Wirtschaft : „Wir wollten ja keinen Bieterkampf“

Merck-Chef Römer verteidigt das Vorgehen im Poker um Schering – und erhält Unterstützung aus der SPD

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Berlin - Der Darmstädter Merck-Konzern, der die Übernahme von Schering durch Bayer fast gekippt hätte, hat sein Verhalten verteidigt und dabei auch Rückendeckung aus der Politik bekommen. Das Unternehmen habe vor gut zwei Wochen Zweifel am Erfolg des Bayer-Übernahmeangebots bekommen und daher in großem Stil Schering-Aktien gekauft, sagte Merck-Chef Michael Römer in mehreren Interviews. Für den Fall des Scheiterns habe sich Merck alle Möglichkeiten offen halten wollen. Nachdem Bayer am Mittwoch gemeldet hatte, mehr als 30 Prozent am Markt erworben zu haben und ein Pflichtangebot vorzubereiten, „war klar, dass Bayer drinbleibt, und wir wollten ja keinen Bieterkampf“, sagte er. Noch am Morgen habe er Bayer-Chef Werner Wenning angerufen. Am Mittwochnachmittag hatte Merck dem Verkauf seines Schering-Pakets für 89 Euro je Aktie an Bayer zugestimmt.

Auch nach Ablauf der Übernahmefrist am Mittwoch um Mitternacht hat Bayer unterdessen weitere Schering-Aktien an der Börse gekauft, wie das Unternehmen mitteilte. Der Markt ist dennoch zuversichtlich. „Bayer ist auf der sicheren Seite“, sagte Analystin Silke Stegemann von der Landesbank Rheinland-Pfalz. Das Unternehmen dürfte bereits rund 77 Prozent der Schering-Aktien halten, mindestens 75 Prozent sind Voraussetzung für die Übernahme. Bayer kaufe weitere Aktien, um die Zwangsabfindung (Squeeze out) vorzubereiten und Schering von der Börse zu nehmen. „Wenn Bayer nächste Woche sagt, sie haben 95,X Prozent, dann wird die Schering-Aktie im Verlauf von zwei Handelstagen aus dem Dax genommen“, sagte HVB-Indexexperte Christian Stocker. „Dann würde Merck automatisch nachrücken.“ Bayer will das Ergebnis am 22. Juni bekannt geben.

SPD-Fraktionsvize Ludwig Stiegler hält das Vorgehen Mercks für gerechtfertigt. „Merck hat das Recht, seine Möglichkeiten zu nutzen“, sagte er dem Tagesspiegel. Anders als reine Finanzinvestoren habe das Darmstädter Unternehmen ein strategisches Interesse an Schering. „Das ist ein Unterschied“, betonte Stiegler, der in der Vergangenheit immer wieder das kurzfristig orientierte Finanzgebaren von Heuschrecken kritisiert hatte. Allerdings muss nach Meinung Stieglers die Transparenz bei Aktienkäufen erhöht werden: „Das nimmt Unsicherheit aus dem Spiel.“

Größere Transparenz könnte schon bald eine neue EU-Richtlinie bringen. Bisher muss ein Aktionär in Deutschland nur melden, wenn er mehr als fünf Prozent an einem Unternehmen hält, die nächsten Schwellen liegen bei zehn und 25 Prozent. Die neue Transparenzrichtlinie der Europäischen Union, die bis zum 27. Januar 2007 umgesetzt sein soll, würde weitere Marken bringen. Nach Angaben der Finanzaufsicht BaFin liegt die untere Grenze künftig bei drei Prozent. Die nächsten folgten bei fünf Prozent, zehn, 15, 20, 25, 30 und schließlich bei 50 oder 75 Prozent.

Merck hatte in den vergangenen Tagen seinen Aktienbestand an Schering zunächst unbemerkt gesteigert und hielt schließlich 21,4 Prozent. Der Verkauf des Aktienpakets an Bayer bringt dem Familienunternehmen einen Gewinn von 400 Millionen Euro. Nach Tagesspiegel-Berechnungen bekommt der Staat davon über die Steuer 64,24 Millionen Euro – allein 62,16 Millionen Euro kommen von Familie Merck, die als persönlich haftender Gesellschafter 74 Prozent der Anteile hält. Dagegen bleiben die Kommanditisten weitgehend steuerfrei. Das ist eine Folge der rot-grünen Unternehmenssteuerreform aus dem Jahr 2001. „Kapitalgesellschaften müssen nur fünf Prozent des auf sie entfallenden Gewinns versteuern“, sagt der Rechtsanwalt und Steuerberater Lenhard Jesse aus der Kanzlei Flick Gocke Schaumburg. Bei Merck – einer Kommanditgesellschaft auf Aktien – halten die Aktionäre 26 Prozent der Anteile. Die Familie (Komplementäre) wird dagegen wie ein Privatanleger behandelt und muss die Hälfte des auf sie entfallenden Gewinns versteuern – mit dem Spitzensteuersatz von 42 Prozent. dr/hej/pet

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