Wirtschaft : „Wir wollen gemeinsam Zukunft gestalten“

Merck-Vorstandschef Michael Römer über seine Übernahmepläne und den Standort Berlin

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Herr Dr. Römer, fühlen Sie sich willkommen in Berlin?

Ich fühle mich sehr willkommen, Berlin ist unsere Hauptstadt. Da fährt man doch immer gerne hin.

Das ist eine Überraschung. Schering heißt Sie nicht willkommen, der Regierende Bürgermeister war schon mal herzlicher.

Vielleicht sind beiden die Vorteile unseres Vorhabens noch nicht bewusst. Wir wollen zusammen mit Schering die Zukunft gestalten. Und um erfolgreich zu sein, brauchen wir die richtige Größe. Die zehn größten Pharmaunternehmen der Welt haben heute einen Marktanteil von mehr als 50 Prozent. Ein deutsches Unternehmen ist nicht mehr dabei.

Warum haben Sie sich ausgerechnet Schering ausgesucht?

Schering ist ein idealer Partner für uns. Nach der Fusion werden wir in Ethicals, das sind die rezeptpflichtigen Originalpräparate, über drei Mal größer sein, als wir es heute sind. Beide Unternehmen ergänzen sich perfekt, sie überlappen sich kaum. Wir werden künftig stark in der Krebsforschung, wir haben viele neue Medikamente in der Entwicklung, wir konkurrieren nicht. Wir arbeiten bei soliden Tumoren, Schering bei Blutkrebs. Beim zentralen Nervensystem hat Schering mit Betaferon ein sehr starkes Präparat im Markt, wir haben mit Sarizotan hier ein sehr starkes Medikament in der Entwicklung.

Wenn es keine Überlappungen gibt, wie wollen Sie dann Synergien von 500 Millionen Euro pro Jahr erzielen?

Welche Synergien man heben kann, das wird erst die genaue Analyse zeigen. Unsere Schätzung basiert auf öffentlich zugänglichen Informationen.

Ist es für Merck wichtig, dass Schering ein deutsches Unternehmen ist?

Ja. Die Integration wird leichter, wenn die Kulturen ähnlich sind. Wir haben vieles gemeinsam.

Aus Ihrem Unternehmen war zu hören, dass Sie nach einer Übernahme innerhalb von drei Jahren bis zu 4500 Stellen streichen wollen.

Das ist eine Fehlinformation. Es ist unverantwortlich, jetzt eine Zahl zu nennen. Klarheit kann erst die gemeinsame Analyse mit Schering bringen. Unser Fokus ist nicht, Personal abzubauen, sondern ein Unternehmen zu schaffen, mit dem wir wachsen und die Zukunft gestalten.

Die Schering-Mitarbeiter in Berlin fragen sich trotzdem schon, wo sie bleiben. Sie werden sich kaum zwei Zentralen leisten – in Berlin und in Darmstadt, oder?

Nein, zwei Zentralen wird es nicht geben. Aber Berlin wird auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen. Schering-Mitarbeiter sollten sich auch über eines klar sein: Schering wird seit Jahren als Übernahmekandidat gehandelt. Nach einem Zusammenschluss mit Merck ist eine weitere Übernahme nicht mehr möglich, da die Familie Merck die Mehrheit der Aktien hält.

Für Berlin ist Schering sehr wichtig. Wird der Forschungsstandort nach einer Übernahme geschwächt?

Berlin wird auch künftig eine starke Rolle spielen, dazu gehört auch die Forschung. Wir werden hier nicht sparen. Berlin muss keine Angst haben.

Könnten Sie nicht Schering anbieten, den Forschungsvorstand nach der Übernahme von Darmstadt nach Berlin zu verlegen?

Die Tür für Gespräche mit Schering ist offen. Es ist momentan nicht an uns, weitere Angebote zu machen.

Das heißt, Schering lehnt Verhandlungen mit Ihnen immer noch ab?

Ja.

Sie haben nach eigenen Angaben seit Mai mit Schering gesprochen. Trotzdem zeigte sich Schering-Chef Erlen überrascht.

Er hatte keinen Grund, überrascht zu sein. Wir haben ihn ja informiert.

Könnte Schering Ihrer Meinung nach von einer Übernahme auch profitieren?

Sicher. Wir werden ein größeres Unternehmen haben, mit einem Gesamtumsatz von über elf Milliarden Euro. Zweitens: Wir haben gute Produkte, die sich ergänzen. Und drittens: Wir haben mit dann zusammen 1,7 Milliarden Euro Forschungs- und Entwicklungsbudget eine sehr gute Basis für weiteres Wachstum. Dazu bekommen wir eine Präsenz im Weltmarkt, die weder Merck noch Schering hatte. Die Übernahme ist eine Chance für Schering, für Merck und für Deutschland.

Was hätte Deutschland denn davon?

Wenn es hier kein starkes Pharmaunternehmen mehr gibt, dann gibt es bald auch weniger hoch qualifizierte Pharma- Arbeitsplätze in Deutschland.

Ihre Braut wird immer teurer. Der aktuelle Schering-Kurs ist mit rund 82 Euro deutlich über den 77 Euro pro Aktie, die Sie zahlen wollen. Werden Sie nachlegen?

Unser Angebot liegt 35 Prozent über dem Schering-Durchschnittskurs der vergangenen drei Monate. Wir halten das für ein sehr attraktives Angebot.

Wie wollen Sie den knapp 15 Milliarden teuren Kauf finanzieren?

Die Familie Merck wird rund eine Milliarde Euro beisteuern. Wir werden voraussichtlich im dritten Quartal eine Kapitalerhöhung machen, der Rest wird über Kredite finanziert, die über den operativen Cash Flow sehr schnell wieder abgebaut werden können. Das Unternehmen wird nicht zerschlagen, das ist nicht unser Interesse. Wir wollen auch in Zukunft ein Pharma- und Chemieunternehmen sein.

Schering-Aktien waren schon sehr viel billiger zu haben. Warum haben Sie das Angebot ausgerechnet jetzt gemacht?

Sie müssen natürlich in der Lage dazu sein. Unsere Erfolge in den letzten Jahren haben uns jetzt in die Lage versetzt, diesen Quantensprung anzugehen.

Bis wann wollen Sie die Übernahme abgeschlossen haben?

Das offizielle Angebot wird im April gemacht. Ich gehe davon aus, dass wir im Juni eine Entscheidung haben.

Wie groß sind die Chancen, dass Sie Schering am Ende tatsächlich übernehmen?

Ich bin davon überzeugt, dass es gelingt.

Werden Sie an der Spitze von Merck bleiben?

Ich bleibe, Herr Kley, der jetzige Finanzvorstand der Lufthansa, wird mir als Stellvertreter zur Seite stehen und die Integration verantworten.

Ökonomen sagen, dass die meisten Fusionen scheitern. Macht Ihnen das keine Sorgen?

Für Pharma gilt das so nicht. Und wir haben in der Vergangenheit schon einige Übernahmen erfolgreich bewältigt. Wir denken als Familienunternehmen in Generationen, nicht in Quartalen. Und haben daher die nötige Ruhe, um solche Fusionen erfolgreich zum Ende zu bringen.

Wenn die Übernahme gelingt, was steht in Zukunft auf den Schering-Produkten?

Der Name Schering ist doch gut. Die Marke wollen wir auf jeden Fall erhalten.

Aber aus Merck wird nicht Merck-Schering.

Nein. Merck bleibt Merck.

Das Interview führten Moritz Döbler und Maren Peters.

Michael Römer (59) ist promovierter Chemiker und seit 1978 bei Merck. Im vergangenen Jahr wurde er

zum Vorstandschef des Darmstädter

Familienunternehmens ernannt.

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