Wirtschaft : Wirtschaft wächst trotz Rußlandkrise

FRANKFURT (MAIN) (rtr).Trotz Katastrophenstimmung an den weltweiten Finanzmärkten erwarten Volkswirte keine gravierenden Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum in Deutschland.Die Analysten sprachen am Freitag zwar von einem "Flächenbrand", der ausgehend von Rußland und Asien nun auch Lateinamerika ergreife.Aber selbst wenn der Export in diese Regionen einbrechen sollte, werde noch keine Rezession ausgelöst.Deutschland sei allenfalls betroffen, falls die Lateinamerika-Krise auch die US-Konjunktur dämpfen sollte.

"Armageddon ist heute unser Lieblingswort", beschrieb Holger Fahrinkrug die Stimmung am Finanzplatz Frankfurt."Ich glaube aber nicht, daß Europa brennen wird", fügte der Volkswirt der Investmentbank Warburg Dillon Read hinzu.Der direkte Effekt der Rußland-Krise sei gering, glaubt Fahrinkrug.Unklar sei noch, wie sich die Verunsicherung bei Unternehmen und Konsumenten auswirken werde.Falls sich Verbraucher und Firmen bei ihren Ausgaben zurückhalten sollten, könnte dies das deutsche Wirtschaftswachstum drücken.

Die Krisen in Rußland, Asien und Lateinamerika werden nach Meinung der Experten aber nicht ausreichen, um eine Rezession in Deutschland auszulösen.Ein Exportrückgang in diese Regionen würde zudem durch die zunehmende Binnennachfrage ausgeglichen.Nur wenn sich europäische Staaten oder die USA an dem Krisenvirus angestecken sollten, würde die deutsche Konjunkturstütze wanken.

Ins europäische Ausland werden nach Angaben des Bonner Wirtschaftsministeriums zwei Drittel der deutschen Exporte geliefert; gut zehn Prozent gehen allein nach Osteuropa.Vom deutschen Gesamtexport von 887,3 Mrd.DM entfielen 1997 dagegen nur 1,9 Prozent auf Rußland und 2,7 Prozent auf Lateinamerika.In die ASEAN-Staaten (Thailand, Vietnam, Indonesien, Malaysia, Brunei, Singapur und Philippinen) gingen ebenfalls 2,7 Prozent der deutschen Ausfuhren.Die "Tiger-Staaten" Südkorea, Hongkong, Singapur und Taiwan nahmen Deutschland 3,5 Prozent der Exporte ab.Auf Japan entfielen 2,3 Prozent.

Gerhard Grebe von der Bank Julius Bär erwartet für 1999 allenfalls eine "Wachstumsdelle"."Ab dem Jahr 2000 wird es wieder aufwärts gehen." Grebe sieht keinen Anlaß, seine Konjunkturprognose von 2,5 Prozent für dieses und 2,2 Prozent für das nächste Jahr zu verändern.Den Prognosen von Wirtschaftsminister Günter Rexrodt, der für 1999 ein Plus von 3,0 bis 3,1 Prozent erwartet, habe er nie geglaubt, sagt Grebe.

Dagegen hat die DG Bank ihre Konjunkturprognose revidiert.Die Volkwirte erwarten, daß die Lateinamerika-Krise das Wachstum in den USA dämpfen und Europa davon betroffen sein wird.Für die EU-Länder seien die Prognosewerte daher für 1998 und 1999 jeweils auf 2,8 Prozent von 2,9 Prozent zurückgenommen worden.Für Deutschland erwartet die DG Bank 2,6 (vorher 2,7) Prozent für dieses und ebenfalls 2,6 (vorher 2,9) Prozent für das nächste Jahr.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) warnte vor einem Übergreifen der russischen Finanzkrise auf andere osteuropäische Staaten.Dann werde es schwer sein, im nächsten Jahr ein Wirtschaftswachstum von zwei Prozent zu erreichen, sagte der Leiter der DIW-Konjunkturabteilung, Heiner Flassbeck.Sein Kollege Wolfram Schrettl, Leiter der Weltwirtschaftsabteilung, glaubt dennoch nicht, daß die Prognosen für Wachstum und Beschäftigung wegen der Rußlandkrise korrigiert werden müßten.Der Vizepräsident des Essener Instituts RWI, Ullrich Heilemann, schätzte die Risiken für Deutschland ebenfalls gering ein.Heilemann verwies darauf, daß der Rußlandhandel mit einem Anteil von 1,5 Prozent der deutschen Exporte unbedeutend sei.Für die Kurseinbrüche an den deutschen Börse gebe es keine realwirtschaftlichen Gründe, die Reaktionen seien übertrieben.Angesichts der hohen Kurssteigerungen der letzten Monate sei es denkbar, daß die Krise nur Anlaß für längst fällige Kurskorrekturen war."Es brauchte nur einen Anlaß, um das Schiff in Flammen zu setzen."

Auch das gewerkschaftsnahe WSI in Düsseldorf hält an seiner 1998er Prognose von allerdings nur 2,5 Prozent Wirtschaftswachstum fest.Im kommenden Jahr werde sich der Zuwachs aber auf 1,5 bis 2,0 Prozent abschwächen.Der Abbau der Arbeitslosigkeit werde dadurch langsamer."Die konjunkturellen Blütenträume sind im Begriff, sich in Luft aufzulösen", sagte der Leiter der Konjunkturabteilung, Bernd Mülhaupt.

Der Chef-Volkswirt der Deutschen Bank, Norbert Walter, glaubt immerhin, daß die erhoffte Wachstumsbeschleunigung für das nächste Jahr nicht mehr zu schaffen ist."Wir sollten richtig froh sein, wenn im nächsten Jahr das Wachstum nochmal eine zwei vor dem Komma hat, und wenn hinter dem Komma noch etwas ist, haben wir viel Glück gehabt", sagte Walter.

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