Wirtschaft : „Wir leben unter unseren Verhältnissen“

Ökonom Bofinger fordert ein Ende der Sparpolitik

Tobias Symanski

Peter Bofinger kann die Spar- und Reformappelle der Talk-Show-Ökonomen schon lange nicht mehr hören: „Was für eine tolle Rettung soll das sein“, fragt der Wirtschaftsweise, wenn Arbeitnehmer weniger Geld bekommen, länger arbeiten müssen und dafür sozial auch noch schlechter abgesichert sind? „So sägen alle jene, die heute wie kleine Nimmersatts nach jeder Reform lauthals nach der nächsten rufen, an den tragenden Ästen unserer gesamten Gesellschaftsordnung.“

Mit gleicher Vehemenz greift er auch immer wieder in die Diskussion um den schwachen Dollar ein. Die Europäische Zentralbank sollte massiv Dollar gegen Euro kaufen und die US-Währung stützen. Man könne nicht überall in Europa sparen, aber den Wechselkurs, der ebenfalls ein wichtiger Faktor bei der Wettbewerbsfähigkeit sei, einfach als gegeben hinnehmen.

In seinem neuen Buch, „Wir sind besser als wir glauben – Wohlstand für alle“ zieht Bofinger auch in Bezug auf die Sparappelle einen vollkommen anderen Schluss als die meisten. „Wir leben nicht über, sondern unter unseren Verhältnissen“, schreibt der Würzburger Professor für Volkswirtschaftslehre, was angesichts der kollektiven Jammerdepression derzeit aber keiner hören wolle. Der Keynesianer Bofinger gehört zu einer aussterbenden Art von Ökonomen, die sich der gesamtwirtschaftlichen Nachfrageseite verschrieben haben. Steigenden Löhnen kann der Volkswirt weit mehr abgewinnen als sinkenden Unternehmenssteuern. „Beim starren Schielen auf Kostensenkungen und den Abbau des Kündigungsschutzes vergessen die Unternehmen, dass sie letztendlich von der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage leben“, sagt er.

Populär ist Bofingers Sichtweise derzeit wirklich nicht. Karstadt, Opel und Co. fordern von ihren Beschäftigten Enthaltsamkeit, die Masse der angebotsorientierten Volkswirte klatscht in die Hände. Bofinger ist das egal. Wenn alle das Sparen predigen, fordert er Ausgaben, Ausgaben und nochmals Ausgaben. Die Unternehmen sollen mehr Geld für ihre Mitarbeiter ausgeben, die Reichen sollen mehr Steuern bezahlen und der Staat in Autobahnen, Schulen und Universitäten investieren.

Bofinger macht sich in seinem Buch erst gar nicht die Mühe, seine Zunft mit wissenschaftlichen Höhenflügen zu beeindrucken. Mit anschaulichen Beispielen aus dem Leben und verständlichen Grafiken versucht er, dem interessierten Laien ein einfaches Bild von volkswirtschaftlichen Kreisläufen zu zeichnen: Jede Ausgabe ist die Einnahme eines anderen. Wird das Geld in Familie Müllers Kasse knapp, wird sie ihre Ausgaben reduzieren – einzelwirtschaftliche Logik. Fangen alle Haushalte an zu sparen, vermindert das automatisch auch ihre Einnahmen – gesamtwirtschaftliche Logik.

Kritiker bezeichnen das als Verbalökonomie ohne theoretisches und empirisches Fundament und vergessen dabei schnell, dass Bofingers Forschung zur Geldpolitik die Wissenschaft in den vergangenen Jahren bereichert hat. „Im Übrigen empfinde ich es als Lob, dass ich volkswirtschaftliche Themen verständlich in die Öffentlichkeit transportieren kann“, sagt er.

Egal, ob man Bofingers Argumentationslinie für plausibel hält oder nicht. In einem irrt er mit Sicherheit. Bofinger erinnert mit seinem Untertitel „Wohlstand für alle“ an das berühmte Buch von Ludwig Erhard, der eine gesunde Binnennachfrage stets als Triebfeder für die gesellschaftliche Weiterentwicklung gesehen hatte. Der große Unterschied zu Bofinger: Während der Würzburger ausdrücklich auf eine staatliche Ausgabenpolitik setzt, hatte der Vater der sozialen Marktwirtschaft eine ganz andere Vorstellung von der Funktion des Staates: Schlank, beweglich und effizient sollte er sein – alles andere als eine überladene Wohlfahrtseinrichtung für seine Bürger oder eine Ankurbelungsmaschine für die schleppende Konjunktur.

Peter Bofinger: Wir sind besser, als wir glauben – Wohlstand für alle. Pearson Studium, München, 288 Seiten, 19,95 Euro

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