Wirtschaft : Wirtschaft erwartet 800.000 Zuwanderer

IW-Forscher: Deutschland profitiert von EU-Grenzöffnung – Gewerkschaften fürchten um Lohnniveau.

von

Berlin - Durch die Öffnung des deutschen Arbeitsmarktes für Mittel- und Osteuropäer ab dem 1. Mai werden bis 2020 insgesamt höchstens 1,2 Millionen Menschen nach Deutschland ziehen. Dies prognostizierte das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) am Dienstag in Berlin. In diesem und im nächsten Jahr werde es einen starken Zustrom von rund 800 000 Personen geben, danach werde er abebben. „Gerade während des aktuellen Aufschwungs werden zusätzliche Arbeitskräfte gebraucht“, sagte IW-Direktor Michael Hüther. Die Gewerkschaften und die Linkspartei sehen die Öffnung dagegen mit Skepsis.

In den neunziger Jahren seien insgesamt rund 3,3 Millionen Menschen in die Bundesrepublik gekommen, in den kommenden Jahren dürften es deutlich weniger werden, erklärte das IW. Denn Deutschland sei als Zuwanderungsland unattraktiv geworden, 2008 und 2009 seien mehr Menschen weggezogen als neu hinzugekommen. Gleichwohl sind einer IW-Umfrage zufolge knapp 40 Prozent der hierzulande Beschäftigten skeptisch – sie befürchten negative Auswirkungen für ihren eigenen Arbeitsplatz. Nur ein Fünftel glaubt, gar nicht von der Grenzöffnung betroffen zu sein.

Für acht Länder, die 2004 der EU beigetreten waren, gilt ab Mai die völlige Freizügigkeit: Polen, Tschechien, Slowakei, Slowenien, Ungarn, Estland, Lettland, und Litauen. Deutschland hatte sich wie auch Österreich damals dazu entschieden, vorerst Beschränkungen aufrecht zu erhalten – andere EU-Staaten haben ihre Jobmärkte längst geöffnet. Für Bürger aus Rumänien und Bulgarien gelten die Beschränkungen bis 2013. Deutschland war vor 2004 das beliebteste Ziel für Zuwanderer aus Mittel- und Osteuropa, verlor diesen Spitzenplatz aber an Großbritannien.

Aus Sicht des Statistischen Bundesamtes ist allerdings Deutschland so attraktiv wie kaum ein anderes Land in Europa. Die Bezahlung sei gut, und es gebe angesichts der guten Wirtschaftslage viele offene Stellen, teilte die Behörde mit. EU-weit lag das deutsche Verdienstniveau 2008 – neuere Daten sind nicht vorhanden – an fünfter Stelle hinter Dänemark, Luxemburg, den Niederlanden und Großbritannien. Bei der Erwerbslosenquote habe Deutschland Platz sechs belegt, hinter Österreich, Luxemburg, den Niederlanden, Zypern und Malta. Die Bundesrepublik lockt mit vergleichsweise hoher Bezahlung: Kaufkraftbereinigt verdienen Litauer und Letten gerade mal 31 Prozent des deutschen Vollzeitlohns, Esten kommen auf 36 Prozent, Slowaken auf 37. Auch eine Rolle für die Wahl eines Auswanderungslandes spielen dürfte, wie stark schon heute Bürger aus Ländern Mittel- und Osteuropas in der Bundesrepublik vertreten sind. Schon vor dem 1. Mai wurden den Bürgerinnen und Bürgern der acht EU-Staaten schrittweise Zugangswege zum deutschen Arbeitsmarkt eröffnet. Im vergangenen Jahr wohnten und arbeiteten bereits rund 425 000 Staatsbürger aus den entsprechenden Ländern in Deutschland. Polen ist mit bereits 315 000 Menschen nach den Italienern (mit 365 000 Bürgern) die zweitstärkste Gruppe eines EU-Landes.

Anders als das IW befürchten Gewerkschaften und Politiker, dass durch die Grenzöffnung die Löhne unter Druck geraten. Man müsse die Sorgen der deutschen Arbeitnehmer ernst nehmen, sagte Annelie Buntenbach vom Vorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes der Agentur Reuters. „Wir brauchen den flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn, gleichen Lohn für gleiche Arbeit in der Leiharbeit und die Aufnahme aller Branchen in das Entsendegesetz“, sagte sie. Linksparteichef Klaus Ernst warf der Regierung vor, sie habe die Arbeitnehmerfreizügigkeit sozial nicht genügend abgesichert. Ein Schutz für die Beschäftigten vor Lohndumping durch einen Mindestlohn fehle.

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben