Wirtschaft : „Wir sind jetzt wieder der Club der alten vier“

O2-Deutschland-Chef Rudolf Gröger über Pleiten auf dem Mobilfunkmarkt, das Weihnachtsgeschäft und UMTS

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Herr Gröger, das Weihnachtsgeschäft ist in vollem Gange. Was erhoffen Sie sich davon?

Die Zeit vom 15. November bis zum 15. Januar ist für uns die absolut wichtigste Phase des Jahres. Obwohl 70 Prozent der Deutschen bereits mit Mobilfunktechnik ausgestattet sind, gehört offensichtlich immer noch ein neues Handy unter den Christbaum. Es kommt noch ein zweiter saisonaler Effekt hinzu: Vor zwei Jahren gab es ja den großen Boom im Mobilfunk. Diese Verträge laufen aus und werden gerade jetzt verlängert oder neu abgeschlossen.

Ist das ein Anreiz für die Netzbetreiber, die Kunden wieder mit besonders günstigen Handys in die Geschäfte zu locken?

Es ist deutlich mehr Realismus in der Branche eingetreten. Im Moment gibt es attraktive, aber keine so extremen Angebote wie früher. Allerdings gibt es immer lokal begrenzte Aktionen, wo auch wir uns manchmal fragen: Wie werden die finanziert? Da verkauft jemand zum Beispiel unsere Verträge zusammen mit einem DVDPlayer. Das kann ich nicht verhindern. Ich kann nur versichern: Der DVD-Player kommt nicht von mir und wird auch nicht von mir bezahlt.

Was versprechen Sie sich von den neuen Handys mit Farbdisplay und Digitalkamera?

Wir hoffen, sie geben dem Markt einen neuen Schub. Das Geschäft beginnt gerade erst, aber wir sehen bereits, dass die Kunden die neuen Handys mit den neuen Funktionen sehr attraktiv finden.

Seit dem 1. November können Kunden beim Wechsel des Netzbetreibers ihre alte Nummer mitnehmen. Als kleinster Netzbetreiber müssten Sie davon am meisten profitieren ...

Unsere bisherigen Erfahrungen zeigen, dass wir von der Rufnummernmitnahme tatsächlich profitieren: Für einen Kunden, den ich verliere, bekomme ich vier neue hinzu. Wir sind ganz optimistisch, aber wir haben nicht unsere Zukunft darauf verwettet.

Bei der Umstellung der Software ist Ihnen eine Panne passiert: Einige Kunden haben Rechnungen von O2 bekommen, auf denen sie für die Überwachung ihrer Gespräche durch den Verfassungsschutz bezahlen sollten. Wie viele Kunden waren betroffen?

Insgesamt war eine kleine zweistellige Zahl von Kunden betroffen. Trotzdem: Der Softwarefehler war peinlich. Er wurde aber umgehend behoben, so dass kein größerer Schaden entstanden ist.

Wann kommt O2 mit UMTS?

Wir starten in der zweiten Hälfte 2003. Ab September schalten wir das Netz beispielsweise in Berlin, München und in Teilen des Ruhrgebiets ein.

Rechnen Sie mit einer großen Nachfrage nach UMTS-Angeboten?

Wir haben ein großes Problem als Mobilfunkindustrie: Wir haben zugelassen, dass die Öffentlichkeit zum einen glaubt, wenn wir UMTS einschalten, wird sich von der ersten Stunde an etwas in großem Stil ändern – was definitiv nicht der Fall sein wird. Und zum anderen haben wir den Eindruck vermittelt, UMTS würde sofort ein Renner. UMTS bringt uns am Anfang nicht mehr und nicht weniger als mehr Bandbreite. Datenübertragungen werden schneller, Videos können ruckelfreier übertragen werden. Es werden nicht 80 Millionen Deutsche vor den Läden stehen und UMTS kaufen wollen.

Zwei Wettbewerber – Quam und Mobilcom – werden gar nicht mehr an den Start gehen. Verbessert das Ihre Situation?

Natürlich ist das positiv für uns. Aber es ist nicht so, dass wir sagen können, unsere Zukunft ist gesichert, weil die zwei weg sind. Wir sind jetzt wieder der Club der alten Vier, mit dem können wir umgehen.

Die Stimmung unter den Konsumenten ist schlecht, der Handel spricht sogar von Konsumverzicht. Gilt das auch für Ihre Branche?

Im Moment ist das nicht so ganz en vogue. Aber ich kann mich, was mein Geschäft mit den Endkunden betrifft, im Moment nicht in die Schlange derer einreihen, die in großem Stil klagen. Natürlich ist die Stimmung bei unseren Handelspartnern sehr gedrückt. Wenn ich aber unser Geschäft mit dem Weihnachtsgeschäft im vergangenen Jahr vergleiche, kann ich nicht erkennen, dass wir hinter 2001 zurückbleiben. Unser Umsatz pro Kunde wächst. Im letzten Halbjahr haben wir uns um vier Prozent verbessert. Ich kann also im Moment nicht beobachten, dass Konsumverzicht durch kontrolliertes Verweigern der Handynutzung geübt wird.

Und wenn Sie die gesamte Wirtschaftslage betrachten?

Da geht es um die Frage, ob wir an ein besseres Morgen glauben und daran, dass die Umsätze explodieren – zum Beispiel beim Stichwort UMTS, neue Services. Es hat viele Prognosen gegeben, dass die Kunden künftig doppelt so viel ausgeben werden wie heute. Heute sehen wir das deutlich realistischer. Wenn die Europäische Zentralbank wie erwartet die Zinsen senkt, dann freut uns das als Investoren natürlich. Aber wir werden generell jede Investition genau abwägen. Es herrscht knallhartes betriebswirtschaftliches Kostendenken. Alles, was sich nicht sofort rechnet, wird auch nicht sofort gemacht.

Das Gespräch führte Corinna Visser.

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