• „Wir müssen die Globalisierung menschlicher machen“ Nobelpreisträger Paul Samuelson über die Nachteile des Freihandels

Wirtschaft : „Wir müssen die Globalisierung menschlicher machen“ Nobelpreisträger Paul Samuelson über die Nachteile des Freihandels

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Professor Samuelson, in Ihrem neuesten Artikel schreiben Sie, Freihandel könne für die USA schädlich sein. Ist die Globalisierung jetzt auf einmal doch ein Fluch?

Nein. Globalisierung ist insgesamt gut. Aber sie hat unterschiedliche Auswirkungen auf einzelne Regionen und Gesellschaftsgruppen. Es stimmt nicht, dass der uneingeschränkte Freihandel unterm Strich jedem überall nutzt. Das stimmte schon nicht im Jahr 1817, als David Ricardo seine Freihandelstheorie entworfen hat.

Also sind die USA die Verlierer der Globalisierung?

Nein. Ich habe in meinem Artikel nur näher beschrieben, dass sich das Wissen aus den industrialisierten Regionen in Regionen verbreitet hat, wo die Löhne niedrig, die Menschen aber trotzdem lernfähig sind. Deswegen haben diese Schwellenländer viele Vorteile der Globalisierung genossen. Nach dem Zweiten Weltkrieg war das die EU, dann kamen Japan, China, und jetzt Indien.

Warum?

Der Export von Wissen kann unterschiedliche Auswirkungen haben. Einerseitshilft er zum Beispiel China, seine Produktionstechnologie zu verbessern in Branchen, in denen das Land exportiert. Das hilft uns wiederum, weil wir die Sachen billiger bekommen. Wie etwa Textilien. Das hat unseren Lebensstandard hier insgesamt erheblich verbessert.

Dann ist doch alles gut.

Nein, denn es gibt auch die Möglichkeit, dass ein Niedriglohnland eine von unseren Erfindungen selbst weiterentwickelt, und uns so unseren technologischen Vorsprung wegnimmt.

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Für die Berechnungen in meinem Artikel habe ich einen chinesischen Taschenrechner für 2,50 Dollar benutzt. Vor 20 Jahren war mein Büro noch nicht mit elektronischen Geräten aus Asien gefüllt, jetzt schon. Das gleiche gilt für Call-Center, die heute in der ganzen Welt entstehen. Das drückt die Löhne in den Vereinigten Staaten.

Wie denn?

Weil die hiesigen Mitarbeiter der Call-Center ihren Job an einen Inder verlieren, und sich dann schnell einen neuen Job suchen – der aber meist schlechter bezahlt ist als der vorherige.

Also sollte man dann auch Outsourcing verhindern?

Nein. Denn manche Verlagerungen ins Ausland machen ja Sinn, und wir können uns nicht die besten Bereiche herauspicken und um die anderen eine protektionistische Mauer errichten. So würden die Arterien einer Volkswirtschaft verkalken, das wäre ein Rezept für Ineffizienz und die Minderung des Lebensstandards.

Was ist denn nun Ihr Rezept?

Unqualifizierte Menschen können sich nicht sicher sein, dass ihr Lebensstandard sich durch Freihandel verbessert. Deswegen würden in einer idealen Gesellschaft die Gewinner der Globalisierung den Verlierern etwas abgeben. Aber in der Ära von Präsident Bush ist das leider nicht der Fall. Stattdessen bekommt eine reiche Person wie ich Steuervorteile. Wir müssen die Globalisierung menschlicher machen.

Wie soll das denn konkret aussehen?

Man sollte die, die ihre guten Jobs durch die Globalisierung verloren haben, zeitlich befristet entschädigen, damit sie nicht so schnell schlechter bezahlte Jobs annehmen. Eine reiche Nation wie die unsere kann sich das leisten. Zudem müssen die USA mehr Geld für Bildung und Forschung ausgeben, um ihren technischen Vorsprung auszubauen.

Aber ist es denn nicht auch gut, wenn ärmere Länder vom Freihandel profitieren?

Doch. Weltweit steigt der Wohlstand, und das ist gut so. Trotzdem sollte man bei uns die negativen Effekte abfedern. Das ist alles, was ich sage.

Das Gespräch führte Flora Wisdorff.

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