Wirtschaft : "Wir werden ein paar schwarze Dollars abliefern"

Herr Schmidt-Holtz[seit einer Woche ist MusicNet]

Rolf Schmidt-Holtz (52), ist Chef der Bertelsmann Music Group (BMG) und im Vorstand der Bertelsmann AG für Inhalte zuständig. Zuvor war der Ex-Journalist Vorstand der Bertelsmann-Fernsehtochter CLT-Ufa (RTL). Schmidt-Holtz begann seine Karriere 1977 im Bundespresseamt. Er wechselte zum WDR und wurde später Fernseh-Chefredakteur des Senders. 1988 übernahm er die Leitung des "Stern", 1994 wurde er Vorstand bei Bertelsmann. Er gilt als engster Berater von Konzern-Chef Thomas Middelhoff.

Herr Schmidt-Holtz, seit einer Woche ist MusicNet - die Internet-Plattform, die Bertelsmann zusammen mit AOL Time Warner und EMI betreibt - online. Haben Sie sich schon Musik aus dem Netz heruntergeladen?

Nein, noch nicht. Aber ich glaube, die Tatsache, dass wir mit RealOne am Markt sind, zeigt, dass der Vertrieb von Musik über das Internet nicht mehr aus der Welt zu schaffen ist. Musikliebhaber werden in Zukunft alle Wege nutzen, um an die Musik zu gelangen, die sie hören wollen. Und das heißt für einen Konzern wie BMG: Wir haben uns dieser Distributionswege zu bedienen.

RealOne steht nur Amerikanern offen. Wann geht der Dienst in Deutschland online?

Da müssen Sie MusicNet fragen. BMG ist ja nicht der Betreiber, sondern nur der Lizenzgeber. Wie bei Napster übrigens auch. Wir vergeben unsere Lizenzen nicht exklusiv, sondern halten uns alle Wege offen.

Wofür braucht Bertelsmann nach dem Start von RealOne Napster überhaupt noch?

Ich halte Napster nach wie vor für eine sehr vielversprechende und attraktive Vertriebsform. Napster ist eine der besten Marken in der Musikindustrie überhaupt. Napster ist mehr als ein Musikvertriebsweg. Es kann Communities von Musikliebhabern bilden.

Die Gemeinde wartet seit fast einem Jahr auf den Neustart, der immer wieder verschoben wurde. Wann geht Napster ans Netz?

Vermutlich wird das Anfang nächsten Jahres der Fall sein.

Glauben Sie nicht, dass die Marke Napster unterdessen Schaden genommen hat?

Es wäre natürlich viel besser für Napster gewesen, ohne Pause am Netz zu sein. Aber: Wir mussten von Anfang klar machen, dass wir als Musikkonzern das geistige Eigentum unserer Künstler schützen werden. Illegale Dienste können und werden wir auf keinen Fall unterstützen. Erst mussten die Urheberrechtsfragen geklärt werden.

Wie ist der Stand der Verhandlungen mit den anderen Labels über die Lizensierung?

Ich kann nur von den Verhandlungen zwischen BMG und Napster berichten. Die sind ganz weit vorangekommen. Wir sind bereit, Napster eine Lizenz zu geben.

Warum glauben Sie, dass die Napster-Community bereit sein wird, für einen Dienst zu zahlen, wenn sie weiter kostenlose Musik im Netz finden wird?

Wir wissen, dass die Napster-Nutzer bereit sind, einen vernünftigen, möglicherweise monatlichen Betrag zu zahlen, um sich für einen vertretbaren finanziellen Aufwand eine individuelle Musiksammlung anzulegen. Auch, wenn sie die Stücke nicht kopieren und illegal weitervertreiben können. Für BMG ist es keine Frage, dass wir über Napster die Fans unserer Stars erreichen wollen.

Sie brauchen den Erfolg auf neuen Vertriebswegen, weil der klassische Markt nur noch mit geringen Raten wächst...

Die Nachfrage nach Musik wird immer größer. Gesunken ist der Verkauf von CDs. Deshalb geben wir die klassische Tonträgerproduktion nicht gleich auf. Aber wir brauchen den elektronischen Vertrieb, um die veränderte Nachfrage zu befriedigen.

BMG hat ein schwieriges Jahr hinter sich: Zum ersten Mal in der Geschichte haben Sie Verluste gemacht, es mussten Stellen gestrichen werden. Schaffen Sie die Wende bis zum Börsengang von Bertelsmann?

Die schaffen wir schon vorher. Zugegeben, wir haben im letzten Geschäftsjahr, das am 30. Juni zu Ende gegangen ist, einen hohen Verlust von 300 Millionen Dollar gemacht und insgesamt 1100 Stellen abgebaut. Aber am Ende des Kalenderjahres 2001, das unser aktuelles Rumpfgeschäftsjahr ist, werden wir schon die Gewinnschwelle erreichen und ein paar schwarze Dollars abliefern.

Der Marktanteil von BMG liegt heute bei 12 Prozent. Wo stehen Sie Ende 2002?

Eine Zahl gebe ich nicht vor. Aber ich möchte, dass wir unseren Anteil um zehn, vielleicht 15 Prozent erhöhen.

BMG werde dereinst der größte Musikkonzern der Welt, hat Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff vor anderthalb Jahren angekündigt. Nach der gescheiterten Fusion mit EMI ist dieses Ziel in weite Ferne gerückt...

Thomas Middelhoff hat eingeräumt, dass er diese Ankündigung heute so nicht mehr machen würde. Richtig ist aber: BMG is back. Wir schauen uns auf dem Markt um. Wir würden auch heute jederzeit mit einem attraktiven Partner zusammenarbeiten oder entsprechende Zukäufe tätigen. Das gilt für Labels und jede andere Möglichkeit, die sich uns am Markt bietet. Ob wir am Ende die Nummer eins sind, halte ich für zweitrangig. Wichtig ist, dass BMG auf Wachstumskurs ist.

Herr Middelhoff hat unlängst auch das mangelnde Kostenbewusstsein im Konzern kritisiert. Fühlen Sie sich angesprochen?

Nein. Ich habe Anfang des Jahres, als ich BMG-Vorstand wurde, eine schonungslose Analyse dessen vorgenommen, was sich bei BMG ändern musste - auch in der Kostenstruktur. Wir haben die Kosten seitdem dramatisch verringert.

Bei Ihren Aufräumarbeiten haben Sie einige "Fürstentümer" bei BMG entmachtet. Wer war damit gemeint?

Wenn Sie einen Musikkonzern global erfolgreich führen wollen, dann geht das nur, wenn alle im Team zusammenarbeiten. Dann dürfen einzelne Regionen und Länder nicht eigene Festungen errichten. Wer diesen Teamgeist nicht aufbringt, kann nicht bei BMG arbeiten. Mitarbeiter, die das nicht verstanden haben, haben uns verlassen.

In Deutschland hat BMG den Standort Hamburg geschlossen und nach Berlin verlagert. Welche Rolle spielt Berlin international?

Berlin ist eine pulsierende und musikalisch unkonventionelle Kulturhauptstadt, die Schrittmacherdienste für uns leisten kann. Im digitalen Zeitalter ist der Standort zwar nicht mehr so wichtig, aber die Berliner Musikszene wird international an Bedeutung gewinnen. Dazu müssen auch der Senat und private Träger ihren Beitrag leisten.

Gibt es Überlegungen, alle deutschen BMG-Standorte an der Spree zu konzentrieren?

Für BMG ist ein Umzug nur dann sinnvoll, wenn es in die strategische Neuordnung passt. So ist die BMG Hamburg mit BMG Berlin zusammengelegt worden.

Die dezentrale Struktur ist Bertelsmann heilig. Wäre es nicht sinnvoller, alles aus einer Hand anzubieten?

Die Arbeit des Bertelsmann Content Networks, die ich ja auch verantworte, zeigt, dass wir erfolgreich auf dem Weg von einem dezentralisierten zu einem integrierten Medienkonzern sind. Die Inhalte, die wir produzieren, werden so konfiguriert, dass sie über die ganze Wertschöpfungskette zum Kunden gelangen. Deshalb müssen wir nicht unsere dezentrale Struktur aufgeben. Es soll weiter Unternehmer im Unternehmen geben, die einen hohen Grad von Selbstverwirklichung und Freiheit in ihren Entscheidung haben.

Bleibt BMG trotz des Kostendrucks kreativ genug, um den Erfolg zu haben, den die Börse künftig von Bertelsmann erwartet?

Ich glaube, die Kreativität leidet nie unter sinnvollen Restrukturierungsmaßnahmen, im Gegenteil. Den Erfolg müssen wir nicht wegen der Börse haben. Wir müssen aus uns selbst heraus erfolgreich sein. Dann verdienen wir das nötige Geld, um investieren zu können - in Künstler, in Majors, in Labels, was auch immer. Der Kapitalmarkt setzt uns nicht unter Druck, er gibt höchstens eine zusätzliche Motivation. An erster Stelle steht der unternehmerische Wille. Erst wenn sich der Erfolg einstellt, überlegt man sich, an die Börse zu gehen. Übrigens: Man kann auch überlegen, es zu lassen.

Ist das eine Option für Bertelsmann?

Jedes Unternehmen ist jederzeit in der Lage Pläne zu haben, sie zu verschieben oder ganz aufzugeben. Das nimmt auch Bertelsmann für sich in Anspruch.


Bertelsmann Music Group

Die Bertelsmann Music Group (BMG) ist nach Universal, Sony, EMI und Warner der weltweit fünftgrößte Musik-Konzern. Unter seinem Dach sind mehr als 200 Plattenfirmen (Labels) in 54 Ländern versammelt. BMG hat Stars wie Carlos Santana, Whitney Houston, Christina Aguilera oder Eros Ramazotti unter Vertrag und erwirtschaftete im Geschäftsjahr 2000/2001 mit 9500 Mitarbeitern einen Umsatz von 3,7 Milliarden Dollar. Zuletzt litt BMG unter einem rückläufigen Absatz von Tonträgern und dem illegalen Vertrieb von Musik über das Internet. BMG musste einen Verlust von 300 Millionen Dollar hinnehmen. Bertelsmann ist mit seiner E-Commerce Group (BECG) an der Online-Musiktauschbörse Napster beteiligt, die als kostenpflichtiger Dienst reaktiviert werden soll.

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