Wirtschaft : „Wir haben weniger als 60 Arbeitsplätze abgebaut“

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Herr Leonhardt, am kommenden Montag treffen sich die Gläubiger von Herlitz zur entscheidenden Versammlung. Wird Herlitz gerettet?

Ich habe sehr große Hoffnung, dass die Gläubiger meinem Plan zustimmen und Herlitz damit gerettet ist. Es gibt sehr positive Signale von den Banken und anderen Gläubigergruppen.

Wie viele Arbeitsplätze werden verloren gehen?

Von den derzeit noch rund 2700 Arbeitnehmern haben wir deutlich weniger als 60 kündigen müssen.

Was ist bei Herlitz denn schief gelaufen?

Schief gegangen ist die Expansion von Herlitz, die Ende der 80er Jahre begonnen wurde. Mit einer Papierfabrik in Russland, mit Investitionen in den Wohnungsbau in Falkensee, mit Immobilieninvestitionen in Tegel, in Spandau und in das Hochregallager in Falkensee. Die Immobilien waren komplett oder in hohem Maße fremdfinanziert. Um die Belastungen tragen zu können, hat Herlitz versucht, den Umsatz über die Margen auszuweiten. Das ging schließlich schief. Am Ende liefen die Bankkredite aus, Herlitz war zahlungsunfähig. Herlitz war aber im bilanztechnischen Sinne nicht überschuldet.

Was sind die Eckpunkte Ihres Rettungskonzepts?

Wir haben die Immobilien aus der operativen Gesellschaft herausgelöst und sie zu einem fiktiven Preis den Banken gegeben. Die haben nun das Recht sie auch zu verwerten. Diese Immobilien werden nun nur noch zurückgemietet in dem Umfang, in dem sie Herlitz auch gebrauchen kann. Das Lager in Spandau wurde geräumt, damit ist Herlitz von Millionenbeträgen befreit. Lizenzverträge wurden gekündigt. Wir haben uns auch von Partnern, beispielsweise Fiege, getrennt.

Hat auch die öffentliche Hand einen Beitrag geleistet?

Sicherlich, aber öffentliche Gläubiger verzichten nicht wirklich auf das Geld, sondern sie verzichten nur darauf, ihren Anspruch geltend zu machen. Würden sie ihn geltend machen, wäre das Unternehmen abwicklungsreif, und sie würden nichts bekommen.

Und die Banken?

Es sind Forderungsverzichte in erheblicher Größenordnung erfolgt. Nominell werden die Banken auf 30 Millionen Euro verzichten. Der Rest lässt sich nicht beziffern. Dies hängt davon ab, wie sich der Wert der Immobilien in Zukunft entwickelt. Aber alle Gläubiger verzichten nur auf Forderungen, die sie bei einer Abwicklung von Herlitz nicht hätten realisieren können. Keiner steht am Ende schlechter da.

Das neue Insolvenzrecht ist nun etwa seit eineinhalb Jahren in Kraft. Lassen sich jetzt Unternehmen und Arbeitsplätze eher retten als nach dem alten Recht?

Theoretisch ja. Aber praktisch ist Herlitz der erste größere Fall, der in der Form des so genannten Planverfahrens bearbeitet wird. Die Großinsolvenzen, angefangen bei Holzmann über Kirch bis Mühl, laufen nicht im Rahmen eines Planverfahrens ab.

Was sind denn die Voraussetzungen für das Planverfahren?

Sehr wichtig ist, dass das Verfahren rechtzeitig eingeleitet wird. Wenn ein Unternehmen völlig den Bach runter ist, lässt sich auch im Planverfahren nicht mehr viel machen. Wenn schon die Kunden weggelaufen sind, die Banken die Kredite kündigen und die Mitarbeiter keine Löhne und Gehälter mehr bekommen, dann ist das Unternehmen nicht mehr zu retten.

Werden Insolvenzverfahren zu spät beantragt?

Eindeutig ja. Bei Babcock habe ich auch den Eindruck, dass das Verfahren erst sehr spät in Gang gekommen ist. Das Management von Babcock hätte viel früher die Reißleine ziehen müssen. Am Schluss nach dem Staat zu rufen finde ich schlimm.

Wenn einem Unternehmen die Insolvenz droht, werden schnell die Banken als Schuldige ausgemacht.

Das stimmt nicht immer. Zunächst einmal ist immer das Management verantwortlich. Die Banken müssen auch sorgfältig prüfen, welcher Kredit noch vertretbar ist. Und bei den Banken wird auch schärfer gerechnet, das macht es dem Insolvenzverwalter nicht leichter.

Sind öffentliche Gläubiger flexibel?

Im Fall Herlitz eindeutig ja. Wir haben sehr gute Gespräche mit den öffentlichen Gläubigern geführt. Im Regelfall ist diese Gruppe leider nicht immer so flexibel. Aber der Insolvenzverwalter muss dem Arbeitsamt oder den Krankenkassen auch vorrechnen, dass sie im Falle eines Zusammenbruchs des Unternehmens nichts bekommen werden, und deshalb nicht aus formalen Gründen ihre Forderungen geltend machen sollen.

Ist das neue Recht nun perfekt, oder besteht Nachbesserungsbedarf?

Es gibt sehr viel Nachbesserungsbedarf. Beispielsweise führt die vorgeschriebene Veröffentlichung der Gerichtsbeschlüsse im Amtsblatt zu einer erheblichen Verzögerung des Termins, weil man die Veröffentlichung voranmelden muss, und das Amtsblatt nur alle vierzehn Tage erscheint. Zu überlegen wäre, ob nicht eine Veröffentlichung in Tageszeitungen oder dem Internet genügt. Wir mussten beispielsweise bei Herlitz ein hohes Tempo vorlegen. Am 3. April sind wir angetreten, am 15. Juli soll die Insolvenz beendet sein. Im August müssen unsere Kunden nämlich wissen, ob es Herlitz in Zukunft noch gibt. Dann wird die Ware für Weihnachten bestellt.

Das Gespräch führte Daniel Rhée-Piening.

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