Wirtschaftsbeziehungen : Zwanzigtausend Botschafter

Maxime Verhagen ist niederländischer Wirtschaftsminister. Für den Tagesspiegel schreibt er über die Perspektiven der deutsch-niederländischen Zusammenarbeit.

Maxime Verhagen
Tor zur Welt. Rotterdam ist für Deutschland ein äußerst wichtiger Hafen.
Tor zur Welt. Rotterdam ist für Deutschland ein äußerst wichtiger Hafen.Foto: picture-alliance / ANP XTRA

An niederländischen Hochschulen studieren über zwanzigtausend Studenten aus Deutschland und damit mehr als aus jedem anderen Land. Für mich sind sie wichtige Botschafter der Zukunft. Sie wissen, was wir zu bieten haben. Deutsche Studenten kommen etwa in die Niederlande, um unsere Kunstakademien zu besuchen, technische Studiengänge oder Studienfächer wie Gesundheitswissenschaften zu belegen.

Sie interessieren sich also für genau die Bereiche, in denen wir besonders gut sind. So haben wir eine starke Kreativwirtschaft mit weltberühmten Architekten wie Rem Koolhaas und Produzenten von Fernsehformaten wie „The Voice“ und von bekannten Musicals. Holland hat also weit mehr zu bieten als Obst und Gemüse. Auch unsere Hightechbranche ist auf dem deutschen Markt stark präsent. Wussten Sie zum Beispiel, dass das niederländische Unternehmen ASML, der Weltmarktführer in Halbleitersystemen, so intensiv mit Zeiss an der nächsten Generation von Objektiven arbeitet, dass man fast von einer symbiotischen Beziehung sprechen kann? Oder dass NXP die Chips für die deutschen Personalausweise liefert?

Umgekehrt läuft es ebenfalls vortrefflich. Unternehmen wie Siemens, BASF, Bosch und Adidas sind große Investoren mit traditionell engen Verbindungen zu den Niederlanden. Wir sind nicht nur ein wichtiger Absatzmarkt, sondern auch ein wichtiger Testmarkt. Städte wie Amsterdam sind zudem ein Nährboden für kreative Unternehmensaktivitäten. Der Rotterdamer Hafen ist eine bedeutende logistische Drehscheibe, und der Amsterdam Internetexchange ist sogar der größte Internet-Knoten der Welt. Unternehmer schätzen unsere Standortbedingungen, etwa den Körperschaftsteuersatz von 25 Prozent. Oder unsere qualifizierten Arbeitskräfte und starke wissenschaftliche Institutionen wie die Landwirtschaftsuniversität in Wageningen.

Diese Beispiele illustrieren, wie untrennbar unsere Länder miteinander verbunden sind. Das belegen auch eindeutig die Zahlen. Die Niederlande sind der größte Investor in Deutschland, und das gesamte Handelsvolumen beträgt mittlerweile über 130 Milliarden Euro pro Jahr.

Uns ist sehr daran gelegen, dieses gute Verhältnis weiter auszubauen. Denn außer auf Wachstumsmärkten wie China, Russland und Indien sehen wir für uns vor allem Chancen in Deutschland und bei seinen östlichen Nachbarn. Wir konzentrieren uns dabei mehr als in der Vergangenheit auf Bereiche mit Wachstumspotential.

Gerade erst habe ich eine Politik in Gang gesetzt, die darauf abzielt, niederländische Unternehmen in Branchen, in denen die Niederlande führend sind, noch besser zu unterstützen. Neun Branchen, in denen wir weltweit stark sind (Agrar- und Ernährungswirtschaft, Gartenbau, Biowissenschaften, Hightechsysteme, Energie, Logistik, Kreativwirtschaft, Chemie, Wasser) werden wir aktiv unterstützen. Gerade in der Zusammenarbeit mit Deutschland liegen hier viele Chancen. So haben wir zahlreiche junge Lifescience- und Kreativunternehmen, die gute Partner der deutschen Industrie sein können. Auch beim Know-how haben wir viel zu bieten. So belegen wir bei den Patentanmeldungen in der Europäischen Union den dritten Platz, und das mit gerade mal 16 Millionen Einwohnern. Zusammen mit dem Spitzenreiter Deutschland verfügen wir also über eine enorme innovative Schlagkraft.

Gibt es in unserem bilateralen Verhältnis also überhaupt keine Herausforderungen? Doch, die gibt es. Die Aufgabe, vor der wir stehen, ist dreiteilig. Zunächst einmal müssen wir noch mehr an einem Strang ziehen, um Nutzen aus unserer Position auf den neuen Wachstumsmärkten zu ziehen. Auf diese Weise können wir gegenseitig von unseren Erfahrungen und Netzwerken, so auch von den Netzwerken unserer Auslandsvertretungen, profitieren. Weiter ist zu beachten, dass Deutschland zwar unser wichtigster Markt für Dienstleistungen ist (z. B. Unternehmens- und Transportdienstleistungen), dass aber der Anteil unseres Dienstleistungsexports nach Deutschland wesentlich geringer ist als beim Warenexport (ca. 13 Prozent gegenüber 25 Prozent). Hier liegen Chancen für einen Ausbau unserer Handelsbeziehungen.

Und schließlich sehe ich vor allem in Europa noch Möglichkeiten für die Niederlande und Deutschland. Wenn wir in der EU noch intensiver zusammenwirken, können wir dem Wirtschaftswachstum in Europa einen Impuls geben und die Überwindung der Krise beschleunigen. So setzen wir uns gemeinsam aktiv für die Einführung eines einheitlichen EU-Patents ein, damit Unternehmen künftig leichter und billiger Patente in ganz Europa anmelden können. Aber was brauchen deutsche und niederländische Unternehmen noch, um exzellente Leistungen zu erbringen? So können wir in der EU viele Chancen für unsere mittelständische Wirtschaft generieren, indem wir die Auftragsvergabe weniger bürokratisch für die KMU-Unternehmen gestalten. Ein Anliegen, für das ich mich zusammen mit den deutschen Kollegen einsetze, ist die Vertiefung des Binnenmarktes für Energie und der Ausbau erneuerbarer Energien. Gerade heutzutage wird die Notwendigkeit einer soliden und guten Regulierung wieder bestätigt. Die Erweiterung des europäischen Markts für Dienstleistungen und der digitale Binnenmarkt sind weitere Felder, auf denen wir gemeinsam viel gewinnen können. Wenn wir diese Herausforderungen entschlossen angehen, bringen wir unsere Länder voran.

Der Autor ist Minister für Wirtschaft, Landwirtschaft und Innovation

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