Wirtschaft : „Wir stecken noch mitten in der Vertrauenskrise“

Christine Bortenlänger, Leiterin des Deutschen Aktieninstituts, über zögerliche Aktiensparer und Versäumnisse der Politik.

Die Finanztransaktionssteuer trifft vor allem Privatanleger, beklagt Christine Bortenlänger. Foto: p-a/dpa
Die Finanztransaktionssteuer trifft vor allem Privatanleger, beklagt Christine Bortenlänger. Foto: p-a/dpaFoto: picture alliance / dpa

Frau Bortenlänger, das Aktienjahr 2012 ist sehr gut gelaufen. Trotzdem ist die Zahl der Aktionäre in Deutschland im Vergleich zum Ausland überschaubar. Warum?

Anleihen werden steuerlich bevorzugt. Verständlich: Der Bund refinanziert sich über Anleihen und dies derzeit so günstig wie nie zuvor. Sie gelten zudem als sicher, obwohl die Schuldenkrise die Risiken zeigt. Zudem fürchten viele Anleger, dass sie bei Aktien nach dem starken Kursanstieg 2012 zu spät dran sind.

Umgekehrt sind Aktien zu stark belastet?

Die Abgeltungsteuer ist zu hoch, es gibt keine Spekulationsfristen mehr. Nicht einmal der, der Aktien zwei oder fünf Jahre hält, kann mögliche Kursgewinne steuerfrei mitnehmen. Der Staat behält rund 28 Prozent für sich.

Wie viele Aktionäre sollte es geben?

Aktuell zählen wir etwas mehr als zehn Millionen Menschen (knapp 16 Prozent der Bevölkerung), die direkt oder indirekt über Fonds Aktien besitzen. Selbst wenn sich die Zahl verdoppeln würde, sind wir noch nicht da, wo die USA stehen. Gäbe es mehr deutsche Aktionäre, dann würde ein größerer Anteil der Dividenden – allein für 2012 schütten die 30 Dax-Firmen 28 Milliarden Euro aus – in Deutschland bleiben und in Aktien investiert oder in den Konsum fließen. Bei vielen deutschen Unternehmen liegt die Mehrzahl der Aktien bei ausländischen Anlegern. Die Rendite, die die Firmen erwirtschaften, landet zum überwiegenden Teil jenseits der deutschen Grenze.

Haben Sie das Gefühl, dass die Politik Verbesserungen im Auge hat?

Nein. Im Gegenteil: Jetzt soll auch noch die Finanztransaktionssteuer kommen. Die bezahlt der Anleger, weil sie wie jede Umsatzsteuer von den Börsen und den Banken weitergegeben wird, egal ob Aktien direkt oder indirekt über Fonds gekauft werden. So wie der Konsument beim Kauf der Waschmaschine die Mehrwertsteuer bezahlt. Die Finanztransaktionssteuer trifft in allererster Linie den Privatanleger, der die Krise nicht verursacht hat. Das Argument, man müsse so die Schuldigen an den Kosten für die Krise beteiligen, wird so zum Treppenwitz.

Tun die Unternehmen genug, um Aktien attraktiv zu machen?

Auch ein Privatanleger kann heute in der Investor-Relations-Abteilung eines Unternehmens anrufen und Fragen stellen. Das zeigt, dass sich die Firmen gegenüber dem Anleger geöffnet haben.

Jüngste Ereignisse bei Thyssen-Krupp oder der Deutschen Bank schrecken eher ab.

Wir stecken noch mitten in der Vertrauenskrise. Solche Nachrichten helfen nicht. Man kann verstehen, dass die Menschen den Kopf schütteln. Wir brauchen kurzfristig starke positive Signale und nicht mehr solche Nachrichten. Manche Werte scheinen abhandengekommen zu sein. Auch die Politik ist gefragt.

Ist den Bundesbürgern bewusst, welche Rolle die Aktie für die private Altersvorsorge spielt oder spielen kann?

Nein. Wenn man auf große Familienvermögen schaut, dann wurde dort über Jahrzehnte erfolgreich in Aktien investiert. Es gibt kurzfristige Schwankungen, aber über längere Zeiträume von zehn und mehreren Jahren bringt die Aktie im Schnitt durch Kurssteigerungen und Dividenden einen ansehnlichen Zuwachs.

Warum werden solche Vorteile nicht wahrgenommen?

Wir brauchen eine bessere ökonomische Grundausbildung. Schulen und Lehrer müssen in die Pflicht genommen werden. Die Menschen brauchen eine Lebenskompetenz auch in ökonomischen Fragen. Was ist eine Aktie, was eine Lebensversicherung? Wie funktioniert ein Kredit? Leider gibt es hier in der Politik, im Bund und in den Bundesländern keine Bewegung.

Das Interview führte Rolf Obertreis

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