Wirtschaft : „Wir meckern auf einem sehr hohen Niveau“

Der Hennes & Mauritz-Deutschlandchef Andersson über nervöse Händler, sparsame Kunden und die Unordnung in seinen Läden

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Herr Andersson, gehen Sie gern einkaufen?

Das ist Teil meines Berufs. Aber ich gehe auch in der Freizeit gemeinsam mit meiner Frau einkaufen. Sie ist die bessere Kundin.

Warum?

Frauen sind bessere Shopper als Männer.

Weil sie mehr Geld ausgeben?

Nein, weil es ihnen mehr Spaß macht. Wenn Männer einkaufen gehen, haben wir immer etwas Konkretes vor den Augen. Wenn es das nicht gibt, dann gehen wir wieder. Frauen lassen sich inspirieren.

Der Umsatz im deutschen Textilhandel schrumpft seit Jahren. Ihrer ist zuletzt wenigstens stabil geblieben...

Auch wir sind von der Kaufunlust betroffen und müssen uns ständig verbessern und neue Ideen umsetzen. Zwei Dinge merken wir ganz deutlich: Zum einen kaufen die Kunden immer später. Früher haben die Mütter schon mitten im Hochsommer Winterjacken für die Kinder gekauft. Das sieht man nur noch selten. Heute kaufen sie erst bei Bedarf – so wie es die Männer tun.

Und die zweite Beobachtung?

Die Kunden kaufen nicht mehr so viele Sachen. Sie denken zweimal nach: ,Muss ich das jetzt haben?’ Darauf muss sich der Handel einstellen. Wir brauchen ein bisschen mehr Geduld. Oft habe ich das Gefühl, dass der Handel sehr schnell zum Rotstift greift und die Winterware reduziert, bevor es Winter geworden ist.

Ausgerechnet Sie beklagen, dass der Handel zu früh anfängt, Preise zu reduzieren. Bei Ihnen gibt es doch das ganze Jahr Rabatt...

Unsere Preise sollten immer die besten Preise in diesem Qualitätssegment sein. Und wir möchten aktuell sein. Ware, die sich nicht schnell genug bewegt, muss Platz machen für neue modische Styles. Viele stellen sich aber selbst ein Bein: Wenn man schon im August Winterwaren anbietet und der August hat Sahara-, der September Mittelmeerklima, dann soll man nicht aus Nervosität alles wegschenken. Die Reduzierungswelle löst eine Hysterie aus. Und der Kunde wartet ab und kauft bald nichts mehr zum normalen Preis.

Kaufunlust, gibt es das eigentlich nur in Deutschland?

Nein, die gibt es in anderen Ländern auch. Wir haben das im vergangenen Jahr überall dort gesehen, wo der Euro eingeführt wurde. Das war ein Käuferstreik. Ich fand das hervorragend. Der Kunde möchte immer ein gutes Geschäft machen. Wenn man versucht, eine versteckte Preiserhöhung durchzuführen, muss er reagieren. Hinzu kommt, dass viele eine große Unsicherheit über die Zukunft spüren und ihr Geld lieber zurücklegen.

Das sind keine guten Aussichten für das Weihnachtsgeschäft...

Weihnachten wird man immer noch feiern. Vielleicht mit ein bisschen weniger und sinnvolleren Geschenken. Besonders in schwierigen Zeiten braucht man Lichtpunkte und die schafft man sich selbst. Und danach kommt ein neues Jahr, dass für den deutschen Einzelhandel hoffentlich besser wird als 2003.

Was lässt Sie hoffen?

Ich hoffe, dass wir auch in Deutschland ein bisschen Hilfe von der Regierung bekommen können.

Sie meinen die Steuerreform und die Reformen auf dem Arbeitsmarkt. In Ihrem Heimatland Schweden ist man schon etwas weiter vorangekommen...

Anfang der 90er-Jahre steckte Schweden in einer tiefen Krise. Da war plötzlich allen Bürgern klar, so geht es nicht weiter. Und alle haben daran gearbeitet. Die Gewerkschaften mit den Arbeitgebern, die Regierung mit der Opposition, um ein gemeinsames Rezept zu finden: Wie kommt Schweden weiter? Ein Musterbeispiel will ich Schweden zwar nicht nennen. Aber ich frage mich, ob die so genannte Krise hier groß genug ist. Wir meckern auf einem sehr hohen Niveau.

Die Deutschen meckern zu viel?

Nicht nur in Deutschland, es wird auch in Schweden gemeckert. Aber diese positive Aufbruchstimmung, wie ich sie zum Beispiel in Polen in den vergangenen Monaten hautnah erlebt habe, als wir dort unsere Filialen eröffnet haben, die fehlt. Das ist wie bei einem Tennismatch: Wenn ich auf den Platz gehe, muss ich glauben, ich kann gewinnen, sonst muss ich nicht spielen. Glaube und Überzeugung, das ist die halbe Miete.

Glauben Sie, in Deutschland noch wachsen zu können?

Wir haben hier einen Marktanteil von etwa dreieinhalb Prozent. H&M hat somit noch Wachstumspotenzial. Wir sind natürlich sehr verwöhnt. Wir haben viele sehr erfolgreiche Jahre mit zweistelligen Wachstumsraten hinter uns. Für unsere junge Organisation und alle Mitarbeiter, die eigentlich nur Rückenwind und volle Fahrt erlebt haben, ist das ab und zu ganz gut, wenn man sich mal auf eine andere Situationen einstellen muss. Neue Filialen werden wir natürlich auch im nächsten Jahr eröffnen.

Verdient denn eine Verkäuferin bei H&M so viel wie etwa in einem großen Kaufhaus?

Mehr als 75 Prozent unserer Mitarbeiter verdienen übertariflich. Gute Leute sollten auch faire Gehälter haben.

Haben Sie Ihre Kunden verdorben, weil Sie so billig sind?

Unsere Geschäftsidee heißt Mode und Qualität zum besten Preis. Ich glaube, das Trendige, das Modische war immer einer unserer Schlüsselerfolgsfaktoren. Der Preis auch. Aber in den vergangenen drei, vier Jahren haben wir unheimlich viel in Qualität investiert. Inzwischen haben wir mehr Qualitätskontrolleure als Designer.

Trotzdem gilt Kleidung von H&M nicht gerade als sehr hochwertig...

Unsere Kunden und die Verbraucherorganisationen nehmen uns sehr genau unter die Lupe. Da setzen wir uns selbst unter Druck. Und als Marktführer in Ländern wie Schweden, Österreich oder Dänemark stehen wir immer auf der Bühne und müssen eine gute Performance haben.

Was bedeutet das für die Preise?

Wir haben die Preise gesenkt. Wir wissen, wo wir einkaufen müssen, welche Waren auf welchen Märkten. Wir sind größer geworden und können größere Volumen zu besseren Konditionen einkaufen. Und wir können sie günstiger transportieren. In der letzten Zeit hat uns auch der Dollarkurs geholfen. Die meisten Waren werden immer noch in Dollar eingekauft.

Ist Ihr Sortiment überall gleich?

Mehr oder weniger. Aber es ist natürlich ein großer Unterschied zwischen einer Filiale in Berlin Neukölln oder auf der Friedrichstraße. Die haben nicht dasselbe Angebot. Aber grundsätzlich ist in den USA, Schweden oder Deutschland das Gesamtsortiment identisch. Mode ist international.

Wo finden Sie die Trends für H&M?

Eine der trendigsten Städte ist immer noch London. Die sind manchmal sogar so früh, dass einige der Trends schon wieder vorbei sind, bevor sie nach Deutschland kommen.

Viele Händler versuchen, Kunden über Treuekarten an sich zu binden. Wird es bald eine H&M-Karte geben?

Wir haben das diskutiert. Aber einer unserer Schwachpunkte sind derzeit die Schlangen vor den Kassen. Wir sind natürlich dankbar, dass wir so viele Kunden anziehen. Aber wenn noch eine Karte durch die Kasse gezogen werden muss, müssen die Kunden noch einen Moment länger warten. Da senken wir lieber die Preise für alle Kunden.

Sie haben nicht nur ein Problem mit langen Wartezeiten, sondern auch mit der Unordnung in vielen Filialen.

Auch das ist für uns eine Herausforderung: das richtige Niveau für die Anzahl der Waren in den Geschäften zu finden. Ein Problem ist etwa, dass sich jetzt viel auf den Samstag konzentriert. Dann muss genug Ware da sein, um alle Wünsche befriedigen zu können. Denn der Kunde wartet nicht, bis die Ware wieder vorrätig ist. Er geht einfach woanders hin.

Das Gespräch führte Corinna Visser.

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