Ihre Interpretation.

Braucht die Veag neue Gesellschafter?

Wenn an dieser Gesellschafterstruktur etwas verändert werden soll, kann dies nur mit den heutigen Gesellschaftern passieren. Es ist müßig, darüber zu spekulieren, was passiert, wenn der eine oder andere Anteile abgibt. Aber ich bin sicher, dass sich die Gesellschafter ihrer besonderen Verantwortung für die Veag bewusst sind. In der Vergangenheit brauchten sie im Prinzip Einstimmigkeit in wichtigen Unternehmensfragen. Dies muss sich ändern. Die Gesellschafter müssen jeder für seinen Anteil selbst verantwortlich sein, sie brauchen die volle Handelbarkeit für ihre Anteile und müssen sie verkaufen können, wenn sie dies wollen, oder wenn eine Auflage aus Brüssel oder Bonn kommen sollte. Daran wird gearbeitet.

Ist ihnen egal, wer die Anteilseigner sind?

Nicht unbedingt. Natürlich sind wir heute in einer besonderen Lage, dies ist ja bekannt. Unsere Anteilseigner sind Wettbewerber untereinander, und der farbige Strom aller Tönungen, der in Ostdeutschland angeboten wurde, kam ja durchaus auch aus den Häusern unserer Gesellschafter. Deshalb haben wir sie ja auch aufgefordert, darüber nachzudenken, wie sie ihrer Verantwortung im Osten nachkommen können, wenn sie gleichzeitig billigen Strom hierher liefern oder anliefern. Wir haben im vergangene Jahr über 1200 Einzelanfragen auf Durchleitungen bekommen. Nach genauer Prüfung hat die Veag die Durchleitung zum größten Teil abgelehnt. Wir kämpfen bis heute für jede Kilowattstunde, die aus ostdeutscher Braunkohle gemacht wird.

Warum brauchen wir den Strom aus ostdeutscher Braunkohle überhaupt?

Das ist im Moment der einzige Strom in Gesamteuropa, dessen Preisentwicklung langfristig kalkulierbar ist. Das ist eine ganz stabile Bank. Wir wissen genau, wie die Kostenentwicklung im Bergbau ist und sein wird. Doch wird mussten in sehr kurzer Zeit 17 Milliarden Mark investieren und haben jetzt hohe Abschreibungen und Zinsbelastungen. Bei der Konkurrenz sind die vergleichsweise kaum nennenswert. Wenn sie unsere Kapitalkosten herausnehmen würden, hätten wir kein Problem, im Wettbewerb zu bestehen.

Also nur aus betriebswirtschaftlichen Gründen?

Nein, denken sie an die zwei Milliarden Mark. Würde man die Gruben so lassen, wie sie heute sind, würde die Spree rückwärts fließen und ihr Bett wäre - auch in Berlin - für die nächsten fünfzig Jahre leer.

Das sind gesellschaftliche Aufgaben. Unterstützt sie die Politik dafür ausreichend?

Die Veag ist heute ein Top-Thema, das auch beim Bundeskanzler behandelt wird. Es gibt keine Partei, weder im Bund noch im Land, die nicht an einem großen und unabhängigen ostdeutschen Unternehmen interessiert ist. Natürlich werden auch Wünsche nach Arbeitsplätzen in der Region, nach niedrigen Strompreisen geäußert. Das dies nicht immer kompatibel ist, ist auch klar. Auch die Politiker suchen mit viel Verantwortungsgefühl nach einer Lösung für die Veag. Aber das bleibt ein schwieriger Weg.

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