Wirtschaft : „Wir sind alle Griechen!“

Ökonom Michael C. Burda: Deutschland kann europäischen Zahlungsverpflichtungen nicht entrinnen

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Berlin - Europa braucht so schnell wie möglich eine gemeinsame Bankenaufsicht und eine einheitliche Regulierung des Finanzsektors. Politische und moralische Konzentration sei notwendig, sonst scheitert der Euro, und „das wäre eine Katastrophe“, sagte Michael C. Burda, Ökonom an der Humboldt Universität in Berlin, am Dienstag bei einem Vortrag an der Katholischen Akademie. Scheitere der Euro, scheitere auch das politische Projekt Europa. „Das wäre ein kaum vorstellbarer Rückschlag für den gesamten Kontinent“, sagte Burda. Dass die Europäer bei der Einführung des Euro nicht auf Teile ihrer nationalen Souveränität verzichten wollten, sei heute Europas größtes Problem. Doch ohne einen solchen Verzicht könne eine Währungsunion nicht funktionieren. Gleichzeitig hätten die Europäer „die Chance verspielt, sich gegen solche Krisen zu wappnen“, sagte der Ökonom.

Die gegenwärtige Krise habe genug Wucht, um die Gemeinschaftswährung zu Fall zu bringen, fürchtet Burda. Das nach seiner Meinung schlimmste Szenario: Griechenland schlittert in die Zahlungsunfähigkeit und es folgt eine ungeordnete Staatspleite. Die europaweiten Auswirkungen seien unvorhersehbar, weil andere Staaten wie Spanien oder Italien in diesen Sog geraten könnten. Das hätte auch gravierende Konsequenzen für Deutschland, warnte Burda. Eine Staatspleite gelte es deshalb unbedingt zu verhindern. Doch auch der so genannte Bail-Out, also wenn andere Staaten Griechenland finanziell unter die Arme greifen, verschiebe das Problem nur und bekämpfe nicht die Ursachen. Griechenland habe in den vergangenen Jahren nicht genug investiert und es versäumt, seine Wirtschaft zu reformieren.

Burda zeigte sich sehr pessimistisch, trotz der Anstrengungen: „Bis die Reformen Früchte tragen, vergehen mindestens fünf Jahre. Dass der Finanzmarkt diese Geduld hat, bezweifele ich“, sagte der Humboldt-Professor. Eine Rückkehr zu den alten Währungen sei dennoch keine Alternative. „Ich halte nichts davon, die D-Mark wieder einzuführen, denn das wäre noch schmerzhafter.“

Burda verglich die Währungsunion mit einer Wohngemeinschaft. Es könne immer mal Streit geben, aber: „Je länger man drin ist, desto komplizierter wird es, sich zu trennen.“ Jetzt wohne man zusammen und das bedeute: „Wir sind alle Griechen!“ Inga Höltmann

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