Wirtschaft : Wirtschaft und Verbrechen: Eine hohe Kriminalitätsrate beeinträchtigt das Wachstum

Werner Mussler

Mord und Totschlag, Erpressung und Diebstahl - warum sollte sich ein Ökonom mit diesen Themen auseinandersetzen? Sind dafür nicht Juristen, Soziologen und Psychologen zuständig? Nicht nur, meint Horst Entorf, Professor für Ökonometrie an der Universität Würzburg. Seiner Ansicht nach gibt es mehr als einen guten Grund dafür, dass auch die Volkswirte Ursachen und Auswirkungen von Kriminalität unter die Lupe nehmen. "Vieles spricht dafür, dass Kriminalität unmittelbare ökonomische Ursachen hat - etwa Armut, Arbeitslosigkeit und eine ungleiche Einkommensverteilung", begründet Entorf seine Einschätzung. Zudem verursache Kriminalität erhebliche volkswirtschaftliche Schäden. Die "optimale" Kriminalitätsbekämpfung sei deshalb ein klassisches volkswirtschaftliches Problem.

Wie viele andere menschliche Verhaltensweisen erklären die Ökonomen auch Kriminalität mit Hilfe des Rationalkalküls. Den Anstoß dazu gab 1968 der US-Ökonom und spätere Nobelpreisträger Gary Becker. Seine Kernthese lautet: "Eine Person wird kriminell, wenn der ihr aus der kriminellen Handlung erwachsende erwartete Nutzen den Nutzen übersteigt, den sie aus einer alternativen Verwendung ihrer Zeit und ihrer sonstigen Ressourcen erreichen könnte." Kriminalität als Ergebnis rationalen Kalküls - mit dieser provokanten These ist Becker auf Kritik gestoßen - zu ökonomistisch, zu eindimensional sei diese Erklärung. Auch Entorf hielte es für falsch, sie allein heranzuziehen. Dennoch: Eine Reihe von empirischen Untersuchungen belegt, dass der erwartete Nutzen bestimmter Straftaten tatsächlich auf die Häufigkeit der Delikte Einfluss hat. In Beckers Modell hängt dieser erwartete Nutzen von drei Größen ab: Vom Einkommen, das der potenzielle Kriminelle mit seiner Straftat verdienen kann, von der Wahrscheinlichkeit, dass er dafür verurteilt wird, und von der Höhe der Strafe. Je höher also das Risiko einer Verurteilung und je höher die Strafe, desto geringer die "Attraktivität" einer Straftat. Beckers Schlussfolgerung: Die Kriminalitätsrate lässt sich durch eine hohe Aufklärungsquote und ein hohes Strafmaß verringern.

Entorf hat diese These für Deutschland empirisch erhärtet: Die Zahl der Straftaten gehe um drei Prozent zurück, wenn die Aufklärungsquote um zehn Prozent steige. Entorf und sein Doktorand Hannes Spengler vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim belegen diesen Zusammenhang in einer jetzt veröffentlichten Studie für die EU-Kommission. Darin sind nicht weniger als 36 Indikatoren zusammengetragen, deren Einfluss auf die Kriminalitätsrate schon einmal in empirischen Untersuchungen belegt wurde. Recht eindeutig sind etwa demographische Einflussfaktoren. So begehen junge Männern zwischen 14 und 25 Jahren besonders viele Straftaten. Ebenfalls gut belegt ist, dass Armut, eine hohe Arbeitslosenquote und eine ungleiche Einkommensverteilung die Kriminalität fördert.

Mindestens ebenso wichtig ist für die beiden Volkswirte ein eher nicht-ökonomischer Faktor: Die mangelnde Stabilität familiärer Bindungen. So nimmt die Kriminalitätsrate mit steigender Scheidungsquote beziehungsweise mit wachsendem Anteil allein erziehender Eltern signifikant zu. Und schließlich: Ein Anstieg der Frauenerwerbsquote um ein Prozent erhöht statistisch gesehen die Zahl der Raubdelikte um 1,3 Prozent. Die Autoren empfehlen eine intensivere außerschulische Kinderbetreuung.

Die absoluten Kosten der Kriminalität können die Ökonomen nur schwer beziffern. Da sind auf der einen Seite Größen wie die unmittelbaren Eigentumsverluste der Opfer oder die Kosten ihrer medizinischen Behandlung, aber auch das, was der Staat für Kriminalitätsbekämpfung und -prävention ausgibt. Wie aber soll man die volkswirtschaftlichen Verluste messen, die etwa dadurch entstehen, dass Kriminalitätsopfer nicht mehr arbeitsfähig sind oder unheilbare psychische Schäden davontragen? Die meisten Ökonomen schätzen die Kosten der Kriminalität auf vier bis sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP).

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben