Wirtschaft : "Wir sind weit stärker als vor fünf Jahren"

Der deutsche Maschinenbau hat in den zurückliegenden Krisenjahren seine Hausaufgaben gemacht / Kulturrevolution in den BetriebenTAGESSPIEGEL: Herr Professor Leibinger, mit welchen Gefühlen ziehen die deutschen Maschinen- und Anlagenbauer ihre Jahresbilanz?LEIBINGER: Wir befinden uns in einer recht guten Verfassung.Umsatz und Auftragseingang sind 1997 im Maschinenbau gestiegen, der Umsatz um gut vier Prozent, der Auftragseingang mit rund zehn Prozent noch deutlich darüber.Der deutsche Maschinenbau hat, wenn Sie so wollen, in den zurückliegenden Krisenjahren seine Hausaufgaben gemacht.Die Firmen sind heute weit stärker, als sie vor fünf Jahren waren.Die Produktprogramme wurden überarbeitet, weil wir den Eindruck hatten, wir seien zu teuer und eher übertechnisiert.Die Produkte wurden in der Folge vereinfacht, die betrieblichen Abläufe neu organisiert und gestrafft.TAGESSPIEGEL: Abbau einer Übertechnisierung? Was heißt das?LEIBINGER: Man macht den Deutschen im internationalen Umfeld nicht nur den Vorwurf, daß sie zu teuer sind, sondern auch den, daß sie zuviel bieten.Wir brauchen das gar nicht alles, haben wir immer wieder gehört.Dieser Vorwurf des "technischen Overkills" hat dazu geführt, daß man abspeckt und die Produkte stärker auf den Kunden zuschneidet.Früher haben wir ein Produkt entwickelt und den Preis ermittelt.Dann haben wir es dem Markt vorgestellt und gesagt "Nun kauft das mal".Damit waren wir auch lange erfolgreich, denn wir hatten gute Entwickler und gute Produkte, und haben viele Neuheiten gebracht.Heute erkundet unser Vertrieb den Markt und ermittelt, was unsere Kunden wollen.Dann definieren wir unter Beobachtung der Konkurrenz ein Produkt und seine Eigenschaften und den Preis, den wir dafür bekommen können.Entwickler, Vertrieb und Controller arbeiten so lange zusammen, bis wir den Preis erreichen, den wir erzielen können.TAGESSPIEGEL: Das heißt, es ist heute stärker ein Nachfrage- als ein Anbietermarkt?LEIBINGER: Es gibt viel stärker eine Kundenorientierung, nennen wir es einmal so.TAGESSPIEGEL: Bedeutet das für Sie eine größere Produktbreite als früher?LEIBINGER: Im Gegenteil.Wir haben festgestellt, daß wir nicht 14, sondern nur sechs Grundmodelle brauchen.Außerdem haben wir uns auf das Marktsegment konzentriert, in dem wir stark sind.Das ist eher der gehobene Markt.Wir haben in den Unternehmen so etwas wie eine Kulturrevolution gehabt.Das gilt zunächst natürlich für Trumpf aber ein ähnlicher Wandel hat auch in vielen anderen Betrieben stattgefunden.TAGESSPIEGEL: Die Wechselkursentwicklung hat Ihnen beim Export außerdem geholfen ...LEIBINGER: ...die Wechselkursentwicklung gegenüber dem Dollar hat uns in der Tat gerade in den Überseemärkten in den letzten zwölf Monaten geholfen.In Westeuropa, wo wir unsere wichtigsten Märkte haben, spielte das aber natürlich keine Rolle.Hier haben uns die konjunkturelle Entwicklung und eine positive Investitionsneigung geholfen, zum Beispiel in England, Frankreich, Spanien und Italien.Keine Freude bereitet das Inland.Dort herrscht Investitionsattentismus, der sich nur sehr langsam auflöst.TAGESSPIEGEL: Attentismus heißt ja, daß im Bereiche des Anlagenbaus eigentlich Investitionen nötig wären.Warum zögern die Firmen?LEIBINGER: Die Stimmung in Deutschland brauche ich nicht zu beschreiben, sie ist nicht gut.Wir warten auf Veränderungen, die immer wieder diskutiert werden und dann doch nicht kommen.Stichworte sind Steuerreform, Reformen am Arbeitsmarkt.Da gibt es Ansätze, aber es ist wenig geschehen.Man ist aufs höchste frustriert über die mindestens scheinbare Unbeweglichkeit der Dinge durch die deutsche Politik, wobei die Bürger den Stillstand der Politik insgesamt anlasten, ohne zu differenzieren, wer denn letzten Endes verantwortlich ist.TAGESSPIEGEL: Sehen Sie einen Letztverantwortlichen?LEIBINGER: Ich bin absolut davon überzeugt, daß die Politik der Opposition hinsichtlich der Steuerpolitik in den letzten zwölf Monaten auf das höchste zu kritisieren ist.Aber ich möchte auch hinzufügen, daß die Regierung hätte früher handeln müssen.TAGESSPIEGEL: Der Fehler der Regierung liegt darin, daß sie ihre Reformvorhaben erst nach der Hälfte der Legislaturperiode auf den Weg gebracht hat?LEIBINGER: So ist es.Sicher war das Problem durch den Boom nach der Wiedervereinigung überdeckt, sicher auch durch eine Fehleinschätzung der wirtschaftlichen Entwicklung.TAGESSPIEGEL: Hat der deutsche Maschinenbau heute wieder die Nase vorne?LEIBINGER: In technischer Hinsicht unbedingt.Wir sind am teuersten Standort der Welt welt-wettbewerbsfähig ­ und wir produzieren überwiegend in Deutschland.Ich habe früher immer gesagt: Wir sind im Vergleich zum besten Wettbewerber 30 Prozent zu teuer.Wenn man das drittelt, fällt ein Drittel auf das Produkt, also die Übertechnisierung.Ein weiteres Drittel geht zulasten zu großer Organisation im Unternehmen und das letzte Drittel, das sind die Rahmenbedingungen.Die können wir nur ein wenig beeinflussen, aber ändern können wir sie nicht.Aber die anderen zwei Drittel, da kann man etwas tun und da haben wir etwas getan.TAGESSPIEGEL: Wie haben sich Ihre überseeischen Produktionsorte entwickelt?LEIBINGER: In nennenswertem Umfang produzieren wir außerhalb Europas nur in den USA.Dort, auf dem wichtigsten Maschinenbaumarkt, sind wir sehr gut vorangekommen.Wir haben den Umsatz innerhalb von zehn Jahren versechsfacht und heute viermal soviele Mitarbeiter wie damals.Dennoch konnten wir die Exporte nach Amerika in jedem Jahr steigern.Das heißt, die Investition in Amerika hat die deutschen Arbeitsplätze nicht nur erhalten, sondern ihren Ausbau erst möglich gemacht.TAGESSPIEGEL: Die Finanzkrise im asiatischen Raum wirkt sich auch auf die Firmen aus.Leidet das Geschäft der deutschen Maschinenbauer?LEIBINGER: Durchaus.Wir erhalten in diesen Tagen sehr viele Auftragsrückstellungen oder gar Streichungen, weil die Finanzierung nicht mehr gewährleistet ist.Wir werden zwei bis drei Prozent der Exporte verlieren.Das ist nicht schön, aber das kann man durchstehen.Langfristig bleibt der asiatische Markt für uns von Bedeutung.TAGESSPIEGEL: Wie liegen bei Trumpf die Relationen zwischen deutschem und internationalem Geschäft?LEIBINGER: Da ist die Abgrenzung schwierig, weil wir zum Beispiel in der Schweiz, in Österreich und in Frankreich Fabriken haben, die sich gegenseitig beliefern.63 Prozent unseres Geschäftes finden außerhalb der Bundesrepublik statt, 37 Prozent sind in der Bundesrepublik.TAGESSPIEGEL: Bleiben wir in Deutschland.Ist der Flächentarifvertrag haltbar?LEIBINGER: Die Erosion ist in vollem Gange, man kann aber auch sagen: seine innere Weiterentwicklung, wenn man es positiv ausdrücken will.Sicher ist, daß sich der Flächentarifvertrag verändert und daß bei extensiver Auslegung Dinge möglich geworden sind, die wir noch nicht hatten.So haben wir eine Flexibilisierung der Arbeitszeit vereinbaren können in dem Sinne, daß wir in guten Zeiten viel und in schlechten Zeiten wenig arbeiten.Wir bezahlen immer 35 Stunden, arbeiten aber zwischen 30 im Minimum und 40 maximal oder mehr.Die Zusatzstunden gehen in ein Arbeitszeitkonto.Jeder Mitarbeiter kann bis zu 200 Stunden ansammeln, wir können aber auch bis zu 200 Stunden ins Minus gehen.Wir haben damit alles in allem einen Puffer von über 400 Stunden, das ist fast ein Drittel der Jahresarbeitszeit ...TAGESSPIEGEL: Es gibt bei Trumpf auch ein Modell der Gewinnbeteiligung ...LEIBINGER: Wir haben seit Jahren ein Modell der Gewinnbeteiligung.Diese haben wir in schlechten Zeiten auch schon ausgesetzt.Bei einem Facharbeiter mit 25 Berufsjahren macht die Beteiligung jährlich bis zu 3500 DM aus.Die Beteiligung ist gestaffelt nach Lohngruppe beziehungsweise nach ausgeübter Tätigkeit und Betriebszugehörigkeit.Ich spreche hier ausdrücklich nicht von Führungskräften.Die Gewinnbeteiligung wird auf einem Konto gutgeschrieben und bleibt sechs Jahre im Unternehmen stehen und wird banküblich verzinst.In Notfällen kann das Geld selbstverständlich abgehoben werden.Da die Steuer erst nach sechs Jahren greift, wird also das gesamte Geld verzinst, und nicht nur ein versteuerter Anteil.

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