Wirtschaft : "Wir hätten mehr erreichen müssen"

WARSCHAU (jow/HB).Eine "tragende Rolle Polens und Deutschlands im europäischen Einigungsprozeß" sieht der Vorstandsvorsitzende der Siemens AG, Heinrich von Pierer.Auf einer Handelsblatt-Veranstaltung in Warschau warnte er aber vor Politikern, Unternehmern und Bankern auch davor, daß die Globalisierung, die er mit einem aufgescheuchten Grizzly-Bären verglich, unaufhaltsam sei und "keine Schutzzonen" übriglasse, "weder für Deutschland, noch für Polen".

Von Pierer würdigte Polens Wirtschaftswachstum von sechs Prozent, die unter 15 Prozent gesunkene Inflationsrate, den "konsequenten Abbau" der Staatsschulden auf weniger als 50 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP), das Wachstum in der Industrie von zehn Prozent und die mit 9,8 Prozent "niedrigste Arbeitslosigkeit seit 1991".Zwar seien angesichts der Turbulenzen in der internationalen Finanzwelt, vor allem im politsch und wirtschaftlich angeschlagenen Rußland" Abstriche von bisherigen Wachstumserwartungen zu machen, doch, so betonte von Pierer, sei Polen "auf dem richtigen Kurs."

Die mögliche Aufnahme in die Europäische Union stelle Polen aber vor neue Herausforderungen.Die landwirtschaftliche Produktion mache noch 24 Prozent der Erwerbstätigen aus - gegenüber drei Prozent Erwerbslandwirten in Deutschland: "Eine sofortige Aufnahme Polens hätte eine Kostenexplosion im Agrarhaushalt der Europäischen Union zur Folge." Polen verbrauche ferner "pro Kopf doppelt bis dreimal soviel Energie" wie EU-Länder.Die Einführung von EU-Umweltnormen könne "Ausgaben von bis zu 240 Mill.Dollar verursachen".

Von Pierers Gegenrezept: Modernisierung der Infrastruktur: "Moderne Telekommunikationsnetze, eine umweltfreundliche Energieversorgung und gut ausgebaute Verkehrswege bilden die Basis für weiteres Wachstum und Wohlstand.Durch den Transfer moderner Technologien wird die Wettbewerbsfähigkeit Polens weiter erhöht."

Bisher sei Siemens, so von Pierer bei einem Pressegespräch, mit einem Jahresvolumen von rund einer Mrd.DM noch nicht zufrieden mit seinem Geschäft in Polen, das mit 35 Mrd.DM "Deutschlands Handelspartner Nummer eins in Mittel- und Osteuropa" sei - "Rußland eingeschlossen".Mit 3400 Mitarbeitern liegt indes das Engagement des Unternehmens in Polen hinter dem in Tschechien (8000), Ungarn (5000) und der Slowakei (5000).Von Pierer: "Wir hätten mehr erreichen müssen."

Zum besseren Polen-Start des Konkurrenten ABB führt er an, die Schweden und Schweizer hätten es zunächst in Polen aus historischen Gründen leichter gehabt, ins Geschäft zu kommen.Dies ist schon der zweite Polen-Besuch des Vorstandsvorsitzenden in diesem Jahr.Damit wolle er in Warschau und gegenüber seinem Konzern die Wichtigkeit des Landes signalisieren - nach dem Motto: "Wo des Herren Augen ruhen, da gedeiht die Herde."

Zum verlorenen, von Siemens angefochtenen Tender für eine polnische Hochgeschwindigkeitsbahn, sagte von Pierer, er akzeptiere die Niederlage: "Einmal trifft es uns, ein andermal die anderen." Zu Auswirkungen der Rußlandkrise auf Siemens blieb er wortkarg, "um die Märkte nicht weiter zu beunruhigen".Rußland mache indes nur zwei Prozent des Siemens-Geschäfts aus, so der Konzernchef.Auch die Asienkrise betrachte er eher gelassen: "Unsere Projekte dort sind keineswegs auf Eis gelegt.Wir verfolgen unsere Ziele wie zuvor, vielleicht etwas langsamer.Wir werden dort aber alle unsere Projekte realisieren." Von Pierer: "Bei Siemens haben wir einen langen Atem." Von Quartalsberichten und Euphoriewellen werde er sich nicht jagen lassen.

Mehr lesen? Jetzt gratis E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben