Wirtschaft : "Wir wollten Aktionäre werden und werden es bleiben"

HENRIK MORTSIEFER

BRAUNSCHWEIG .Keine Transparente, keine Sprechchöre, keine aufgebrachten Stahlkocher: Die Aktionäre der Salzgitter AG finden sich am Dienstag ohne Tumulte zur Hauptverhandlung in der Braunschweiger Stadthalle ein.Das mit Spannung erwartete Aktionärstreffen hat gut 3000 Anteilseigner angezogen.Meist Kleinaktionäre und Beschäftigte, die beim Börsengang des Unternehmens im vergangenen Jahr Aktien ihres Arbeitgebers erworben haben.Gelassener Hauptversammlungsalltag, obwohl es nach den Turbulenzen der Vergangenheit gute Gründe gäbe, sich ernsthafte Sorgen um den zweitgrößten Stahlkonzern Deutschlands zu machen.

Am Vorabend der Hauptversammlung ist der Aufsichtsrat dem Wunsch des Vorstandschefs Hans-Joachim Selenz nachgekommen, ihn von seinen Amtspflichten zu entbinden.Als Aufsichtsratsvorsitzender Peter Adams die Entscheidung verkündet, gibt es nur vereinzelt Applaus.Keine Spur mehr von den grellen Protesten, die Selenz im Februar noch auf einer Betriebsversammlung erleben mußte."Damit ist dieses Kapitel abgeschlossen", schickt Günter Geisler, stellvertretender Vorstandschef, der Hauptversammlung am Dienstag voraus.Der Vorstand sei im übrigen nun nicht kopflos, nur der Vorsitzende fehle.Wann es einen Nachfolger für Selenz geben wird, werde der Aufsichtsrat zu gegebener Zeit entscheiden.

Dieser freilich hat inzwischen selbst ein Führungsproblem: Der bisherige Vorsitzende Peter Adams kündigt erwartungsgemäß an, nicht mehr für den Aufsichtsratsvorsitz kandidieren zu wollen.Das Drängen der Mehrheitseigner hinter den Kulissen der Salzgitter AG zeigt Wirkung.Die Unruhe, so Adams, die in den vergangenen Monaten im Unternehmen ausgebrochen sei, könne sich nun wieder legen.Um einen ordnungsgemäßen Ablauf der Hauptversammlung zu garantieren, fordert er die Aktionäre auf, die hohen "Wellen der politischen Erregung" außen vor zu lassen.Zum Nachfolger von Adams soll dem Vernehmen nach der frühere Vorstandschef der MAN Nutzfahrzeuge AG, Wilfried Lochte, gewählt werden.

"Viele werden wohl ihre Aktien verkaufen", sagt ein Aktionär.600 Salzgitter-Papiere hält er noch im Depot."Aber die Dividende entschädigt für das Chaos im Konzern." 1,25 DM plus Steuergutschrift zahlt das Unternehmen für das hervorragende letzte Geschäftsjahr aus - eine Dividendenrendite von 9,6 Prozent.Das Geschäftsjahr 1997/98 war für Salzgitter eines der erfolgreichsten seit langem.Der Umsatz stieg um 15 Prozent, das Vorsteuerergebnis wurde mit 287 Mill.DM mehr als verdoppelt.Aber die Zeiten haben sich geändert: Die Stahlkonjunktur flaut ab und macht Salzgitter zunehmend zu schaffen."Die Ausgangslage für den Stahlmarkt 1999 ist nicht günstig", sagt Vorstand Geisler.Der Umsatz der Salzgitter AG sank in den ersten Monaten um 17 Prozent überproportional."Der Krieg im Vorstand hat die Zukunftsprobleme des Unternehmens verdeckt", heißt es im Foyer.Ex-Chef Selenz sei nur als "Buhmann" in die Wüste geschickt worden, um vor den wirklichen Schwierigkeiten des niedersächsischen Stahlkochers abzulenken - zum Beispiel bei der Suche nach einem starken Partner."Wir favorisieren derzeit niemanden", sagt Geisler.Am heutigen Mittwoch werden wohl die unterbrochenen Gespräche mit der luxemburgischen Arbed-Gruppe wieder aufgenommen.Auch mit British Steel oder der österreichischen Voest Alpine werde man sprechen."Wir sind keine Getriebenen", sagt Vorstandsmitglied Heinz-Jörg Fuhrmann.Der Zeitplan für die bevorstehenden Verhandlungen bleibt indes im Dunkeln.

Kritik gibt es am Kurs der Aktie, die zu teuer und zum falschen Zeitpunkt plaziert worden sei.Konsequenz: Ein Wertverlust von 24 Prozent.Nord LB und Land Niedersachsen halten zusammen 67,5 Prozent der Anteile.Überzeugte Kleinaktionäre kann das allerdings nicht schrecken."Wir kommen aus der Region Salzgitter", sagt einer."Familie und Bekannte arbeiten bei Salzgitter, da wollten wir Aktionäre werden.Und wir werden es bleiben."

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