• Wirtschaftsbücher: Europa rückt ins Bewusstsein der Menschen. Die Debatte über die Osterweiterung und die Euro-Bargeldeinführung verändern die Orientierung der Bürger

Wirtschaft : Wirtschaftsbücher: Europa rückt ins Bewusstsein der Menschen. Die Debatte über die Osterweiterung und die Euro-Bargeldeinführung verändern die Orientierung der Bürger

Indira Gurbaxani

Nur selten wird dem Bürger in der Europäischen Union (EU) bewusst, dass er in einer Zollunion lebt. Den Normalbürger berührt diese Tatsache erst dann, wenn es beispielsweise um Reisen ohne Grenzkontrollen ins innereuropäische Ausland geht.In der jüngeren Vergangenheit aber ist die EU immer mehr zum Gegenstand der allgemeinen Diskussion geworden. Zum einen, weil der Euro zum 1. Januar 2002 eingeführt wird und dem Bürger in den zwölf Ländern des Euro-Raumes bewusst macht, dass er in einer Wirtschafts- und Währungsunion lebt. Zum anderen, weil aus der Union der nunmehr 15 Mitglieder im Rahmen der Osterweiterung in den nächsten Jahren eine Union von 23 Staaten werden soll. Diese und andere Veränderungen dokumentieren, wie wichtig es ist, sich mit der EU-Wirtschaftspolitik auseinanderzusetzen.

Renate Ohr und Theresia Theurl haben sich dieser Aufgabe angenommen und für die einzelnen Aufsätze ausgewiesene Experten gewonnen. Das Buch ist in zwei Teile gegliedert. Zunächst werden die grundlegenden Rahmenbedingungen der Union analysiert. Dabei geht es unter anderem um die Theorie der regionalen Integration und - damit verbunden - auch um die EU-Osterweiterung. Vertiefung versus Erweiterung sind die beiden Strategien, die einen Graben zwischen einige der Mitgliedsländer gezogen haben.

Und noch immer hadern Portugal, Spanien, Griechenland und Irland mit der von der EU-Kommission getroffenen Entscheidung zur Erweiterung. Der Grund dafür liegt auf der Hand. Mittel aus den so genannten Kohäsions- und Strukturfonds werden jetzt auf mehr Mitglieder verteilt. Diese Problematik wird in dem Aufsatz über die europäische Finanzverfassung ebenso thematisiert, wie die Frage, welche neuen fiskalischen Notwendigkeiten sich aus der Einführung des Euro im Hinblick auf stabilitätspolitische Ziele ergeben.

Im Aufsatz über die Osterweiterung werden einerseits Chancen und Risiken diskutiert, andererseits geht es konkret um die Kriterien, die die Beitrittskandidaten zu erfüllen haben, wollen sie Mitglied in der Union werden. Sie müssen den "acquis communautaire", das gesamte Vertragswerk der Gemeinschaft, vollständig übernehmen. Mit anderen Worten: Alles oder nichts. Dazu gehört der Beitritt zur Währungsunion ebenso wie die Erfüllung der Kriterien von Maastricht. Aber es wird auch angesprochen, dass an die Neumitglieder nicht höhere Anforderungen gestellt werden dürfen als an die Altmitglieder.

Im zweiten Teil des Kompendiums werden die einzelnen Politikbereiche beleuchtet. Nicht ohne Grund steht der Aufsatz über die Regionalpolitik am Anfang. In dem Maße, wie die EU mit zunehmender Größe wirtschaftlich inhomogener wurde, bestimmte das Ziel des Regionalausgleichs zunehmend auch ihr wirtschaftspolitisches Handeln. Das Instrumentarium dafür wurde mehr und mehr ausgebaut.

Kritisch wird auch die gemeinsame Agrarpolitik diskutiert. Weder die bereits durchgeführten noch die geplanten Reformen werden als ausreichend für eine tatsächliche Verbesserung der Agrarpolitik erachtet. Bezüglich des Euro - und hier liegt eine der Stärken des Buches - erfolgt wie in den anderen Aufsätzen auch, eine differenzierte Kritik. Sie reicht von der Intention der Gemeinschaftswährung über den "Fehlstart des Euro" bis hin zu der Empfehlung, die Währung zu akzeptieren - allerdings wohl mehr aus Gründen, die in der endgültig getroffenen Entscheidung pro Euro liegen.

Das Kompendium erfüllt den Anspruch, die einzelnen Politiken der EU gründlich zu analysieren. Dabei wird nicht suggeriert, sondern aufgeklärt. Hinzu kommt die Aktualität, die das Buch aufweist. Wer sich über Veränderungen, Probleme, aber auch positive Entwicklungen der Europäischen Union in Theorie und Praxis informieren will, sollte dieses Kompendium zur Hand nehmen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben