Wirtschaft : „Wir malen den Strom nicht nur farbig an“

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Herr Rauscher: vier Unternehmen, Niederlassungen in acht Bundesländern, drei Gewerkschaften, zwei Mitbestimmungsregeln und ein schwedischer Eigentümer. Kann man daraus einen wettbewerbsfähigen Konzern schmieden?

Es ist schwierig, aber nicht unmöglich. Man muss vor allem ein klares Ziel haben. Es ist uns, glaube ich, ganz gut gelungen, die Interessen von Gewerkschaften, Betriebsräten, Landesregierungen und unseres Mehrheitseigners unter einen Hut zu bringen.

Wer war der schwierigste Verhandlungspartner?

Jeder hat seine eigenen, berechtigten Interessen. Das Land Hamburg, das bis vor wenigen Tagen noch gut 25 Prozent der HEW-Aktien hielt, hatte natürlich eine starke Stellung. Und die Arbeitnehmervertreter nehmen ihre Rechte aus der Mitbestimmung sehr selbstbewusst wahr. Das finde ich aber in Ordnung.

War die Mitbestimmung – vor allem für den Montan-Betrieb Laubag – ein großer Bremsklotz?

Eines möchte ich klarstellen: Im Unterschied zu anderen Vorständen habe ich keine grundsätzlichen Probleme mit der Mitbestimmung. Die Vertreter der Arbeitnehmer im Aufsichtsrat sind für mich keine Gegner, sondern Partner bei der Gestaltung der Zukunft dieses Unternehmens. Für die Laubag werden die Montanregeln so lange gelten, wie es die Laubag als eigenständige Gesellschaft gibt. Ich gehe da ganz pragmatisch vor, die Unternehmen werden schrittweise zusammengeführt.

Vattenfall Europe ist seit Monaten eine Großbaustelle. Laufen Sie Gefahr, den Anschluss zu verlieren?

Erst einmal muss Vattenfall Europe stehen. Wir dürfen uns aber nicht allzu lange mit uns selbst beschäftigen. Deshalb haben wir die entscheidenden Schritte zur Bildung eines einheitlichen Konzerns entgegen den ursprünglichen Plänen um ein ganzes Jahr auf August 2002 vorgezogen. Und so wie die Dinge stehen, schaffen wir das auch. Klar ist allerdings, dass nach dieser Phase der Integration jetzt der Marktauftritt kommen muss. Wir müssen jetzt zeigen, dass wir da sind.

Ihre Konkurrenten machen derzeit viel Wind. Eon und RWE gehen mit prall gefüllten Kassen auf Einkaufstour und übernehmen einen Konkurrenten nach dem anderen. Können Sie da mithalten?

Manchmal ist es ganz gut, wenn man nicht zu viel Geld hat. Dann gibt man auch nicht unsinnig viel Geld aus. Zweifellos haben Eon und RWE mehr Finanzkraft als wir. Wir können keine Marktanteile kaufen, wir müssen sie erarbeiten. Also werden wir intelligentere Wege gehen: wo andere kaufen, werden wir kooperieren.

Was bitte sind intelligente Wege?

Es gibt Anbieter, die malen ihren Strom farbig an und stecken viel Geld in die Werbung. Wir dagegen suchen uns Partner wie den Mineralölkonzern Shell mit seinen Tankstellen oder große Wohnungsbaugesellschaften. Wir versorgen zwei Drittel aller Shell-Tankstellen in Deutschland mit Strom.

Eon und Ruhrgas müssen wegen ihrer umstrittenen Fusion Beteiligungen abgeben, darunter auch den ostdeutschen Ferngasversorger VNG und einige regionale Unternehmen. Eine einmalige Gelegenheit für Vattenfall. Werden Sie mitbieten?

Zukäufe schließe ich nicht aus, aber nicht um jeden Preis. VNG und die norddeutsche EWE mit einer Million Strom- und Gaskunden könnten uns schon interessieren. Stadtwerke sind generell interessante Kooperations- und Vertriebspartner, weil sie den Zugang zu vielen Kunden haben. Tatsache ist aber, dass viele Stadtwerke unter dem Einfluss von Eon und RWE stehen.

Den Einstieg ins Gasgeschäft wollen Sie ganz allein stemmen?

Nicht unbedingt. So eine Investition würden wir gern gemeinsam mit einem Partner machen, der ausgewiesene Expertise in Sachen Gas mitbringt.

Gaz de France etwa, mit der Sie schon Aktionär bei der Berliner Gasag sind?

Mit Gaz de France arbeiten wir bei der Gasag zweifellos gut zusammen. Aber es gibt auch Alternativen.

Der Einstieg Vattenfalls ins deutsche Stromgeschäft hat etwa acht Milliarden Euro gekostet. Wie viel Gewinn wollen die Schweden sehen und wann?

Ab 2005 erwartet Vattenfall eine Rendite auf das eingesetzte Kapital von neun Prozent. Wir wollen ein Ergebnis vor Steuern von knapp einer Milliarde Euro pro Jahr erwirtschaften.

Angekündigt sind Einspareffekte durch die Zusammenführung der vier Unternehmen von 500 Millionen Euro jährlich. Das entspräche den Kosten von mehr als 7000 Arbeitsplätzen. Wollen Sie so viele Stellen streichen?

Natürlich nicht. Sie vergessen: Es geht hier nicht in erster Linie um Personaleinsparung. Wir senken genauso die Sachkosten und vor allem wollen wir profitabler arbeiten. Wie sich diese 500 Millionen letztlich zusammensetzen, ist offen. Wenn wir uns jetzt schon genau festlegen, haben wir keine Flexibilität mehr.

Wie viele Arbeitsplätze wird der neue Energiekonzern haben?

Die vier Stammunternehmen beschäftigen ohne Tochtergesellschaften rund 18 000 Mitarbeiter. In Hamburg garantieren wir 3000 Stellen, bei der Veag 3750. In Berlin verhandeln wir mit dem Senat, weil ja ein ausgewogener Ausgleich zwischen den beiden Standorten Hamburg und Berlin vereinbart ist. Wie bei der HEW möchte ich auch für die Bewag eine Arbeitsplatzgarantie geben. Eine genaue Zahl kann ich noch nicht nennen, aber sie wird deutlich über 3000 liegen. Im gesamten Konzern werden wir im Jahre 2005 zwischen 14 000 und 15 000 Mitarbeitern einen sicheren Arbeitsplatz bieten.

In Hamburg sitzen künftig die Buchhaltung und der Stromhandel des Konzerns. Was bleibt für Berlin?

Berlin bekommt das Filetstück, die Holding von Vattenfall Europe. Das ist zwar von der Kopfzahl nicht so entscheidend, aber das ist der Motor des Ganzen. Außerdem ist Berlin Sitz des Übertragungsnetzes und natürlich der Bewag als starker regionaler Gesellschaft, die zwei Millionen Kunden mit Strom und Fernwärme versorgt.

Betriebsbedingte Kündigungen haben Sie ausgeschlossen. Bewag,Veag und Laubag wurden in den letzten Jahren schon schwer abgespeckt. Sind da überhaupt noch Reserven drin?

Es gibt viele interessante Modelle für Altersteilzeit oder Vorruhestand. Damit können wir sozialverträglich 80 Prozent des notwendigen Personalabbaus bewältigen.

Gibt es etwa eine Spezialregelung wie bei der Fusion von RWE und VEW? Mitarbeiter durften schon mit 52 Jahren in den vorgezogenen Ruhestand gehen.

So etwas könnte ich mir gut vorstellen. Die Gespräche mit Betriebsräten und Gewerkschaften laufen aber noch. Grundsätzlich besteht bereits eine Einigung für ein vergleichbares Programm.

Sie haben jetzt Tarife mit IG Metall, Verdi und der IG Bergbau, Chemie, Energie. Wird es am Ende einen gemeinsamen Tarifvertrag für alle Vattenfall-Beschäftigten in Deutschland geben?

Das ist das Ziel der Gewerkschaften. Zumal sie die Ost-Löhne an das höhere Westniveau angleichen wollen. Wir sind bereit, ab Ende des Jahres Verhandlungen darüber aufzunehmen.

Vattenfall Europe ist an vier Kernkraftwerken beteiligt. Bundesregierung und Wirtschaft haben den Ausstieg aus der Kerntechnik vereinbart. Welche neuen Kraftwerke werden Sie bauen?

Glücklicherweise müssen wir ja nicht hier und heute unsere Kernkraftwerke abschalten. Wir können unsere Anlagen vorerst weitgehend ungestört von politischer Einflussnahme weiterbetreiben.

Sie erwarten also, dass eine Bundesregierung unter Edmund Stoiber den Kernenergieausstieg kippt?

Das lässt sich heute nicht sagen. Es ist kein Zeitdruck in dem Thema. Aber sehen wir uns um: Ob Finnland, England, Frankreich oder gar Asien und die USA, in diesen Regionen wird derAusbau der Kernenergie ernsthaft diskutiert. Wer sagt denn, dass nicht auch in Deutschland in einigen Jahren ein Umdenken einsetzt und die Kerntechnik zur Stromerzeugung wieder akzeptiert wird. Ich halte jedenfalls die Entscheidung für falsch, auf diese Option für alle Zeiten zu verzichten.

Vattenfall plant also keine Ersatzkraftwerke für Brunsbüttel, Stade und Co.?

Jetzt nicht. Aber ab 2004 oder 2005 müssen wir konkretere Planungen in Angriff nehmen.

Die Fragen stellte Dieter Fockenbrock.

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