Wirtschaft : Wirtschaft entsetzt über Tarifabschluss

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Die Wirtschaftsverbände lehnen den Tarifabschluss in der Metallindustrie als zu hoch ab. Beim Zentralverband des Baugewerbes hieß es, man sei "schockiert". Trotz des Pilotabschlusses in Stuttgart setzte die IG Metall in Berlin und Brandenburg den Arbeitskampf fort. Daraufhin warfen die Arbeitgeber dem Berliner IG-Metall-Chef vor, "nicht alle Tassen im Schrank zu haben".

Die Forderungen der Arbeitgeber nach einem sofortigen Ende des Ausstands wies der Berliner IG-Metall-Bezirksleiter Hasso Düvel zurück. Erst bei einem eigenen Abschluss in Berlin und Brandenburg werde der Arbeitskampf beendet. Am Donnerstag beteiligten sich rund 2800 Metaller an den Streiks. Die Fortsetzung des Streiks wurde von den Arbeitgebern scharf kritisiert. Der Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Metall- und Elektroindustrie in Berlin und Brandenburg, Hartmann Kleiner, sagte dieser Zeitung, nach dem Pilotabschluss in Stuttgart seien weitere Arbeitskampfmaßnahmen "absurd und lächerlich". "Düvel ist von allen guten Geister verlassen", sagte Kleiner. Der Kompromiss von Stuttgart sei in Ostdeutschland "mit Sicherheit nicht arbeitsplatzsfördernd". "Aber unter den Voraussetzungen, unter denen er zustande gekommen ist, ist er akzeptabel, auch für den Osten", sagte Kleiner dem Tagesspiegel. Am Freitag soll in der Hauptstadt ein neuer Anlauf gemacht werden, den Konflikt am Verhandlungstisch zu beenden.

In Baden-Württemberg lief die Arbeit bereits wieder normal. Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall empfahl unterdessen die bundesweite Übernahme des Abschlusses. Bei der IG Metall war die Stimmung geteilt. Im Westen hieß es in den Bezirken, der Abschluss habe Vorbildcharakter. Im Osten wurde hingegen auf die längere Wochenarbeitszeit verwiesen. Insbesondere Düvel hatte darauf gedrängt, dass für den Fall einer längeren Laufzeit des Tarifvertrags ein Einstieg in die 35-Stunden-Woche in Ostdeutschland gefunden werden müsse. Der in Stuttgart abgeschlossene Vertrag läuft bis Ende 2003, so dass vor 2004 kaum eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit in den neuen Bundesländern möglich ist. Bei gleichem Einkommen arbeiten die Metaller im Osten 38 und im Westen 35 Stunden die Woche.

In Baden-Württemberg hatten sich IG Metall und Arbeitgeber am Mittwochabend darauf verständigt, die Löhne und Gehälter am 1. Juni um 4,0 Prozent steigen zu lassen und am 1. Juni 2003 um weitere 3,1 Prozent. Für Mai gibt es eine Einmalzahlung von 120 Euro. Der Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, Martin Kannegiesser bezifferte den Abschluss auf real 3,37 Prozent. "Dieser Abschluss ist nach unserem Empfinden für die Masse unserer Betriebe um 0,5 bis einen Prozentpunkt zu hoch ausgefallen", sagte Kannegiesser in Berlin. Der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Michael Rogowski, bezeichnete die Einigung als "eindeutig zu hoch". Bundeswirtschaftsminister Werner Müller (parteilos) bewertete den Kompromiss als "gerade noch vertretbar".

Bei vielen Wirtschaftsverbänden und an den Finanzmärkten wurde das Ende des Streiks begrüßt, die Abschlusshöhe aber kritisiert. Beiden Maschinenbauern hieß es, die Tariferhöhung könne in der Branche zu einem Arbeitsplatzabbau von etwa 18 000 Stellen führen. Verbandspräsident Diether Klingelnberg, dessen Branche zu den größten industriellen Arbeitgebern in Deutschland gehört, sagte der Nachrichtenagentur Reuters: "Wir rechnen mit einem Personalabbau von mindestens zwei bis drei Prozent wegen des Tarifabschlusses." Auch wenn die Laufzeit positiv sei, werde man wegen des hohen Volumens nun Produktion ins Ausland verlagern und rationalisieren.

Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Ludwig Georg Braun, meinte, die Lohnerhöhungen seien für kleinere Firmen "eindeutig zu hoch". Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt sprach von einem durch Streiks "erpressten" Abschluss, der für viele Betriebe der Branche nur schwer zu verkraften sei. Ein Maßstab für andere Wirtschaftszweige sei das nicht. Beim Zentralverband des deutschen Baugewerbes (ZDB) hieß es: "Wir sind schockiert." In der Bauwirtschaft läuft derzeit die Schlichtung unter dem CDU-Politiker Heiner Geissler. IG BAU-Chef Klaus Wiesehügel geht nach dem Metallabschluss davon aus, dass auch auf dem Bau eine Tariferhöhung zwischen drei und vier Prozent möglich ist.

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