Wirtschaft : „Wir haben nicht aus den Folgen der Gier gelernt“

Klaus Martini, Chefanlageberater der Deutschen Bank, über die Strategie, in unsicheren Zeiten sein Geld richtig anzulegen

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Herr Martini, freuen Sie sich auf das neue Börsenjahr?

Ja. Es ist unwahrscheinlich, dass es nach drei Minusjahren noch einmal nach unten geht.

Warum sind Sie so optimistisch?

Weil viele Unternehmen wieder fit sind: Sie haben radikal ihre Kosten gesenkt, sich von unrentablen Produkten getrennt und ihre Bilanzen schlanker gemacht. Wenn die Konjunktur auch nur ein bisschen anspringt, werden diese Unternehmen wieder gutes Geld verdienen – quer durch alle Branchen.

Das hört sich ja nach Aufschwung an...

Es ist ein kleiner, zyklischer Aufschwung – kein neuer Bullenmarkt. Die Leute schöpfen wieder Hoffnung und sagen sich: Das alte Jahr war nichts, lasst uns das neue besser beginnen.

Und was kommt danach?

Die Geschichte zeigt, dass es nach den großen Übertreibungen an den Börsen erst zu einer völligen Ernüchterung und dann häufig zu einer längeren Phase der Stagnation gekommen ist, wir sprechen von Seitwärtsbewegung. In einer solchen Phase befinden wir uns jetzt.

Wie lange wird sie dauern?

Das kann schon noch drei bis vier Jahre so weitergehen. Man konnte das in den 30er Jahren beobachten nach dem Crash von 1929 oder später in den 70er Jahren und in Japan. Wir werden ein paar Jahre mit heftigen Kursschwankungen – auch nach oben – erleben, aber die Renditen werden insgesamt mager bleiben.

Wie reagieren Sie darauf als Vermögensverwalter?

Wir haben gelernt, dass wir in der Vergangenheit oft zu eindimensional gedacht haben. Es hieß zu häufig: Aktien – oder keine Aktien. Aber es gibt noch eine ganze Menge anderer Anlagemöglichkeiten – Immobilien, Hedge Fonds, Renten in allen Spielarten. Wir werden unseren Kunden künftig eine noch breitere Palette an Produkten anbieten. Dabei dürfen wir allerdings nicht vergessen, dass auch bei den Festverzinslichen nicht zu viel zu erwarten ist.

Warum nicht?

Die Anleger sind in den vergangenen zwei Jahren aus riskanten Aktien in sichere Häfen geflüchtet und haben dabei die Kurse der Rentenpapiere in die Höhe getrieben. Gleichzeitig sind die Zinsen drastisch gesunken. Nehmen wir Staatsanleihen: Die Renditen sind in den USA von 15 Prozent im Jahr 1982 auf heute vier Prozent gefallen. Wenn jetzt die Zinsen wieder steigen, könnte es am Rentenmarkt zu einem Kurssturz kommen.

Da befinden sich die Anleger in einer Zwickmühle. Renten sind riskant geworden, Aktien sind es geblieben. Was empfehlen Sie?

Wir sagen den Anlegern: Schraubt eure Erwartungen herunter, geht nur die Risiken ein, die ihr tatsächlich vertragen könnt, und verteilt euer Kapital noch stärker als in der Vergangenheit auf verschiedene Anlageformen. Da sind wir als Vermögensverwalter in der Tat gefragt, weil es keine Daumenregeln für alle Anleger gibt. Einen Professor, der sein Haus abbezahlt hat und nun Geld übrig hat, das er anlegen will, müssen wir anders behandeln als eine junge Familie, die anfängt, ihr Vermögen aufzubauen.

Und Aktien kommen aus der Mode?

Nein, im Gegenteil. Aktien sind inzwischen so preiswert wie seit vielen Jahren nicht mehr. Die Dividendenrenditen liegen erstmals seit den 60er Jahren wieder über der Geldmarktrendite. Die KursGewinn-Verhältnisse waren zuletzt Anfang der 80er Jahre so günstig.

Die Aktienquote ist trotzdem so niedrig wie vor 20 Jahren, die Fonds nehmen deutlich weniger Kapital ein. Die Anleger scheinen die positiven Signale noch nicht empfangen zu haben.

Uns belasten immer noch zu viele strukturelle Probleme, die aus den 90er Jahren stammen. Nehmen Sie das hohe Handelsbilanzdefizit in den USA, das entstanden ist, weil die Amerikaner jahrelang übermäßig auf Pump konsumiert haben. Das kann man nicht über Nacht ins Lot bringen. Eine starke Zinserhöhung, die diese Übertreibung beenden könnte, würde jetzt die ganze US-Wirtschaft abwürgen.

Wie stark wird ein drohender Irak-Krieg die Börsen in diesem Jahr belasten?

Ein Irak-Krieg wäre wahrscheinlich gar nicht das größte Problem. Die gesamte Situation im Mittleren Osten und die Radikalisierung des Islam werden uns noch lange beschäftigen. Das wird nicht nur politische Kraft, sondern auch sehr viel Geld kosten. Ein militärischer Schlag gegen den Irak ist in den Aktienkursen eigentlich schon drin.

Wie kann die Vertrauenskrise, in der sich die Anleger nun schon so lange befinden, überwunden werden?

Wenn die Stimmung ohnehin schon so schlecht ist, werden auch nur noch schlechte Nachrichten wahrgenommen. Das setzt eine Spirale nach unten in Gang. Hinzu kommt, dass sich viele Investoren prozyklisch verhalten haben. Die Versicherungen mussten zum Beispiel Aktien verkaufen, als alle anderen auch verkauft haben. Das hat zusätzlich für Verunsicherung gesorgt und den Markt nicht stabiler gemacht. Den privaten Aktiensparern kann man solche Fehler nicht anlasten. Den Großen aber schon. Was wir beobachtet haben, ist aber eigentlich ziemlich menschlich: Wir verhalten uns entweder vernünftig oder gierig. Und obwohl die Folgen der Gier bekannt sind, lernen wir zu wenig daraus.

Und was haben Sie daraus gelernt?

Wir kennen die meisten schlechten Meldungen. Wir wissen, dass der Terror uns bedroht, wir wissen, dass die Unternehmen sich im Boom übernommen und extrem verschuldet haben, wir kennen die Betrüger bei Enron und Co. Also: Wenden wir uns doch den positiven Signalen zu. Die Banken vergeben wieder mehr Kredite. In den USA nehmen die Unternehmen wieder mehr Geld über Anleihen auf. Das Geschäft mit Fusionen und Zusammenschlüssen kommt langsam wieder in Schwung, weil die Unternehmen feststellen, dass es wieder lohnende Investments gibt.

2002 haben nur fünf Unternehmen den Gang an die Deutsche Börse gewagt. 2000 waren es über 100. Werden es im kommenden Jahr wieder mehr?

Die Banken haben einiges in der Pipeline. Sollte das Börsenjahr auch nur annähernd besser werden als 2002, dann werden interessante Unternehmen an die Börse gehen. Damit wird auch wieder etwas Leben in den Venture-Capital-Markt, den Markt für Risikokapital, kommen.

2002 war das letzte Jahr für den Neuen Markt. Ist das Projekt, einen Technologiemarkt in Deutschland zu schaffen, gescheitert?

Nein, natürlich nicht. Der Neue Markt ist nur als eigenes Börsensegment verschwunden. Die Unternehmen, die an ihm notiert sind, bleiben weiter an der Börse, und es werden weiter Wachstumsunternehmen ihren Weg dorthin finden. Denn das Wichtigste am Neuen Markt lebt weiter: Seine strengen Transparenzvorschriften und Zulassungsvoraussetzungen werden in dem neuen Primärmarkt übernommen. Damit ist die Grundlage dafür geschaffen, dass auch in Zukunft an der Börse eine Eigenkapitalplattform für junge, wachstumskräftige Unternehmen besteht, die höchsten internationalen Anforderungen genügt.

Auf welche Branchen sollten die Anleger in diesem Jahr setzen?

Vor allem die Markenhersteller und Marktführer haben ihre Hausaufgaben machen können, weil sie vorher nicht so stark investiert haben. Die holen sich nun Marktanteile von den Schwächeren. Im Bankenbereich tut sich einiges, vor allem international – auch einige Versicherer, die gut finanziert sind, sind wieder interessant. Die Allianz zum Beispiel geht ja trotz der aktuellen Schwierigkeiten nicht Pleite. Deutsche Autoaktien würde ich mit Vorsicht genießen. Und Technologieaktien werden sicher wieder am stärksten von einem Aufschwung profitieren – mit entsprechend höherem Risiko für die Anleger.

Wird die amerikanische Börse wieder den Takt vorgeben?

Der US-Markt ist im Moment zwar, verglichen mit dem deutschen oder europäischen, teurer. Aber wenn die Konjunktur weltweit wieder anspringt, dann wird die amerikanische Wirtschaft die Lokomotive sein. Sie wird auch die US-Börsen als Erste wieder ankurbeln. Dazu sind wir in Europa einfach zu schwach und machen zu viele Fehler.

Herr Martini, die Wette gilt: Wo steht der Dax Ende 2003?

Ich erwarte ein Plus von zehn bis 15 Prozent.

Das Gespräch führte Henrik Mortsiefer.

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