Wirtschaft : "Wir haben noch Spielraum bei den Schulden"

KLAUS FRIEDRICH, der an der amerikanischen Cornell University promovierte, zählt zu den profiliertesten Volkswirten der deutschen Finanzszene.Eine Steuerreform, sagt er, könnte teilweise über eine staatliche Kreditaufnahme gegenfinanziert werden.Die Einhaltung der Maastricht-Kriterien würde dies nicht gefährden.Mit Klaus Friedrich, der gebürtiger Berliner ist, sprach Andreas Hoffmann.Foto: Keystone

TAGESSPIEGEL: In Japan schrumpft die Wirtschaft, in Indonesien ist der Wohlstand der vergangenen Jahre vernichtet, und Rußland steht vor einem Abgrund? Naht eine weltweite Rezession?

FRIEDRICH: Es ist sicher besorgniserregend, daß die schlechten Nachrichten nicht abreißen.In Rußland hätte es kaum schlimmer kommen können.Insgesamt verschlechtert sich die globale Wirtschaft rapide.

TAGESSPIEGEL: Also Rezession?

FRIEDRICH: Nein.Dann müßte die Wirtschaft schrumpfen.Wir gehen für Westeuropa und die USA weiter von einem soliden Wachstum aus, auch wenn sich die Konjunktur verlangsamen wird.

TAGESSPIEGEL: Um wieviel?

FRIEDRICH: Das kann man noch nicht sagen.Deshalb ändern wir unsere Prognose für Deutschland nicht drastisch.

TAGESSPIEGEL: Was waren die Hauptfehler in Rußland?

FRIEDRICH: Der Westen, insbesondere der IWF, hat sein Geld viel zu leichtsinnig vergeben.Rußland erhielt wegen seines früheren Supermachtstatus und seiner Atomwaffen eine Sonderrolle, weil es als politisch destabiles Land eine Gefahr für den Westen ist.Moskau hat das Geld genommen, aber nicht den Rat.Wir hätten den Reformkurs nachdrücklicher einklagen müssen.

TAGESSPIEGEL: Hat der Westen nicht zuviel Marktwirtschaft verordnet?

FRIEDRICH: Da sind sicher zu ambitionierte Ziele verfolgt worden, aber es gab auch simple Fehler.Rußland wollte die Wechselkurse mittelfristig fixieren und bot gleichzeitig hohe Zinsen an.Eine unsinnige Spekulation war die Folge.Praktisch bedeutete es, daß auf dollargarantierte Anlagen 50 bis 60 Prozent Zinsen gezahlt worden sind.Das konnte nicht gut gehen.

TAGESSPIEGEL: Aber diese Verhältnisse waren doch bekannt.

FRIEDRICH: Der einzelne Investor wußte es, gewiß.Jeder setzte aber darauf, daß Moskau möglichst lang den Wechselkurs hält und er davon profitiert.An den Finanzmärkten regiert der Herdentrieb.Das ist wie im Kino.Steht einer auf, kann er den Film gut sehen.Stehen alle auf, sieht keiner mehr was.

TAGESSPIEGEL: Helfen Kapitalkontrollen ?

FRIEDRICH: Man kann diese Kontrollen nicht generell empfehlen.Wichtig ist ein geordneter Finanzsektor in den aufstrebenden Ländern, insbesondere in Rußland.

TAGESSPIEGEL: Also kein neoliberaler Katechismus?

FRIEDRICH: Es klingt hohl, den Russen jetzt mit der reinen Lehre zu kommen und zu sagen: Markt.Markt.Markt.Kurzfristig könnten gewisse Kontrollen notwendig werden, um Zeit zu kaufen.

TAGESSPIEGEL: Die Deutschen haben den Kapitalfluß jahrzehntelang kontrolliert.

FRIEDRICH: Eben.Die Kontrollen darf man nicht dogmatisch sehen, aber die gewonnene Zeit muß für Reformen genutzt werden.An Geld mangelt es nicht.Rußland hat mehr Dollars als Rubel.

TAGESSPIEGEL: Den neuen russischen Notenbankchef Wiktor Geraschtschenko hat die Zeitschrift "Economist" als den schlechtesten Notenbankchef der Welt bezeichnet, weil er auf die Notenpresse setzt.

FRIEDRICH: Bei unseren Erwartungen an Rußland müssen wir ganz kleine Brötchen backen.Zunächst müssen die Verteilungswege und die Produktion in Ordnung kommen.Dann muß die neue Regierung Vertrauen in den Finanzsektor herstellen und ein sinnvolles Steuersystem einführen.Einen Fuß vor den anderen.

TAGESSPIEGEL: Hat der IWF durch seine Daumenschrauben in Asien die Krise nicht verschärft?

FRIEDRICH: Es ist leicht, dem IWF Fehler vorzuwerfen.Am Montagmorgen läßt sich der Elfmeter vom Sonnabend gut halten.Im Ernst.Der IWF hat die Krise nach altem Muster gesehen, etwa daß es den staatlichen Ausgaben oder der Geldpolitik an Disziplin mangelt.Aber das war falsch.Es floß zu schnell zu viel kurzfristiges Geld, das unsinnig angelegt wurde - weil die Kapitalgeber nur auf die attraktiven Renditen starrten.Diese Finanzströme kann der IWF jedoch nicht orten.Dazu fehlen ihm Instrumente.

TAGESSPIEGEL: Und jetzt?

FRIEDRICH: Der IWF muß sich viel stärker mit institutionellen Fragen beschäftigen.Werden die Banken in den Ländern vernünftig reguliert? Wie realistisch ist die Unterlegung mit Kapital, also hat eine Bank wirklich Eigenkapital oder nicht?

TAGESSPIEGEL: Endet damit die Globalisierung bevor sie richtig angefangen hat?

FRIEDRICH: Die Globalisierung läßt sich nicht aufhalten.Man kann an ihr teilnehmen, aber das eigene Haus muß in Ordnung sein.Ohne ein funktionierendes Finanzsystem kann ein Staat die Märkte nur vorsichtig öffnen.Die Globalisierung bringt ja Vorteile, wie einen steigenden Lebensstandard.Das Wirtschaftswunder in Asien ist nicht auf Luft gebaut.

TAGESSPIEGEL: Wie wirken sich die Krisen auf Deutschland aus?

FRIEDRICH: Das ist die große Frage.Zur Zeit erleben wir, daß sich der Aufschwung durch die Binnennachfrage verfestigt.Die Löhne sind moderat gestiegen bei fallenden Preisen, und so werden die Masseneinkommen gestärkt.Das stützt die Konjunktur und schlägt auf den Arbeitsmarkt durch.

TAGESSPIEGEL: Deutschland hat immer noch über vier Millionen Arbeitslose.

FRIEDRICH: Nicht mehr lange.In ein, zwei Monaten unterschreiten wir diese Grenze.

TAGESSPIEGEL: Falls Rußland- und Asienkrise sich nicht verschärfen?

FRIEDRICH: Die realwirtschaftlichen Effekte sind beherrschbar.Die Unternehmen haben wenig in diese Regionen exportiert.

TAGESSPIEGEL: Bleiben die vielen faulen Kredite der Banken.

FRIEDRICH: Da wird es sicher zu Korrekturen kommen.Die Bankaktien sind ganz schön gebeutelt worden, und die Kurse werden weiter stark schwanken.

TAGESSPIEGEL: Die Dresdner Bank hat kürzlich den Standort analysiert.Danach schneidet Deutschland bei den Faktoren Exportleistung, Attraktivität für ausländisches Kapital und Anpassungsfähigkeit der Unternehmen recht gut ab.War die Klage der Herren Henkel und Co.überzogen?

FRIEDRICH: Es herrschte wohl eine gewisse Ungeduld mit der Regierung, weil sie die Reformen nicht anpackte.Anders als in der Wirtschaft.Dort steigerten die Unternehmen ihre Produktivität und vereinbarten maßvolle Lohnabschlüsse.Das verbesserte unsere Wettbewerbsfähigkeit.

TAGESSPIEGEL: Was sollte denn die neue Bundesregierung als erstes anpacken?

FRIEDRICH: Eine Steuerreform.Wir brauchen niedrige Grenzsteuersätze und eine breite Bemessungsgrundlage.Das darf nicht wieder zerredet werden.

TAGESSPIEGEL: Wie soll sie finanziert werden?

FRIEDRICH: Das Volumen, etwa 30 bis 50 Mrd.DM, muß nicht vollständig gegenfinanziert sein.Möglich wäre eine Kreditaufnahme.Deutschland hat bei den Maastricht-Kriterien noch Spielraum.Den sollten wir nutzen.

TAGESSPIEGEL: Also neue Schulden?

FRIEDRICH: Wir haben Spielraum.Die Gegenfinanzierung ist ein Buhmann.Wichtig ist es, die Wachstumskräfte anzuregen.Das könnte auch zusätzliche Steuereinnahmen bringen.

TAGESSPIEGEL: Und die Reform des Rentensystems?

FRIEDRICH: Da müssen Leistungsversprechen sicher gekürzt werden.Ebenso muß die private Vorsorge gestärkt werden.Aber kein Rentner soll in Armut leben müssen.

TAGESSPIEGEL: Eine Mindestrente?

FRIEDRICH: Absolut.Wir wollen keine Armut im Alter.Deutschland kann sich das leisten.

TAGESSPIEGEL: Welche Parteien würden sie am liebsten in der Regierung sehen?

FRIEDRICH: Es wäre unpassend, persönliche Vorlieben zu äußern.Als Volkswirt ist mir wichtig, daß die Reformen nun endlich umgesetzt werden.Jetzt muß regiert werden.

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