Wirtschaft : „Wirtschaft lässt sich nicht berechnen“

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Herr Professor Brodbeck, warum liegen so viele Wirtschaftsprognosen daneben?

Prognosen geben vor, gesellschaftliche Zusammenhänge zu erfassen, dabei sind sie selbst soziale Wirklichkeit. Sie beeinflussen unser Handeln – und damit die wirtschaftliche Realität. Die meisten Ökonomen weisen zwar auf diese Feedbackschleife hin. Aber sie verdrängen sie dann schnell wieder und machen weiter wie bisher. Das gilt für Neoliberale genauso wie für Keynesianer.

Die Forschungsinstitute argumentieren, dass sie für ihre Prognosen von bestimmten Annahmen ausgehen. Ändern sich die, falle eben auch das Ergebnis anders aus.

Das ist logisch nicht haltbar. Diese Annahmen, zum Beispiel der Ölpreis oder die Wechselkurse, sind ja selbst ökonomische Phänomene. Wer die nicht berechnen kann, muss zugeben, dass er auch vom Rest nichts versteht.

Sind die Modelle, die den Prognosen zugrunde liegen, also grundsätzlich falsch?

Man definiert die Wirtschaftssubjekte als rational handelnde Wesen, die nach bestimmten Regeln agieren. Aber das ist ein zu mechanisches Kalkül. Menschen sind keine fremd bestimmten Körper, wir können uns zwischen Alternativen entscheiden. Das macht es unmöglich, wirtschaftliche Handlungen zu berechnen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Keine Prognose kann vorhersagen, welche technischen Errungenschaften es in drei Jahren geben wird. Der menschlichen Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.

Was raten Sie also?

Wir müssen vom Glauben wegkommen, dass der Markt ein Naturgesetz sei. Er ist das, was Menschen hervorbringen, und da hört jede Regelmäßigkeit auf. Wir müssen damit leben, dass wir nicht alles wissen. Alles andere ist Astrologie.

Das Interview führte A. Waldermann

Karl-Heinz Brodbeck ist Wirtschaftsprofessor an der

Fachhochschule

Würzburg-Schweinfurt und Autor des Buches „Die fragwürdigen Grundlagen der

Ökonomie“.

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