Wirtschaft : „Wir sollten Arbeitskräfte hereinlassen“

Polen, die gutes Geld verdienen wollen, gehen ins Ausland. Finden Sie als drittgrößte Entsorgungsfirma in Polen noch genügend qualifizierte Mitarbeiter, Herr Kurth?

Es geht schon noch. Aber jüngere Führungskräfte sind schwerer zu bekommen als früher. Der Engpass ist vor allem in Boomregionen wie Warschau und Breslau zu spüren.

Beeinflusst das die Löhne?

Die Löhne sind seit etwa einem Jahr stark gestiegen. Das betrifft auch die ungelernten Kräfte. Im Raum Breslau nähert sich das Niveau langsam dem von Ostdeutschland an und liegt vielleicht noch 20 bis 25 Prozent darunter.

Ist Polen aus Ihrer Sicht also kein Billiglohnland mehr?

Andere Standortfaktoren werden wichtiger. Die Menschen bringen bessere Leistungen als in vielen übrigen osteuropäischen Ländern. Die Infrastruktur wird ausgebaut, die Steuern sind vergleichsweise noch unternehmensfreundlich. Wer nur wegen der einst sehr niedrigen Lohnkosten nach Polen gegangen ist, dessen Rechnung wird wohl nicht aufgehen.

Sollte man angesichts einer solchen Angleichung nicht auch den deutschen Arbeitsmarkt früher öffnen?

Ich persönlich könnte mir vorstellen, dass das für Berlin, Brandenburg und vor allem die Grenzregionen einen Wachstumsimpuls bringen würde. Auch Alba fände ein breiteres Angebot an Arbeitskräften vor. Wir müssen uns fragen, ob es für Deutschland gut ist, dass polnische Arbeitnehmer nach Großbritannien und Irland gehen und bei uns Fachkräftemangel herrscht. Nur mit Aus- und Weiterbildung wird man den nicht beheben.

Solche und andere Debatten haben die deutsch-polnischen Beziehungen belastet. Setzen auch Sie auf Entspannung unter einer liberalen Regierung in Warschau?

Eindeutig ja. Ich erwarte eine wirtschaftspolitische Öffnung. Zuletzt gab es ja keine Privatisierungen mehr. Unser Unternehmen hat mit der politischen Großwetterlage zwischen Warschau und Berlin allerdings wenig zu tun. Und mit den Bürgermeistern an unseren Standorten haben wir keine Probleme. Das Verhältnis der Bevölkerungen ist gut wie nie.

Hat sich die Expansion nach Polen für Sie ausgezahlt?

Wir wären sehr bescheidene Kaufleute, wenn wir nach zwölf Jahren in einem Markt kein gesundes wirtschaftliches Fundament hätten. Und wir wollen weiter überdurchschnittlich in Polen wachsen. Das Sortieren von Hausmüll wie in Deutschland ist dabei ein großes Thema.

Überlegt Alba, zentrale Konzerneinrichtungen nach Polen zu verlagern?

Nein, daran denken wir nicht.

Das Gespräch führte Nils-Viktor Sorge.

Peter Kurth (47) ist im Vorstand des Berliner Entsorgungsunternehmens Alba für das internationale Geschäft verantwortlich. Von 1999 bis 2001 war der CDU-Politiker Berlins Finanzsenator.

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