Wirtschaft : „Wir werden öfter und weiter reisen“

Thomas-Cook-Vorstandschef Stefan Pichler über die Reise-Rezession 2002 und das neue Fernweh der Deutschen

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Herr Pichler, in Deutschland sind die Konsumenten in den Streik getreten. Gibt es auch einen Reisestreik?

Ganz und gar nicht. Denn wir decken ja, anders als viele Bereiche im Einzelhandel, ein stabiles Grundbedürfnis nach Erholung und Entspannung ab. Dieses Bedürfnis befriedigen die Menschen, wenn sie es irgendwie möglich machen können, auch in schwierigen Zeiten. Deswegen kann man das nicht eins zu eins vergleichen. Aber wir können sicher von einer Reiserezession 2002 reden.

Also steckt die Touristikindustrie doch in der Krise.

In Deutschland sind die Buchungen im Gesamtmarkt um zwölf Prozent zurückgegangen, im europäischen Umfeld ist das mit großem Abstand der schlechteste Wert. In den anderen 21 ThomasCook-Märkten, auf denen wir mittlerweile mehr als 55 Prozent unseres Umsatzes erwirtschaften, sieht es anders aus. So ist in Großbritannien oder Belgien die Nachfrage wieder stabil. Und bei unserer Tochtergesellschaft in Indien verbuchen wir zweistellige Wachstumsraten.

Drücken hohe Steuern und Abgaben in Deutschland die Konsumstimmung?

Es kommen mehrere Faktoren zusammen, die unabhängig von den tragischen Ereignissen in den USA und auf Djerba dazu geführt haben, dass in Deutschland 2002 ein denkbar schlechtes Konsumklima geherrscht hat. Neben der „Teuro“-Diskussion sind dies die Angst um den Arbeitsplatz, die Sorge über steigende Sozialabgaben und die Enttäuschung über die Einbrüche an den Börsen.

Andere namhafte Unternehmer stellen sogar den Standort Deutschland in Frage. Sie auch?

Vor dem steuerlichen Hintergrund überprüfen wir regelmäßig, wo der optimale Standort für unseren Konzern sein könnte. Was das operative Geschäfts betrifft: Deutschland ist unser größter Absatzmarkt. Wir wollen hier unser Geschäft aus eigener Kraft weiterentwickeln, profitabel wachsen und die Nachfrage stimulieren. Das tun wir unter anderem mit preislichen Anreizen. Bei Neckermann Reisen haben wir für den kommenden Sommer für 80 Prozent unserer Zielgebiete die Preise gesenkt.

Haben denn die Menschen nach den Terroranschlägen noch Lust zu verreisen?

Die jüngsten tragischen Ereignisse werden das Reiseverhalten der Deutschen nicht nachhaltig beeinflussen. Die Menschen lernen, mit der Situation umzugehen und wissen sie auch richtig einzuschätzen. Im Übrigen bieten wir grundsätzlich keine Reiseziele an, die als unsicher eingeschätzt werden. Dabei arbeiten wir Hand in Hand mit dem Auswärtigen Amt. Derzeit sehen wir, unbeeindruckt von Bali und Mombasa, ein zweistelliges Wachstum bei den Fernreisen.

Also werden die Deutschen ihre Ziele nicht auf Schwarzwald und Ostsee beschränken?

Nein. In ein paar Jahren werden die Deutschen erstens noch viel öfter reisen, und zweitens zu viel mehr Zielen. Die Touristikindustrie wird daher noch globaler werden müssen, was die Zielgebiete betrifft. Ich gehe davon aus, dass in etwa fünf Jahren nur noch rund 20 bis 25 Prozent unserer Gäste auf die Kanaren und die Balearen fliegen – jetzt sind es bei uns im Konzern noch über 30 Prozent.

Ihre Marke „Thomas Cook Reisen" konzentriert sich auf individuelle, hochwertige Reisen, Neckermann auf das Billigsegment. Was ist mit dem Durchschnittstourist?

Den Durchschnittstouristen gibt es doch heute schon kaum mehr. In den Touristikmärkten Europas wie Deutschland, Großbritannien oder Belgien polarisiert sich die Nachfrage zunehmend. Am einen Ende gibt es die sehr preissensiblen Kunden, die möglichst billig reisen wollen. Und dann haben wir aber zunehmend die erfahrenen Urlauber, die genaue Vorstellungen davon haben, wie sie ihren Urlaub verbringen wollen.

Der Trend zum Last-Minute-Reisen hat sich verstärkt. Müssen Sie sich umstellen?

Ein Teil der Angebote, besonders im preisgünstigen Bereich, wird noch stärker kurzfristig gebucht werden. Aber gerade Familien wollen und müssen auch weiterhin längerfristig planen. Daher werden auch in Zukunft deutlich mehr als 50 Prozent unserer Kunden ihren Urlaub mehr als sechs Wochen im Voraus buchen.

Sie schauen optimistisch in die Zukunft. Trotzdem wollen Sie 500 Stellen abbauen und sechs Flugzeuge stilllegen. Reicht das?

Wir haben ein schwieriges Jahr hinter uns. Auch das kommende Jahr wird nicht leicht und daher bereiten wir uns vor: Zum einen passen wir überall unsere Kapazitäten an und senken die Kosten. Durch die Stilllegung von sechs Flugzeugen unserer Ferienfluggesellschaft Condor haben wir die Flugkapazität um elf Prozent reduziert. Damit haben wir weniger Risiko bei Nachfrageschwankungen. Überall, wo es nicht den Kunden betrifft, schnallen wir den Gürtel enger.

Wie halten Sie gegen die Billigflieger mit?

Was an Billigflugplänen in Deutschland bekannt ist, konkurriert kaum mit den Angeboten der Thomas Cook-Gesellschaften. Es gibt nur vereinzelte Überschneidungen bei den Zielen. Wir sehen die Billigflieger eher als Chance. Wir sind dabei, Wochenendpakete zu entwickeln, für die etwa Germanwings dann die Flugsitze liefert. Ab 2003 soll es diese Angebote geben.

Wie läuft das Weihnachtsgeschäft?

Die Buchungszahlen liegen für den Winter kumuliert ungefähr auf Vorjahresniveau. Wir sind zufrieden. Der Winter ist zwar spät angelaufen, aber momentan haben wir wöchentlich zweistellige Zuwachsraten.

Wird es nächstes Jahr besser?

Ich rechne damit, dass in Europa die touristische Nachfrage um drei bis vier Prozent wachsen wird, auch in Deutschland. Dieses Szenario lässt aber einen Irak-Krieg außer Acht. 2004 wird die Touristikindustrie dann voraussichtlich an die Wachstumsraten der vergangenen Jahre wieder anknüpfen.

Wo machen Sie Urlaub?

Ich fliege bald auf die Malediven zum Tauchen – und wohne in einem Hotel, das Sie auch bei Thomas Cook Reisen finden.

Das Gespräch führte Flora Wisdorff.

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