Wirtschaft : "Wir sind eine heuchlerische Gesellschaft"

Der Unternehmer Berthold Leibinger über die nötigen Reformen am Arbeitsmarkt, die Folgen der Weltkrisen und den Dollar-Fall

TAGESSPIEGEL: Herr Leibinger, wie gefährlich ist die Krise in Rußland?

LEIBINGER: Rußland betrifft uns existenziell.Wir sind die Nachbarn Rußlands.Auch wenn der Handel mit Rußland nur ein kleiner Teil unseres Außenhandels ist und unsere Bezüge aus Rußland ersetzlich sind: Ein Zusammenbruch Rußlands mit allen denkbaren Folgen wäre schlimm.Denken Sie an das Baltikum, da wären die Russen in wenigen Stunden! Denken Sie an die gesamte fragile Freiheit Osteuropas.Denken Sie an den kalten Krieg, den wir hatten, mit allen Konsequenzen.Denken Sie an das Waffenpotential, an hungrige Soldaten, die Waffen haben.Das beschäftigt uns alle.Ich war erst vor kurzem mit dem Asien-Pazifik-Ausschuß bei Außenminister Kinkel, um über Asien zu sprechen.Wir haben nur über Rußland gesprochen.Weil das einfach so nahe ist.

TAGESSPIEGEL: Was ist mit Asien - müssen wir den Markt, den wir bis zum vergangenen Jahr für den wichtigsten der Welt hielten, jetzt abschreiben?

LEIBINGER: Nein.Vier Milliarden Menschen verschwinden nicht von der Erdoberfläche, wenn die Wirtschaft in die Krise gerät.Asien hat uns und sich selbst vor Augen geführt, daß auch dort die Bäume nicht in den Himmel wachsen.Das kommt nicht wirklich überraschend.

TAGESSPIEGEL: Wieso?

LEIBINGER: Man muß sich einfach einmal klarmachen, wie irreal zum Beispiel die japanische Immobilienblase schon Anfang der neunziger Jahre war.Ein deutscher Wissenschaftler hat schon 1992 darauf hingewiesen, daß die japanischen Banken Kredite auf 0,4 Prozent der Erdoberfläche herausgegeben haben, die sechzig Prozent des Immobilienwertes des Globus repräsentierten.Tokio war mehr wert als Kalifornien oder ganz Afrika.Das waren absolut irreale Entwicklungen.Und alle wußten, daß das, was sie kauften, seinen Preis nicht wert war.Aber alle hofften, daß sie es morgen an jemanden loswürden, der noch mehr zahlt.

TAGESSPIEGEL: Ja, aber wenn es alle wußten, hätten Sie früher reagieren können.Stattdessen haben wir von Ihnen allen noch zu Beginn des vergangenen Jahres gehört, daß in Asien und nur in Asien die Musik spielt.

LEIBINGER: Die Immobilienkrise war nur der Ausgangspunkt.Die hat dazu geführt, daß die Währungen abgewertet wurden, daß Kapital abgezogen wurde, daß die Währungen immer tiefer fielen.Dann erst wurde deutlich, daß die Wachstumserwartungen von den produktiven Kapazitäten in diesen Ländern nicht erfüllt werden konnten.

TAGESSPIEGEL: Und wie wird sich Asien erholen?

LEIBINGER: Sehr unterschiedlich.Japan hat sein Selbstbewußtsein verloren, weil sein Bankensystem nicht in Ordnung ist.Aber im nächsten Jahr, spätestens in zwei Jahren, werden wir die Japaner auch in Europa wieder sehr deutlich als Konkurrenten spüren.Singapur wird auf einem niedrigeren Niveau seine Rolle als Drehscheibe und Finanzzentrum behalten, Thailand, Taiwan und Korea werden sich ebenfalls im Lauf der Zeit erholen.

TAGESSPIEGEL: Und China?

LEIBINGER: China mit seinen 1,2 Milliarden Menschen ist die große Unbekannte: Es hält die Währung stabil, aber es fragt sich, wie lange noch.Die Exportfähigkeit der Chinesen ist im Vergleich zu den anderen Ländern, die abgewertet haben, gesunken.Die werden sich sehr schwer tun.Asien ist eine Weltregion mit ungeheuren Gegensätzen.Aber wer glaubt, es werde sich jetzt aus dem Weltkonzert abmelden, täuscht sich.Wir werden Verzögerungen und Veränderungen bekommen, aber die Länder werden sich über den Export erholen.

TAGESSPIEGEL: Und uns wieder in die Klemme bringen.Es geht ja nicht nur darum, wann Asien zurückkommt, sondern auf wessen Kosten?

LEIBINGER: Wir müssen hinnehmen, daß sich durch die Währungsveränderungen Wettbewerbsverzerrungen ergeben.Doch eine Weltregion Asien, die wieder Tritt faßt, ist für uns als Markt noch wichtiger.Es ist besser, mit Partnern zu handeln, die wirtschaftlich auch vorankommen.Natürlich ist es bitter, wenn man wie Siemens gerade erfolgreich in den Halbleitermarkt in Europa gestartet ist, und dann wird auf einen Schlag wieder alles zunichte gemacht, weil die Preise um neunzig Prozent zusammenbrechen.

TAGESSPIEGEL: Wird sich der Maschinenbau der Exportoffensive entziehen können?

LEIBINGER: Ich glaube kaum.Wir werden eine Verminderung unserer Absätze um etliche Milliarden haben, unser Export in diese Region wird schätzungsweise um zwanzig bis dreißig Prozent zurückgehen.Zwar sind Arbeitsplätze nicht in Gefahr, aber den Arbeitsmarkt wird der Maschinenbau in den kommenden Monaten nicht mehr so stark entlasten können.

TAGESSPIEGEL: Im Jahr 1994 hat eine plötzliche Dollarschwäche die Maschinenbaukonjunktur in null komma nichts zunichte gemacht.Jetzt wird der Dollar wieder weich.Sind Sie alarmiert?

LEIBINGER: Ich habe, ehrlich gesagt, wenig Sorge, daß der Euro gegenüber dem Dollar dauerhaft zu stark werden könnte.Zudem war 1994 die Binnennachfrage noch nicht da, als der Dollar plötzlich in die Knie ging.Und dann hatten wir den katastrophalen Tarifabschluß in der Metallindustrie.Beides zusammen hat uns enorm zurückgeworfen.Heute wird die Maschinenbaukonjunktur jedenfalls aus dem Inland gestützt.Aber Sie haben recht: Ein zu schwacher Dollar und ein zu hoher Tarifabschluß könnten uns in der jetzigen Situation sehr schaden.

TAGESSPIEGEL: Und was wird aus der Trendwende auf dem deutschen Arbeitsmarkt?

LEIBINGER: Die Veränderung auf dem Arbeitsmarkt kann nur aus grundsätzlichen Überlegungen kommen, mit einer Veränderung bei den Bedingungen für die Arbeitslosenversicherung, etwa hinsichtlich der Zumutbarkeit.

TAGESSPIEGEL: Brauchen wir ein Lohn-, Arbeitslosen- und Sozialhilfenivau, zu dem Deutsche wieder bereit sind, Koffer zu tragen oder Teller zu waschen?

LEIBINGER: Ich glaube, es liegt eher an der Einstellung.Wir brauchen eine andere Haltung zu der Hilfe, die man bezieht, und der Arbeit, die man leisten kann.Wir brauchen einen anderen Umgang mit Schwarzarbeit und mit dem grauen Arbeitsmarkt.Wir haben ja keine breite Not trotz der Arbeitslosigkeit.Wir müssen unser soziales System so verändern, daß der Einzelne stärker für seinen Beitrag gefordert wird.Wir müssen die Löhne spreizen, nicht senken.

TAGESSPIEGEL: Das jetzige Wachstum haben wir ohne wirklich einschneidende Reformen zustandegebracht.Haben die Unternehmer in ihrer Standortschelte der vergangenen Jahre überzogen?

LEIBINGER: Zugegeben, wir haben die Standortdiskussion immer mit gespaltener Zunge geführt.Wir haben im Inland auf die Schwierigkeiten hingewiesen und im Ausland unseren Standort gelobt.Dieses Land ist ein hervorragendes Produktionsland.Aber wenn man die Dinge wirklich verändern will, dann muß man es hinnehmen, als Nestbeschmutzer beschimpft zu werden.Und man muß es sich auch gefallen lassen, daß das Publikum endlich einmal etwas Neues hören will.Einzelne haben sicher etwas schrill argumentiert, aber man muß es immer wiederholen, und man muß bei Kritik auch den Mut haben zuzuspitzen.

TAGESSPIEGEL: Brauchen wir mehr Konflikt oder mehr Konsens?

LEIBINGER: Wir müssen den Mut zu offeneren und härteren Gesprächen finden - eher, als dem Wunsch nachzugeben, Probleme zu ersticken.Wir sind harmoniebedürftig.Was wir nicht beherrschen, ist, Konflikte und Gegensätze durch deutliches Nennen der Probleminhalte einer Lösung näherzubringen.

TAGESSPIEGEL: Zum Beispiel?

LEIBINGER: Wir heucheln mit den Arbeitslosenzahlen nach beiden Richtungen.Wir heucheln auf der einen Seite, indem wir die Arbeitslosenzahlen durch Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen reduzieren.Auf der anderen Seite wird die Strukturarbeitslosigkeit nicht angesprochen.Jeder weiß, daß wir im Bereich der Arbeitslosen viele haben, die gar nicht ernsthaft arbeiten wollen.Die nutzen die Möglichkeiten unseres Sozialsystems für sich, indem sie auf die Unzumutbarkeit pochen oder die Arbeitsstelle zu weit entfernt finden.Wir wären gut beraten, diese Tatsachen offener und härter anzusprechen.Wir sind eine heuchlerische Gesellschaft, weil wir diese Themen mit Tabus belegen.

TAGESSPIEGEL: Ist die Tarifpolitik auch tabu?

LEIBINGER: Ja.Von beiden Seiten werden bestimmte Banner durch das Land getragen.Und niemand wagt zu fragen, ob das noch überall paßt.Gott sei Dank geraten die Dinge hinter den Kulissen in Bewegung.

TAGESSPIEGEL: Weil die Unternehmen den Tarifvertrag brechen?

LEIBINGER: Das hat leider immer noch nichts daran geändert, daß der Tarifvertrag selbst tabu ist.

TAGESSPIEGEL: Sind diese Probleme noch so wichtig, wo die wirklichen Gefahren für die deutsche Konjunktur aus Rußland und Asien kommen und nicht von der IG Metall?

LEIBINGER: Wir müssen unsere Probleme zu Hause lösen, wenn wir dauerhaft am Markt bestehen und gewinnen wollen.Das Geschehen auf den Weltmärkten aber, die Entwicklung unseres Exportes, das ist, um mit Adenauer zu sprechen, unser Schicksal.

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