Wirtschaft : „Wir werden die Ersten am Markt sein“

Jens Schneider-Mergener, Chef der Berliner Pharmafirma Jerini, über Probleme mit neuen Medikamenten und den Absturz der Aktie

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Herr Schneider-Mergener, am Donnerstagabend haben Sie noch gemeldet, dass Ihr neues Medikament erfolgreich getestet worden ist, am Freitagmorgen ist die Aktie fürchterlich abgestürzt. Was ist passiert?

Es gab offenbar eine gewisse Verunsicherung über die Ergebnisse, aber das bedeutet noch nicht viel. Die Investoren haben 100 Prozent erwartet, wir haben aber nur 95 Prozent unserer Studienziele erreicht. Ich halte das immer noch für ein hervorragendes Ergebnis. Wir konnten zeigen, dass Icatibant wirkt und sicher ist, die Testpatienten haben sich nach der Behandlung besser gefühlt. Wir sind noch immer gut am Ball.

Warum dann die heftige Reaktion?

Amerikanische Investoren haben ihre Jerini-Aktien nicht verkauft, nur Europäer. Viele in Europa haben offenbar nicht verstanden, was die Studienergebnisse bedeuten, die Voraussetzung für die Zulassung eines Medikaments sind. Der Streubesitz der Aktie ist klein, darum schlagen sich auch einzelne Verkäufe schnell auf den Kurs nieder.

Wie wollen Sie das Vertrauen Ihrer Investoren wiederherstellen?

Wenn man sich den Jerini-Kurs der letzten Monate anschaut, dann korreliert das nicht unbedingt mit Fakten. Bei der Börse spielen ganz andere Dinge eine Rolle. Wir werden den Behörden in Europa und den USA die Studienergebnisse in den nächsten Wochen genau erläutern und ab Montag auf Roadshow gehen, um Aufklärungsarbeit zu leisten.

Analysten befürchten, dass sich die für 2007 geplante Zulassung auf dem wichtigen US-Markt verzögert. Haben sie recht?

Grundsätzlich haben die Behörden immer das letzte Wort, aber ich halte die Wahrscheinlichkeit für sehr gering. Wir werden mit dem Zulassungsprozess für Europa und USA Ende 2006 beginnen und gehen unverändert davon aus, dass Icatibant2007 zunächst in den USA und Anfang 2008 in Europa zugelassen wird.

Jerini ist ein junges Unternehmen, dessen Zukunft von einem einzigen Produkt abhängt. Welche Folgen hätte es, wenn Sie die Zulassung nicht bekommen?

Mit Verlaub, ich kann mir keinen Fall vorstellen, warum es nicht zugelassen werden sollte. Denn die Ergebnisse haben eindeutig gezeigt, dass Icatibant wirksam und sicher ist – darauf schauen die Behörden und nicht auf Einzelaspekte.

Wie lange reicht Ihr Geld noch?

Wir haben circa 70 Millionen Euro auf der Bank, damit können wir auf jeden Fall das Medikament auf den Markt bringen.

Die rund 10 000 Menschen weltweit, die Sie behandeln wollen, leiden unter einer Erbkrankheit, die zu lebensbedrohlichen Schwellungen des Kehlkopfes führen kann. Wie werden sie bisher therapiert?

In den USA werden die meisten mit anabolen Steroiden behandelt. Das führt aber zu heftigen Nebenwirkungen: Sie werden dick, viele bekommen Leberprobleme und Depressionen. Bei Patienten, die mit Icatibant behandelt wurden, sind die Schwellungen innerhalb von einigen Stunden wieder zurückgegangen.

Jerini steht im Wettbewerb mit dem US-Biotechunternehmen Genzyme, das mit Dyax ein ähnliches Medikament entwickelt wie Sie. Haben die Amerikaner nun bessere Chancen?

Wir haben einen Vorsprung von etwa einem Jahr und gehen davon aus, dass wir die Ersten am Markt sein werden, selbst wenn es Verzögerungen geben sollte.

In der Biotechbranche gibt es oft Rückschläge. Wie wollen Sie Anleger überzeugen, Ihnen trotzdem Geld zu geben?

Biotechnologie ist immer eine risikoreiche Sache. Aber wo ein großes Risiko ist, gibt es auch riesige Chancen. Viele Anleger haben mit Biotech-Spekulationen schon viel Geld verdient.

Wo steht die deutsche Biotechnologie im Vergleich zum Weltmarkt?

Im Vergleich zu US-Unternehmen hängen wir noch zehn bis 15 Jahre zurück, aber es gibt Firmen wie Jerini, Paion oder GPC, die sich herangekämpft haben. Es ist wahnsinnig wichtig, dass kleine Firmen das Risiko eingehen und sinnvolle Medikamente auch für kleinere Patientengruppen entwickeln. Die großen Pharmafirmen machen das nicht.

Warum eigentlich nicht, die Großen könnten das Risiko doch viel besser abfedern?

Das ist eine Mentalitätsfrage. Früher hatten es die Konzerne nicht nötig, kleinere Medikamente zu entwickeln, sie haben genug Geld mit großen Blockbustern verdient. Aber die Mentalität ändert sich gerade. Pharmakonzerne schaffen es immer seltener, Blockbuster zu entwickeln, die Milliardenumsätze abwerfen, und lizenzieren darum zunehmend die kleineren Produkte von Biotechfirmen.

Viele haben gehofft, dass mithilfe der Biotechnologie Wirkstoffe gegen bislang unheilbare Krankheiten wie Krebs oder Alzheimer schneller gefunden werden können. Warum hat das nicht funktioniert?

Die Forschung nach neuen Mitteln ist wahnsinnig komplex. Wir haben durch die Entschlüsselung des menschlichen Genoms zwar mehr gelernt, aber das war nur ein winziger Schritt. Man darf nicht erwarten, dass es in der Krebsforschung jemals den Riesendurchbruch gibt, es werden immer kleine Fortschritte sein. Darum ist es so wichtig, viel Geld in die Biotechnologie zu investieren.

Wird in Deutschland genug investiert?

Ja, genügend Geld ist da. Man muss die Investoren nur überzeugen, dass es gut angelegt ist.

Das Gespräch führte Maren Peters.

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