Wirtschaft : Wirtschaft 2000: Blau-grünes Desaster

Rolf Obertreis

Es werden Dokumente bleiben, die sich manche Beobachter gerahmt an die Wand hängen: Jene Folienmappe etwa, die Rolf Breuer und Bernhard Walter am 9. März 2000 staunenden Journalisten aus aller Welt in der großen Halle des Vorstandsgebäudes der Dresdner Bank in Frankfurt / Main präsentieren. "Zusammenschluss von Deutsche Bank und Dresdner Bank" steht auf der ersten Seite. Oder der Geschäftsbericht der Deutschen Bank, der die Fusion gutheißt und vier Wochen später doch wieder korrigiert werden muss. Oder das Private-Banking-Magazin für die vermögenderen Kunden der Deutschen Bank: Breuer und Walter lächeln die Leser gemeinsam vom Titelbild an: "Die neue Deutsche Bank". Einen Tag, nachdem das Fusionsvorhaben am 5. April mittags gegen 15 Uhr genauso überraschend platzte, wie es fünf Wochen zuvor begonnen hatte, landet das Hochglanz-Magazin bei den Kunden im Briefkasten.

Monatelang war schon 1999 über Fusionskonstellationen im deutschen Großbankenlager spekuliert worden: Wenn Deutsche Bank, Dresdner Bank und Commerzbank im internationalen Geschäft weiter mithalten und auf Dauer nicht geschluckt werden wollten, brauchen sie einen Partner. Das war auch den Verantwortlichen bei der Allianz in München klar, mit über 20 Prozent größter Aktionär der Dresdner Bank und mit einem Fünf-Prozent-Paket auch bei der Deutschen Bank beteiligt. Wochenlang hatten Deutsche Bank-Chef Rolf Breuer, sein Gegenüber Bernhard Walter von der Dresdner Bank und Allianz-Chef Henning Schulte-Noelle das Projekt mit einem kleinen Team vorbereitet. Nicht einmal alle Vorstandskollegen der drei Häuser waren eingeweiht. Am 6. März wird der Bundeskanzler informiert. Dann ist die Sensation nicht mehr zurückzuhalten.

Es soll ein Zusammenschluss unter Gleichen werden, eine "grüne" Deutsche Bank mit einem Börsenwert von 80 Milliarden Euro, mit einer Bilanz-Summe von 2,5 Billionen Euro - und damit die Nummer eins in der Welt. Drei Milliarden Euro pro Jahr sollen eingespart, 16 000 Arbeitsplätze gestrichen werden. "Wir sind in der Welt dort wo wir hinwollten und wo wir hingehören", sagt Rolf Breuer am 9. März.

Vier Wochen später ist das alles Makulatur. Dresdner Bank-Chef Walter gibt sich zu lange der Illusion einer Fusion unter Gleichen hin, erkennt nicht, dass die Deutsche Bank den Gang der Dinge bestimmt. Als Breuer die von ihm selbst als Perle bezeichnete Investmentsparte der Dresdner Bank verkaufen will, bricht Walter die Fusionsgespräche ab und erklärt seinen Rücktritt. Aus dem blau-grünen Coup wird das blau-grüne Desaster. Die Verlierer sind die Dresdner Bank und die Allianz. Breuer behält seinen Job, die Deutsche Bank erholt sich schnell von den Ereignissen.

In der Frankfurter Bankenwelt aber ist nach dem Desaster nichts mehr wie zuvor. Auf einmal entdeckt Commerzbank-Chef Martin Kohlhaussen, bis dahin ein strikter Gegner von Fusionen, die Nähe zur Dresdner Bank und bietet Verhandlungen an. So ganz freiwillig macht dies Kohlhaussen allerdings nicht, denn seit Frühjahr sitzt ihm die Aktionärsvereinigung Cobra im Nacken, die 17 Prozent der Aktien kontrolliert und für die Bank einen Partner gewinnen will. Die Gespräche unter Beteiligung der Allianz verlaufen zäh. Doch nach mehreren Wochen merkt Kohlhaussen, dass auch hier aus einer Fusion unter Gleichen nichts werden wird. Die Dresdner Bank würde eine dominierende Rolle spielen. Am 26. Juli werden auch diese Gespräche abgebrochen. Am Ende, sagt nicht nur Commerzbank-Chef Kohlhaussen, seien die gescheiterten Fusionen ganz normale Prozesse. "Alle Beteiligten haben ihre Pflicht erfüllt und ernsthaft alle Möglichkeiten sorgfältig ausgelotet."

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