Wirtschaft : "Wir müssen nur aufbrechen"

TAGESSPIEGEL: Herr Stollmann, Sie gehören zu den bekanntesten Unternehmern im Land.Was zeichnet einen Unternehmer aus?

STOLLMANN: Ein Unternehmer ist jemand, der etwas unternimmt - der offene Augen und Ohren hat für die Gelegenheiten, die die Welt bietet, der Neues schaffen will, was für die Kunden interessant ist.Das kann man auf unterschiedlichste Art und Weise tun.Aber das Wesentliche ist: Man muß sich etwas zutrauen oder sogar irgendwann im Leben in die Not geraten, etwas selber erfolgreich zu machen.

TAGESSPIEGEL: Eignet sich jeder zum Unternehmer?

STOLLMANN: Nicht jeder ist zum Unternehmer geboren, aber es sind viel mehr, als sich hierzulande unternehmerisch betätigen.Wir könnten viel zur Lösung der Beschäftigungskrise beitragen, wenn wir den Anteil der Selbständigen erhöhten.Wir brauchen mehr junge Menschen, die sich auf das Abenteuer Unternehmertum einlassen.

TAGESSPIEGEL: Wieso sollten sie das tun?

STOLLMANN: Weil es ein kluges Abenteuer ist.Man kann dann in der zukünftigen Welt sein Schicksal selber kontrollieren und seiner Kreativität Freiraum geben.Der klassische abhängig beschäftigte Normalverdiener kann sich seines Jobs ja auch nicht mehr sicher sein.

TAGESSPIEGEL: Wer ein Unternehmen gründen will, steht vor einem Wust an Bürokratie und Regulierungen in allen Bereichen - etwa bei den Steuern oder Sozialabgaben.Kann einem Existenzgründer das nicht die Sache verleiden?

STOLLMANN: Der Hauptzwang ist in unserem Kopf.Wir lassen uns darauf ein, die Zwänge als etwas zu sehen, was uns von etwas abbringt oder hindert.Aber das ist falsch.Man kann auch in Deutschland erfolgreich sein, ja gerade Deutschland ist besonders interessant.Schließlich gibt es in Deutschland erst sehr wenig unternehmerische Konkurrenz.Wenn ich mit meiner Firma Compunet im Silicon Valley aufgetaucht wäre, hätte es viele andere gegeben, die die gleiche Idee hatten.In Deutschland gab es die nicht.

TAGESSPIEGEL: Ist Deutschland ein Paradies für Unternehmer?

STOLLMANN: Es gibt kein besseres Land als Deutschland.Die Zukunftsmärkte sind noch weitestgehend unentdeckt, das Dienstleistungsgewerbe, der Gesundheits- und Bildungssektor sind ausbaufähig.Außerdem ist ein Gründer so fasziniert von seiner Idee, daß er das GmbH-Gesetz gar nicht studiert.Das ist auch besser so.Wenn man wüßte, was man alles beachten muß, würde man gar nicht starten.Auch unter den bestehenden Rahmenbedingungen kann man in Deutschland erfolgreich sein - und deutlich erfolgreicher als ein abhängig beschäftigter Normalverdiener.

TAGESSPIEGEL: Sie sprachen von der Not, in die sich ein angehender Unternehmer bringen muß.Hatten Sie die Not?

STOLLMANN: Ich hatte eine schöne Ausbildung als Jurist und politischer Wissenschaftler in Frankreich und als Betriebswirt an der Harvard Business School hinter mir.Dann fing ich bei der Unternehmensberatung Boston Consulting Group in Chicago an.Als ich mit der Idee kam, mich in Deutschland selbständig zu machen, haben mich alle für verrückt erklärt - genauso, wie mich alle für verrückt erklärt haben, als ich dem Ruf Gerhard Schröders in sein Schattenkabinett folgte.Wie kann man mit einer so schönen Ausbildung, mit der einem die Welt offen steht, Unternehmer werden? Aber es ist toll, der Kreativität ihren Lauf zu lassen und immer etwas Neues machen zu müssen.Darin besteht die Not.Der erste Mitarbeiter, das erste Geschäft, der erste Verkauf, die erste Rechnung - alle diese ständigen Gestaltungszwänge muß man lösen.

TAGESSPIEGEL: Was kann die Politik tun, damit es mehr Unternehmer gibt?

STOLLMANN: Mutig durchsetzen, was für die Renaissance der Selbständigkeit sorgt.Sie muß die Rahmenbedingungen verbessern - durch die Reform des Steuer- und des Sozialversicherungssystems, durch Privatisierungen und weitere Deregulierung.Dazu kommt die Aufgabe, das Klima im Land zu verändern.

TAGESSPIEGEL: Wie?

STOLLMANN: Es gibt viel zu tun: Wie viele der Jungen und Mädchen einer Abiturklasse interessieren sich für eine technische Ausbildung? Wie viele Eltern begrüßen und bestärken ihren Sohn, wenn er sich in die Selbständigkeit wagen möchte? Wie behandelt unsere Gesellschaft erfolgreiche Unternehmer? Eine hervorragende Initiative des heutigen Kanzlers war die Berufung eines Unternehmers in sein Schattenkabinett.Wenn man es mit dem Unternehmertum ernst meint, dann wäre ein Unternehmer als Wirtschaftsminister etwas, wo Taten mehr sprechen als Worte.

TAGESSPIEGEL: Hat sich das Klima verbessert - auch wenn der Unternehmer Jost STOLLMANN doch nicht mit am Kabinettstisch sitzt?

STOLLMANN: Ja.Unternehmer werden zu Veranstaltungen eingeladen, um die Geheimnisse ihres Erfolges zu lüften.Die Hörsäle an den Universitäten sind überfüllt, wenn Unternehmer sprechen.Jeder kennt inzwischen einige der erfolgreichen Unternehmer am Neuen Markt.Eine Gesellschaft, die überleben will, stellt im eigenen Interesse die knappe Ressource in den Mittelpunkt des Wertesystems - und das sind zunehmend Unternehmer.

TAGESSPIEGEL: Aber der Wandel vollzieht sich doch ziemlich langsam.

STOLLMANN: Wenigstens gibt es ihn.In Zeiten des Wandels entscheiden Anpassungsfähigkeit und Dynamik einer Gesellschaft über ihren Erfolg.Für die sorgen aber vor allem die Unternehmer.Wenn wir die Quote der Selbständigen von 10 auf 15 Prozent steigern, dann bekommt das Land eine andere Qualität.

TAGESSPIEGEL: Welchen Beitrag können Unternehmer selber leisten?

STOLLMANN: Die erfolgreichen Unternehmer müssen sich zeigen.Sie dürfen sich nicht aus Furcht vor vermeintlichen Neidkomplexen verstecken.Sie müssen den öffentlichen Dialog suchen und anfaßbar sein, zum Leitbild werden.Dann sagen mehr junge Leute: Das kann ich auch - und das will ich auch.

TAGESSPIEGEL: Was zeichnet ein Leitbild denn aus?

STOLLMANN: Ein Leitbild ist ein Mensch, der für etwas steht, der integer ist und seine Meinung auch vertritt, wenn das unbequem ist.Leitbilder geben Orientierung für die Zukunft.Aber zugleich sind sie menschlich und irren auch schon mal.

TAGESSPIEGEL: Wer ist Ihr Leitbild?

STOLLMANN: Ich träume von freien, selbständigen, sozial verantwortlichen Menschen.Menschen, die Neues in die Welt bringen, die anders sind, die streitbar sind.Das Wichtigste ist: Menschen, die für etwas wirklich stehen.Das kann man spüren.Und dann können sie auch die Welt verändern.

TAGESSPIEGEL: Welche Unternehmer sind besonders gefragt, die Welt zu verändern?

STOLLMANN: Zum Beispiel die erste Generation von Unternehmern, die in die Öffentlichkeit gehen mußten, weil sie sich über den Neuen Markt finanzierten.Dort werden inzwischen die Aktien von 77 Unternehmen notiert, hinter denen faszinierende Unternehmerpersönlichkeiten stehen.Dort kann man Menschen finden, die dieser Gesellschaft weiterhelfen können, indem sie sich zeigen - nicht nur den Aktienfreaks, sondern der breiten Öffentlichkeit.

TAGESSPIEGEL: Der Neue Markt gilt als Zockerbörse.Welche Rolle spielt Geld für das Unternehmertum?

STOLLMANN: Eine sehr große.Wer ein großes unternehmerisches Risiko auf sich nimmt, sollte dafür auch finanzielle Unabhängigkeit und Anerkennung genießen.Wenn sich heute junge Menschen die Welt anschauen, sehen sie, daß der unternehmerische Weg in die Unabhängigkeit führt.

TAGESSPIEGEL: Wann sehen junge Leute hierzulande ihren ersten Unternehmer?

STOLLMANN: Spät.Es ist eine große Herausforderung für unser Bildungssystem, sich gegenüber modernen unternehmerischen Leitbildern zu öffnen.Eltern, die Unternehmer sind, können mitmachen, indem sie in den Kindergarten oder in die Schule gehen.Auch die Schule muß sich öffnen.Sonst verliert sie ihre Existenzberechtigung.

TAGESSPIEGEL: Warum?

STOLLMANN: Die reine Wissensvermittlung hat keine Zukunft - wichtig ist, daß schon die Schule zum Begegnungsort für gemeinsames soziales Lernen wird.

TAGESSPIEGEL: Und die Hochschule?

STOLLMANN: Wenn es richtig ist, daß Unternehmertum die Schlüsselkompetenz für die Wissensgesellschaft ist, dann müssen sich die Hochschulen damit beschäftigen.In den Vereinigten Staaten gibt es eine rasante Entwicklung von Entrepreneur-Lehrstühlen.Denken Sie an das Massachusetts Institute of Technology, das ist eine der erfolgreichen amerikanischen Universitäten: Aus diesem Biotop heraus entstanden viele Unternehmen und Arbeitsplätze.Das wäre auch hierzulande dringend notwendig und möglich.Die verschiedenen Bereiche innerhalb und außerhalb der Universität müssen sich vernetzen - und die Universität muß zum Dreh- und Angelpunkt für unternehmerische Erfolgsgeschichten werden.Deutschland hat die Talente, das Wissen und Kapital zum Erfolg in der zukünftigen Wissensgesellschaft.Wir müssen nur aufbrechen.

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