Wirtschaft : „Wir werden nur dort länger öffnen, wo es sich lohnt“

Metro-Chef Hans-Joachim Körber fordert von den Beschäftigten, auf Spätzuschläge zu verzichten. Neue Märkte will er vor allem im Ausland eröffnen

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Herr Körber, die Länder beschließen gerade neue Ladenschlussgesetze, auch Berlin. Wann können die Kunden von Real, Galeria Kaufhof und Saturn rund um die Uhr shoppen?

Grundsätzlich begrüßen wir die Entwicklung. Die Freigabe der Ladenöffnungszeiten ist ein großer Fortschritt und bietet uns neue Möglichkeiten. Wir werden sicherlich einiges ausprobieren. Ich hoffe, dass möglichst viele Länder die neuen Öffnungszeiten schon fürs Weihnachtsgeschäft umsetzen. Eines ist jedoch sicher: Wir werden nur dort länger aufmachen, wo es sich am Ende auch lohnt.

Können Sie mit der Unterstützung Ihrer Betriebsräte rechnen?

Als wir bei der letzten Ladenschlussnovelle die Öffnungszeiten am Samstag um vier Stunden verlängerten, haben wir mit den meisten Betriebsräten eine zügige Einigung erzielt. In einigen wenigen Fällen haben wir bis zu einem Jahr für eine kundenfreundliche Lösung kämpfen müssen. Auch diesmal streben wir eine rasche Konsenslösung mit den Arbeitnehmervertretern an. Denn eines ist klar: Wir werden auf Dauer nicht länger öffnen können, wenn wir abends Zuschläge von 50 Prozent und mehr zahlen müssen.

Heißt das, dass Sie vor allem auf Aushilfskräfte zurückgreifen werden?

Wir haben im Handel gut ausgebildete Mitarbeiter. Eine qualifizierte Kundenberatung ist mit Aushilfskräften nicht zu machen.

Kann eine Einigung mit den Betriebsräten in Berlin noch rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft klappen?

Ich bin zuversichtlich.

Rechnen Sie mit mehr Umsatz, wenn die Türen länger offenstehen?

Verlängerte Öffnungszeiten werden nicht automatisch zu einem Nachfrageschub bei den Verbrauchern führen, wohl aber zu Verschiebungen der Einkaufszeiten. Das gilt vor allem für die großen Städte, wo unsere Kunden den Kinobesuch dann einfacher mit dem Shoppen verbinden können. Einkaufen wird dadurch insgesamt attraktiver. In Kleinstädten wird sich voraussichtlich nicht so viel ändern.

Die Metro-Gruppe macht 56 Prozent ihres Umsatzes im Ausland. Warum ist es so schwer, im Inland Geld zu verdienen?

Dank der richtigen Konzepte verdienen wir im In- und Ausland Geld. Wir haben allerdings in den vergangenen Jahren kontinuierlich daran gearbeitet, uns international immer breiter aufzustellen. Der Fall des Eisernen Vorhangs hat uns enorme Chancen in Osteuropa eröffnet. Und wir haben diese genutzt. 1994 sind wir nach Polen und Ungarn gegangen, dann nach und nach in fast alle osteuropäischen Länder. Außerdem expandieren wir stark in Asien. Aber das heißt nicht, dass wir Deutschland vernachlässigen. 44 Prozent des Umsatzes machen wir immer noch hier.

Wird der Auslandsanteil weiter steigen?

In den vergangenen zehn Jahren gab es fast kein Wachstum im deutschen Einzelhandelsmarkt. Auch in den kommenden Jahren werden wir hier nur moderat zulegen. Die Wachstumsregionen der Zukunft sind Länder wie Russland, China, Indien. Von den Märkten, die wir im kommenden Jahr eröffnen, werden viele in diesen Ländern sein.

In Deutschland haben Sie gerade 85 Wal-Mart-Filialen gekauft, die ihre defizitäre Supermarktkette Real verstärken sollen. Was haben Sie davon?

Durch die Übernahme werden wir in Deutschland zum Marktführer im Bereich SB-Warenhaus. Die Filialnetze ergänzen sich hervorragend. Darüber hinaus können wir durch die Übernahme wertvolle Synergien wie beispielsweise in den Bereichen Logistik, Einkauf, Werbung und Marketing erzielen. Wettbewerber werden es in Zukunft schwer haben, in eine vergleichbar starke Position zu kommen.

Wal-Mart hat es in acht Jahren nie geschafft, in Deutschland Fuß zu fassen. Was macht Sie so zuversichtlich, dass die Kombination mit Real ein Erfolg wird?

Bis zum Jahr 2004 erwirtschaftete Real eine Umsatzrendite von rund drei Prozent, da wollen wir wieder hin. Die wichtigsten Weichen sind gestellt. Real arbeitet mit Hochdruck an der Repositionierung – auf der Kostenseite, auf der Marketingseite und auf der Preisseite.

Wie weit sind Sie mit der Integration?

Sobald wir die Zustimmung des Bundeskartellamtes haben, wird Real sofort mit der Integration beginnen. Wir gehen davon aus, dass diese bald kommt.

Kann Ihnen der harte Preiskampf in Deutschland einen Strich durch die Rechnung machen?

Das Spiel, das wir gemeinsam spielen, heißt Wettbewerb. Den Vorteil hat der deutsche Kunde, der im europaweiten Vergleich am schärfsten auf den Preis schaut.

Darüber können Sie sich nicht ernsthaft beschweren, Sie haben die Parole „Geiz ist geil“ im eigenen Haus entwickelt, für die Elektronikkette Saturn. Aber sind die Zeiten des Knauserns nicht langsam vorbei?

Nein, im Gegenteil. Erst vor wenigen Tagen haben wir den European Consumption Report vorgelegt. Dieser belegt, dass der deutsche Verbraucher nach wie vor selbst bei kleinen Dingen die Preise vergleicht.

Ihre Warenhauskette Galeria Kaufhof war nicht immer entspannt angesichts der Discounter-Konkurrenz. Die Geschäfte liefen zuletzt ziemlich schlecht.

Die Warenhäuser mit ihrem hochwertigen Angebot haben die allgemeine Konsumzurückhaltung der vergangenen Jahre sicherlich besonders deutlich zu spüren bekommen. Aber davon unabhängig wird ein gut geführtes Warenhaus immer seinen Platz im Wettbewerb haben.

Beim Kaufhof am Alexanderplatz hatten Verbraucher lange Jahre den Eindruck, dass der Zeitgeist vorausgeeilt ist, jetzt haben Sie 120 Millionen Euro investiert. Hat sich der Aufwand gelohnt?

Auf jeden Fall! Das Haus läuft sehr erfolgreich. In den ersten Tagen hatten wir einen riesigen Kundenansturm. Und auch jetzt liegen die Kundenzahlen über unseren Erwartungen.

Sie haben gerade einen Großmarkt in Friedrichshain eröffnet, den sechsten in Berlin. Woher sollen die Käufer kommen in einer Stadt mit fast 20 Prozent Arbeitslosen?

Wir haben in Berlin keinen Grund zur Klage. Die insgesamt angespannte Lage der Stadt sollte nicht davon ablenken, dass hier viele konsumfreudige Menschen leben, die gerne einkaufen. Außerdem richten sich unsere Metro-Cash & Carry-Märkte vor allem an gewerbliche Kunden aus der Gastronomie, und da ist Berlin eine Hochburg.

Was können Sie mit dem Begriff ,Neue Armut‘ anfangen?

Zunächst einmal: Das ist kein wirklich neues Phänomen. Ich halte es aber für ausgesprochen schlecht, dass einige Politiker neuerdings den Begriff ,Unterschicht‘ verwenden. Das spaltet und diskriminiert die Menschen.

Muss sich eine Gesellschaft keine Sorgen machen, wenn ein Drittel der Gesellschaft von vornherein keine Chance hat?

Das wirkliche Problem ist, dass wir 30 Prozent unseres Staatshaushaltes für Soziales ausgeben, so viel wie kaum ein anderes Land. Wir müssen hin zu mehr Eigenverantwortung.

Für viele dieser Leute gibt es keine Arbeit. Was sollen sie tun?

Wir müssen Arbeit im Niedriglohnbereich schaffen, also den Arbeitsmarkt nach unten öffnen und dafür sorgen, dass Arbeit wieder attraktiv wird. Jeder, der arbeiten will, sollte auch wieder eine Chance dazu bekommen.

Auch die Mehrwertsteuererhöhung im nächsten Jahr trifft vor allem die kleinen Leute.

Ja. Aber es war die Politik, die die Erhöhung der Mehrwertsteuer beschlossen hat. Dass jetzt Friseure, Handwerker und auch viele Einzelhändler ihre Preise erhöhen müssen, ist nicht deren Schuld.

Wie wirkt sich die Mehrwertsteuererhöhung auf Ihr Geschäft aus?

Die Kunden werden einige Anschaffungen noch vor der Mehrwertsteuererhöhung tätigen. Deshalb rechnen wir mit gewissen positiven Effekten gegen Ende des Jahres. Das erste Quartal 2007 wird dann entsprechend schwächer.

Und das war’s?

Nein. Die allgemeine Wachstumsdelle wird länger dauern, davon bin ich überzeugt, und darauf stellen wir uns ein. Die Deutschen kaufen, wenn sie zuversichtlich in die Zukunft sehen können. Im Moment haben alle das Gefühl, dass nach den Reformen am Ende weniger Geld im Portemonnaie bleibt. Und sparen deshalb lieber, zuallererst bei der Kleidung.

Hatten Sie mehr von der großen Koalition erwartet?

Ich hatte erwartet, dass sie mehr bewegt. Wir erleben den kleinsten gemeinsamen Nenner, wie man an der Gesundheitsreform sieht. Aber das Wahlergebnis war eben so.

Das Interview führten Moritz Döbler und Maren Peters.

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