Wirtschaft : Wirtschaftsbücher: Flugzeuge bremsen schneller

Jacqueline Dreyhaupt

"Es war einmal eine blühende Wirtschaftswelt namens New Economy..." Dann kam die Krise und für viele Dotcom-Unternehmen wurde das Erfolgsmärchen zum Alptraum. Warum ist der Internet-Branche die Luft ausgegangen? In seinem Buch "crash.com" geht Michael J. Mandel dieser Frage nach. "Die Internet-Krise ist da. Sie war unausweichlich. Und sie ist noch nicht vorüber." Mandel geht noch weiter: Wenn nicht die geeigneten Maßnahmen ergriffen würden, werde die Krise der New Economy zu einer Internet-Depression, die der gesamten amerikanischen Wirtschaft den Atem rauben könne. In "crash.com" räumt Mandel auf mit den Träumen vom Gelobten Land. Und er kennt die Dotcom-Welt. Für seine Artikel über die New Economy erhielt er zahlreiche Auszeichnungen. Seit 1989 arbeitet er für die Business Week und gehört zu den 100 anerkanntesten U.S. Wirtschaftsjournalisten des 20. Jahrhunderts.

New Economy stand bisher für neue Technologien, Internet und unbeschränkten Zugriff auf Informationen - aber vor allem für eine neue Dimension wirtschaftlichen Wachstums. Viel zu viele Leute dachten, mit dem Internet-Boom seien Wirtschaftskreisläufe für immer außer Kraft gesetzt. Ein Irrtum, so Mandels Botschaft, der in den neunziger Jahren selbst zu den Propheten der New Economy gehörte. Die Hightech-Branche sei zwar anders, aber nicht unfehlbar. Im Gegenteil - die New Economy sei viel brisanter als die Old Economy, schreibt Mandel. Denn ihre Triebfedern sind zwei hochriskante Faktoren: Technologie und Risikokapital. Ohne Risikokapital wäre der Internet-Boom nicht möglich gewesen, schreibt Mandel. Der Weg ins Informationszeitalter wäre viel langsamer vonstatten gegangen. Die New Economy lebt vom Aufspüren und der rasanten Umsetzung technologischer und wirtschaftlicher Innovationen. Das macht sie wettbewerbsfähig. Nach dem Motto "Investieren in die Zukunft" sind Forschung und Entwicklung für diese Unternehmen entscheidend. Das Risiko ist hoch, aber die Gewinnerwartung ebenfalls. Denn sobald das Produkt am Markt Erfolg hat, steigen die Gewinne überproportional. Das hat die New Economy zu einem interessanten Investitionsobjekt für Risikokapitalgesellschaften werden lassen. Nur die Finanzierung durch Risikokapital versetzte Unternehmer mit exzellenten Ideen wie Intel oder Apple in die Lage, so rasant zu expandieren.

Eine bahnbrechende Technologie gepaart mit einer sicheren Finanzierung galt als Schlüssel zum Erfolg der Internet-Branche. Alles was Gewinn verspricht wird finanziert. Das läßt den Aktienmarkt nach oben schnellen und es steht noch mehr Kapital für neue Unternehmen und noch schnellere Innovationen zu Verfügung. In diesem Kreislauf aus Innovationen und Profiten sieht Mandel gleichzeitig die größte Schwäche der New Economy.

Mandel war einer der ersten, der diesen Zusammenhang erkannt hat. Gegen den allgemeinen Trend prognostizierte er bereits im Frühjahr 2000 die gegenwärtige Flaute in der Dot.com-Wirtschaft. Wo liegt das Problem? Der kritische Punkt sei die Wachstumsrate, sagt Mandel. Die Hightech-Branche brauche ein stärkeres Wachstum, um zu funktionieren als andere Branchen. Denn nur das ermutigt Kapitalgeber, die hohen Risiken einzugehen. Erfüllt die New Economy die Wachstumserwartungen nicht mehr, kehrt sich der Zyklus um. Die Kräfte, die der Internet-Branche ihre Dynamik verliehen haben, beginnen sich umzukehren - zuerst langsam, dann immer schneller. Das sei laut Mandel der Beginn eines Teufelskreises: Die Risikokapitalinvestitionen in neue Unternehmen gehen zurück, das Innovationstempo verlangsamt sich, die Aktienmärkte sacken ab und es steht immer weniger Kapital zur Verfügung. Talfahrten gäbe es in anderen Bereichen auch. Die Zyklen sähen nur anders aus, schreibt Madel.

Was tun in der Krise? Wie muss die Wirtschaftsordnung im 21. Jahrhundert aussehen? Mandel vergleicht die Old Economy mit einem Auto und die New Economy mit einem Flugzeug: "Wenn sie ein Auto fahren, dann ist die logische und richtige Reaktion auf ein unvorhergesehenes Ereignis auf die Bremse zu treten. Ein Flugzeug aber braucht schon eine gewisse Geschwindigkeit, nur um sich in der Luft halten zu können." Ein Flugzeug kann man nicht auf die Geschwindigkeit eines Autos abbremsen. Weil sich die New Economy von der traditionellen Wirtschaft unterscheidet, muss auch der politische Maßnahmenkatalog ein anderer sein. Mandels Therapie: Eine Finanz- und Währungspolitik, die die Nachfrage kurzfristig fördert und ein großes Sicherheitsnetz, dass das Risiko abfedert ohne die Dynamik des Marktes zu zerstören. Zusätzlich brauche die New Economy eine langfristige Unterstützung der Innovationstätigkeit, mehr Kontrolle und Regulierung des Geld- und Devisenmarktes, sowohl national als auch international. Das klingt alles sehr allgemein und nicht besonders gut durchdacht. Gravierender ist jedoch, dass - wie Mandel selbst bemerkt - der Teufel immer im Detail steckt, deshalb ist man auf die Konkretisierung der Vorschläge gespannt. Doch daran mangelt es.

Dennoch schreibt Mandel, dass zum Schwarzmalen, trotz der eigenen düsteren Analyse, kein Anlass bestehe. Der Grund für seinen Optimismus: Die New Economy sei nicht gleichzusetzen mit Internet. Ihre Errungenschaften gingen weit darüber hinaus. Was die New Economy auszeichne, seien die Fähigkeit und die Bereitschaft, größere Risiken einzugehen - auf individueller und gesellschaftlicher Ebene. Die nächste Innovationswelle entscheide über die Zukunft der New Economy. In welcher Branche spiele dabei keine Rolle, meint Mandel. Biotechnologie, Gas- und Stromversorgung oder gar die Raumfahrt. Den Möglichkeiten sind hier keine Grenzen gesetzt.

Erst Apokalypse und dann doch wieder nicht? Manchmal, so scheint es, weiß Mandel selbst nicht so genau wie weit er seinen Thesen folgen soll. Aber selbst wenn seine Schlußfolgerungen streitbar sind, lesenswert sind sie auf jeden Fall. Seine Argumentation ist klar. "crash.com" ist eine fundierte Analyse des Zusammenbruchs an der Nasdaq, eingeordnet in den wirtschaftshistorischen Zusammenhang. Nicht nur Jünger oder Skeptiker der New Economy kommen auf ihre Kosten, sondern jeder, der sich für Wirtschaft interessiert.

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