Wirtschaft : „Wir haben Weckdienste organisiert“

Der Chef der Arbeitsagentur Berlin Süd über neue Jobs und alte Probleme.

Foto: Arbeitsagentur Berlin Süd
Foto: Arbeitsagentur Berlin Süd

Herr Bielert, im Berliner Süden liegt die Arbeitslosenquote bei 11,9 Prozent. Warum ist sie so hoch?

Das muss man differenziert betrachten. Die Quote derer, die in den Bereich der Arbeitsagentur fallen und Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung beziehen, liegt nur bei 2,1 Prozent. Damit befinden wir uns nahe an der Vollbeschäftigung. Im Moment haben wir 4519 offene Stellen, die Situation ist also nicht so schlecht.

Dann beziehen mehr als 80 Prozent der Arbeitslosen bereits Hartz IV. Positiv klingt das nicht.

Aber diese Gruppe ist sehr heterogen. Die meisten von ihnen sind weniger als sechs Monate arbeitslos. Allerdings gibt es auch 18 820 Menschen, die länger als ein Jahr arbeitslos sind.

Was sind das für Personen, die auch im positiven wirtschaftlichen Umfeld über lange Zeit keine Arbeit finden?

Das sind in der Regel Menschen, die generell viele andere Probleme haben und daher nur schwer Zugang zum Arbeitsmarkt finden. Zu den Problemen gehören fehlende Qualifikation, Sucht, Verschuldung und familiäre Schwierigkeiten. Einigen fehlt auch das Interesse an einer regelmäßigen Arbeit.

Was kann die Arbeitsagentur für diese Leute tun?

In kleinen Schritten Probleme mit ihnen lösen und sie dann an den Arbeitsmarkt heranführen. Dabei können wir auf ein Netzwerk an Hilfsangeboten zugreifen, bis hin zu einer Begleitung durch Sozialarbeiter. Wir haben im Extremfall auch schon mal Weckdienste für Arbeitslose organisiert, die Schwierigkeiten beim Aufstehen hatten. Alles in allem gelingt es uns immer besser, die Menschen an den ersten Arbeitsmarkt heranzuführen. Natürlich ist es leichter bei Personen, die Qualifikationen haben. Seit einem halben Jahr können wir diese Gruppe im Rahmen der Berliner Joboffensive sehr intensiv betreuen. Hierfür haben wir die Zahl der Vermittler aufgestockt.

Stellen die Firmen überhaupt ehemalige Hartz-IV-Empfänger ein?

Ja, immer öfter. Wir beobachten ein deutliches Umdenken in der Arbeitgeberlandschaft. Das hat natürlich etwas mit der hohen Nachfrage zu tun. Wenn das Angebot kleiner wird, erhöht sich die Kompromissbereitschaft. Das gilt auch im Ausbildungsbereich. Inzwischen bilden die Unternehmen auch Schulabgänger aus, die nicht nur beste Schulnoten haben.

Welche Arbeitskräfte werden gesucht?

Wir haben Anfragen aus allen Bereichen und nach allen Qualifikationen – vom Akademiker bis zum Hilfsarbeiter. Ein großer Arbeitgeber im Berliner Süden aus dem Bereich Medizintechnik sucht unter anderem Ingenieure.

Und wie geht es weiter?

Im Moment profitieren wir von dem milden Wetter. Wenn es in den kommenden Wochen nicht doch noch zu einem Kälteeinbruch kommt, unter dem die Bauwirtschaft zu leiden hat, gehe ich von einer weiter hohen Nachfrage nach Arbeitskräften aus. Ich sehe mindestens eine stabile Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt und rechne eher mit weiter sinkenden Arbeitslosenzahlen.

Das Gespräch führte Corinna Visser

Jürgen Bielert

ist Geschäftsführer der Agentur für Arbeit

Berlin Süd. Dazu gehören: Steglitz-Zehlendorf, Tempelhof-Schöneberg, Neukölln und Treptow-Köpenick mit 64 031 Arbeitslosen.

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