Wirtschaft : "Wir investieren in Steine und Beine"

Herr Meier[so richtig im Hoch ist Borussia Dortmu]

Michael Meier, Manager des Bundesligisten Borussia Dortmund, über den geplanten Börsengang, Übernahmefantasien und Internet-Radio

Michael Meier (50) ist Geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Fußball-Bundesligisten Borussia Dortmund. Der Manager plant, den erfolgreichsten deutschen Fußballverein der neunziger Jahre an die Börse zu bringen - früher oder später, denn zurzeit ist der Champions-League-Sieger und Weltpokal-Gewinner von 1997 im sportlichen Tief. Meier stammt aus dem westfälischen Lünen, studierte in Köln Betriebswirtschaft und arbeitete unter anderem im Büro eines Steuerprüfers. Vor seiner Arbeit bei Borussia Dortmund war Meier Manager beim 1. FC Köln und Bayer Leverkusen.

Herr Meier, so richtig im Hoch ist Borussia Dortmund im Moment nicht. Sie haben den Börsengang zurückgestellt ...

Ich kann ja nichts zurückstellen, was ich nicht terminiert habe. Die Leute unterscheiden eines nicht: Börsengang oder Gründung einer Kapitalgesellschaft, das sind ja nun ganz unterschiedliche Dinge. Wir haben gesagt, wir machen den Termin des Börsengangs davon abhängig, wie unser BVB-Klima speziell und das Börsenklima generell ist. Wenn der Zeitpunkt optimal ist, dann geht es los.

1999 hatte es noch geheißen, wir gehen noch in diesem Jahr an die Börse, spätestens aber im Juni 2000.

Das ist zwar immer wieder berichtet worden. Tatsache ist aber, dass wir nie einen Termin genannt haben. Wohlwissend, dass wir hier ein Terrain betreten, auf dem ein einmal genannter Zeitpunkt nicht ohne größeren Schaden wieder zurückgenommen werden kann.

Sie haben mal gesagt, der Börsengang sei unabhängig vom sportlichen Erfolg. Was macht Sie da so zuversichtlich?

Ich habe gesagt, viel wichtiger als der sportliche Erfolg ist die Story, die der Verein zu erzählen hat. Wenn wir eine Skala nehmen von eins bis zehn, auf der zehn das sportliche Optimum ist und eins das Minimum, also der Abstieg, dann sollten wir nicht bei eins, aber auch nicht bei zehn unbedingt in die Börse einsteigen. Dann sagst du dir, du spielst jetzt in der Champions League, spielst um den Weltpokal und den Superpokal, welche Story willst du jetzt noch erzählen, mehr gibts doch gar nicht an Wettbewerben.

Auf welchem Punkt der Skala würden Sie denn einsteigen?

Unser Optimum liegt in der Mitte. Manchester United ist an die Börse gegangen, da waren sie, glaube ich, Tabellenvierter. Der Börsenkurs ist trotzdem nach oben gegangen. Ajax Amsterdam ist zu einem Zeitpunkt an die Börse gegangen, da waren sie nach riesigen Erfolgen in einer sportlichen Schieflage. Das hat sich negativ auf den Börsenkurs ausgewirkt.

Vom Tabellenstand her wäre jetzt der ideale Zeitpunkt für den Börsengang gekommen.

Na, ideal ist der Zeitpunkt nicht. Das wäre er vielleicht, wenn wir auf einem Rang wären, der uns die Möglichkeit gäbe, im nächsten Sommer auch wieder international zu spielen.

An der Börse spielen die Fantasien der Anleger eine große Rolle. Wo steckt denn bei Borussia jetzt noch die Fantasie, die Story?

Wir sind immer noch Nummer eins bei den Zuschauerkapazitäten. Und auch das Merchandising, also der Verkauf von Fanartikeln, ist ausgeweitet worden. Außerdem haben wir für 130 Millionen Mark ein Stadion gebaut, das rentabel wirtschaftet, ganz im Gegensatz zu anderen Bundesliga-Klubs, die bislang nur virtuelle Stadien haben. Für einen Analysten und einen Anleger ist das von Bedeutung.

Und das reicht aus?

Wir wollen zu dem Anteil von 46 Prozent, den wir jetzt am Stadion halten, noch weitere Anteile hinzukaufen. Auch die Vermarktung liegt bei uns. Wir haben bewiesen, dass wir dieses Stadion in die Gewinnzone bringen können. Das ist eine Geschichte. Außerdem soll es ja noch eine weitere Ausbaustufe geben. Da sind also noch Fantasien.

Investieren Sie auch außerhalb des Fußballs?

Ja. Wir haben zum Beispiel ein eigenes Reisebüro gegründet, an dem wir uns als Borussia mit 51 Prozent beteiligen. Und wir haben uns an einer Internet-Firma beteiligt. Neben dem BVB versucht diese Firma auch andere Sportler und Vereine als Kunden zu gewinnen. So hat diese Firma die Internet-Radiorechte für die Deutsche Eishockey Liga (DEL) erworben. Aber unsere Kernkompetenz ist Fußball - und so muss es auch bleiben.

Englische Klubs engagieren sich auch in Finanzdienstleistungen. Käme das für die Borussen nicht in Frage?

Der englische Markt ist mit dem deutschen nicht vergleichbar. In Deutschland würde uns niemand abnehmen, dass wir hier Kompetenz haben. Das würde als reine Geschäftemacherei ausgelegt. In der Anfangseuphorie des Merchandising haben wir auch mal Butter und Milch lizensiert mit dem BVB-Emblem. Aber auch da hat uns niemand geglaubt, dass wir eine bessere Kompetenz haben als die Markenmilch.

Haben Sie Angst vor dem Verlust Ihrer Glaubwürdigkeit?

Wenn wir sagen, wir machen Kommerz mit Herz, dann muss das auch stimmen. Wenn die Fans aber den Eindruck haben, jetzt greift der nur in die Tasche, weil er das ganz große Geld machen will, dann ist das unglaubwürdig. Und ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass es trotzdem gewinnbringend sein kann.

Fußball-Aktien unterliegen normalerweise starken Schwankungen. Was können Sie tun, um das Risiko zu begrenzen?

Ganz rational gesehen, ist die Fußball-Aktie nicht volatiler als andere. Aber die Börse ist sehr emotional. Wenn nach dem Beinbruch eines Spielers plötzlich der Aktienkurs fällt, ist das rational eigentlich nicht ganz nachvollziehbar. Die Fernseh- und Werbeverträge sind längerfristiger abgeschlossen, wirtschaftlich wird also kein Einbruch da sein, höchstens sportlich.

Bei der Höhe des Aktienkurses spielen Übernahmefantasien eine große Rolle. Die haben sie aber durch die gewählte Rechtsform der KGaA, in der sie die Mehrheit des Aktien behalten, von vornherein abgewürgt. Ist das nicht ziemlich halbherzig?

Der Mangel ist durchaus da. Aber Sie müssen eins sehen: Es ist unglaublich wichtig, dass der Wettbewerb, wie er in der jetzigen Form in der Bundesliga existiert, geschützt wird. Insofern hat es schon seine Bewandnis, dass man sich gegen einen Fremdeinfluss wehren kann. Die Attraktivität der Aktie ist vielleicht aufgrund der geringen Einflussnahme geringer. Wir müssen das durch eine andere Attraktivität kompensieren, mit den Dingen, die ich schon genannt habe.

Aber was hat der Dortmund-Fan dann vom Börsengang? Der kauft sich vielleicht eine Aktie, hängt sie übers Bett und gewinnt am Ende des Jahres bestenfalls zwanzig Mark.

Ich finde es fairer, wenn man Mitglieder und Fans auch an dem wirtschaftlichen Erfolg des Vereins materiell beteiligt. Die Menschen wollen sich neben der emotionalen auch die wirtschaftliche Beteiligung sichern. Bisher bekam das Mitglied nur einen Mitgliedsausweis, an jedem Spieltag sein BVB-Magazin und konnte an den Jahreshauptversammlungen teilnehmen, auf denen Präsidiumsmitglieder gewählt oder abgewählt werden können.

Warum sollten institutionelle Anleger eine Fußballaktie kaufen?

Weil Fußball ein Geschäft ist, das bewiesen hat, dass es rentabel sein kann und enorme Ressourcen in ihm schlummern. In den vergangenen zehn Jahren hat der Verein eine Umsatzsteigerung von 20 Millionen auf 160 Millionen gemacht. Das Interesse an der Aktie ist gewaltig.

Gut, aber es ist ihnen nicht gelungen, den Umsatz in Gewinn umzusetzen. Der ist mit 1,6 Millionen Mark im letzten Jahr vergleichsweise gering gewesen.

Für wen sollten wir auch Gewinne machen? Bei der Steuergesetzgebung in Deutschland muss ich erst mal 50 Prozent an Herr Eichel abliefern. Das können Sie auch keinem Fan mehr erklären. Und die Mitglieder, die eigentlich das Recht dazu hätten, die dürfen keine wirtschaftlichen Vorteile genießen und darum keine Rendite bekommen. Darum haben wir immer versucht, durch Re-Investition des verdienten Geldes in Steine und Beine zu investieren.

Die Fans schreien den Spielern schon jetzt "Scheiß-Millionäre" zu. Wird sich die Distanz durch den Börsengang nicht noch vergrößern?

Die Identifikation bekommen sie nicht über die Gesellschaftsstruktur, sondern über die Farbe Schwarz-Gelb. Und über die Mannschaft. Entscheidend ist, was auf dem Platz passiert. Oder haben Sie gesehen, dass Fans von Manchester abrücken, nur weil die jetzt an der Börse sind?

Es gibt 33 europäische Fußball-Klubs an der Börse. Nicht alle haben dort Erfolg. Schrecken Sie diese Erfahrungen nicht ab?

Es gibt Tops und Flops, das ist richtig. Aber es sind vor allem die Zweitliga-Klubs in England gewesen, die die Flops ausmachen.

Die Gefahr, dass die Aktionäre irgendwann sagen, mir ist das Risiko, in die Zweite Liga abzusteigen, zu groß, wir machen einen closed shop, wie groß ist die?

Das wäre eigentlich die konsequenteste Form, aber das kann man in Deutschland dem Publikum nicht klarmachen. Das wäre ein Eingriff in die Fußballseele.

An welchen Markt geht Borussia Dortmund eigentlich?

Nicht an den Neuen. Wir sind konservativ.Das Gespräch führten Maren Peters und Helmut Schümann.

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