Wirtschaftsexperte Burda : "Wir müssen alles tun, um eine große Krise zu vermeiden"

Es ist heikel, wenn der Staat ins Geschäft der Banken eingreift, sagt der Ökonom Michael Burda. Doch wenn der Kreditfluss versiegt, muss die Regierung handeln.

Alexander Endres

Die Banken vergeben stetig weniger Kredite an Unternehmen, was die Rezession verschärfen könnte. Zugleich nehmen sie die Hilfsgelder der Bundesregierung nicht in Anspruch. Soll der Staat den Instituten seine Hilfe aufzwingen?  



Ein Rückgang der Kreditvergabe in einer Rezession ist völlig normal. Wenn die Banken aber tatsächlich durch ihre Verluste schwer unterkapitalisiert sind, muss man Zwangshilfen erwägen. Bislang wurde zwar stets dementiert, dass wir in einer Kreditklemme stecken, doch die Gefahr wächst. Bis zum Herbst kann sich die Lage noch verschlechtern. Es ist richtig, dem entgegenzuwirken. 

Warum soll der Staat die Banken zu mehr Großzügigkeit drängen? 

Wir müssen vermeiden, dass wir wie in den dreißiger Jahren durch den Rückgang der Kreditvergabe in eine erheblich schlimmere Krise rutschen. Die deutschen Unternehmen hängen besonders stark von den Banken ab: Traditionell nutzen sie die Finanzmärkte kaum, um Mittel zu beschaffen. Vor allem die Umsätze der Exportfirmen sind stark eingebrochen. Sie bräuchten besonders dringend Kredite, um das zu überbrücken. Stockt der Kreditfluss und verschärft sich dadurch die Rezession, sind die Kosten für die Allgemeinheit sehr hoch. Das müssen wir vermeiden. 

Ist Zwang wirklich das richtige Mittel?  

Ohne Druck ändert sich möglicherweise gar nichts. In den USA hat sich die Regierung als stiller Teilhaber an den Banken beteiligt, gab also Eigenkapital, ohne im Gegenzug Einfluss zu erhalten. Das hat aber nicht besonders gut funktioniert.

Warum nicht?  

Die Banken haben einfach weitergemacht wie bisher, ihr Geschäftsmodell kaum geändert. Dabei muss diese Branche in den USA sich tief greifend ändern, nämlich schrumpfen. Die Gehälter müssten sinken, statt Boni müssten eher Fixgehälter gezahlt werden. Um das zu erreichen, müsste die Krise aber wohl noch tiefer werden. Und das hat für die Gesamtwirtschaft hohe Kosten. 

Sie plädieren für mehr staatlichen Einfluss. Dass das nicht unbedingt besser ist, zeigt sich doch am Beispiel der deutschen Landesbanken. 

Die Landesbanken sind tatsächlich ein Hauptgrund dafür, dass Deutschland am Anfang der Finanzkrise so stark getroffen wurde. Von der Hypo Real Estate einmal abgesehen. Die dort Verantwortlichen haben ziemlich dilettantisch gehandelt. Natürlich ist es ordnungspolitisch schwierig, wenn der Staat so stark eingreift. Es besteht die Gefahr, dass er alles noch schlimmer macht. Aber jetzt stecken wir in einer so tiefen Krise, dass wir pragmatisch gegensteuern müssen. Durch eine staatliche Beteiligung können die zu erwartenden Verluste auf eine neutrale Weise sozialisiert, die Spitze dieser Krise könnte entschärft werden.

Wie könnte die Zwangshilfe funktionieren?

Alle Banken müssten gezwungen werden, die Gelder anzunehmen. Sonst verzerrt der Staat den Wettbewerb. Die Bank, die Staatshilfen bekäme, hätte am Markt vermutlich Nachteile daraus. Verständlicherweise würden Anleger solche Hilfen als Signal der Schwäche auffassen, ihr weniger frisches Kapital geben und höhere Zinsen von ihr verlangen. Das muss man vermeiden. 

Wenn der Staat sich an allen deutschen Banken beteiligt, könnte das den Geldhäusern von ausländischen Investoren als Nachteil ausgelegt werden. Dann haben wir das gleiche Problem, nur auf einer anderen Ebene. 

Auf internationaler Ebene gibt es die Wettbewerbsverzerrung schon. Als die USA vor einem Jahr ihren Banken Staatshilfe aufzwangen, wurde genau das kritisiert. Es hieß, die amerikanischen Institute hätten durch die staatliche Beteiligung einen unfairen Wettbewerbsvorteil. Wenn Deutschland sich für Zwangshilfen entscheidet, werden andere Länder sicher nicht tatenlos zusehen. Im Grunde bräuchte man eine europäische Lösung.  

Michael Burda ist Professor für Wirtschaftstheorie an der Humboldt-Universität Berlin.

Quelle: ZEIT ONLINE

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