Wirtschaft : Wirtschaft will Ausbildung umkrempeln

Lehre soll in verschiedene Bausteine aufgeteilt und flexibler werden

Carsten Brönstrup

Berlin - Die betriebliche Bildung für die rund 1,6 Millionen Lehrlinge in Deutschland soll nach Ansicht der Wirtschaft neu organisiert werden. Eine Aufteilung in ein Basis- und ein Ergänzungsprogramm mit mehreren Bausteinen solle die Ausbildung sowohl für junge Menschen als auch für Betriebe attraktiver und passgenauer als heute machen, schlug der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) am Montag in Berlin vor. „Das Modell macht das duale System auch für leistungsstärkere Jugendliche attraktiver“, sagte Verbandspräsident Ludwig Georg Braun. Dies sei wichtig im Wettbewerb mit den Universitäten um die schlauesten Köpfe.

Heute lernen Jugendliche nach einer festgelegten Ausbildungsordnung weitgehend das Gleiche, unabhängig von Talent und betrieblichen Anforderungen. Nach Vorstellung des DIHK soll eine Lehre in Zukunft aus zwei Phasen bestehen: In den ersten ein bis zwei Jahren könnten Basiskenntnisse vermittelt werden. Dies lege „eine solide Grundlage für die weitere Spezialisierung und verhindert zugleich eine frühzeitige Verengung“, warb DIHK-Chef Braun. Zugleich könnten Kernbereiche verwandter Berufe zusammengefasst werden – statt der 250 verschiedenen Berufsbilder im IHK-Bereich solle es nur noch 50 geben. Ein Mechatroniker und ein Elektroinstallateur lernten in den ersten Monaten sehr ähnliche Dinge, nannte er als Beispiel.

Später folgen nach den DIHK-Plänen die Spezialfertigkeiten jedes Berufes, wobei der Auszubildende und der Betrieb gemeinsam bestimmte Inhalte, so genannte Module, auswählen können, die im jeweiligen Alltag gefragt sind und dem Jugendlichen liegen. Besonders begabte Lehrlinge könnten außerdem schon während der Ausbildung zusätzliche Qualifikationen erwerben.

Trotz der unterschiedlichen Inhalte der Ausbildung ist weiterhin ein bundesweit einheitlicher Abschluss vorgesehen, damit Jugendliche flexibel bleiben. Das Modell sei denkbar für Berufe mit zwei- und für solche mit dreijähriger Lehrzeit. „Wir sind sicher, dass wir die betriebliche Ausbildung mit unseren Vorschlägen zukunftsfest machen können“, sagte Braun. „Wenn wir mehr Betriebe für die Ausbildung gewinnen können, hilft das auch den Jugendlichen.“

Das duale Ausbildungssystem – also die Kombination von betrieblicher und schulischer Ausbildung – wird von den Industrie- und Handelskammern als Erfolgsmodell gepriesen. Tatsächlich klagen aber viele Firmen darüber, dass es nicht rasch genug auf neue Entwicklungen reagiere und mit Stoff überfrachtet sei. In den vergangenen Jahren kam hinzu, dass die Betriebe über ein zu geringes Maß an qualifizierten Bewerbern klagten und zugleich viele Jugendliche erfolglos eine Lehrstelle suchten. Braun sagte, eine Veränderung ermögliche es, die Lehrinhalte „sinnvoll zu entschlacken“. Viele Betriebe könnten die Anforderungen kaum noch bewältigen. So sei etwa die Ausbildungsverordnung für einen Anlagenmechaniker 72 Seiten dick, beklagte er.

Das Bundesbildungsministerium begrüßte die Vorschläge der Wirtschaft. „Das geht in Richtung unserer Vorstellungen“, sagte ein Sprecher von Ministerin Annette Schavan (CDU). Einen konkreten Reformvorschlag werde sie Mitte des Jahres vorlegen, kündigte er an.

Der DIHK und der Handwerksverband ZDH bemühen sich zudem um Jugendliche, die bisher den Einstieg ins Berufsleben nicht geschafft haben. Ein gemeinsamer Vorschlag der Verbände sieht vor, zunächst solchen Altbewerbern eine Chance zu geben, die in einem späten Stadium eine Lehre abgebrochen haben. Ihre Zahl werde auf 50 000 geschätzt, sagte DIHK-Expertin Sybille von Obernitz. Allerdings seien sie derzeit nicht unbedingt arbeitslos, sondern oft in anderen Qualifizierungen. Sie sollen eine zweite Chance auf einen Abschluss bekommen.

Ein besonderes Problem stellen laut Obernitz die restlichen, bisher nicht vermittelten Jugendlichen dar. Bei ihnen sei im Prinzip eine individuelle Betreuung notwendig, da sie oft unmotiviert seien. Erwartet wird, dass die Zahl der unvermittelten Jugendlichen Ende 2006 in etwa auf dem Stand von 2005 gelegen hat. Damals waren zwischen 10 000 und 12 000 Jugendliche völlig leer ausgegangen. Die Bundesagentur für Arbeit will die Zahlen Ende des Monats vorlegen.

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