Wirtschaftsforum : Sieben Visitenkarten in drei Stunden

Wie Unternehmer beim deutsch-chinesischen Wirtschaftsforum in Berlin zueinander finden.

Kevin Hoffmann
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Immerhin kennengelernt. Hermann Mauch im Gespräch mit Gästen aus China.Foto: Sina

Herr Li und Herr Eck nehmen Platz am Tisch. Dann die Dolmetscherin. Herr Li blättert in einem Katalog und zeigt auf einen großen Stahlring: „Haben Sie auch so was?“, fragt er. „Ja, die fertigen wir jetzt auch aus Kunststoff“, sagt Eck. „Das ist gut“, meint Li. Bisher beziehe er die Teile – es handelt sich um Gleitlager – aus Russland. Die seien aber von minderer Qualität. Das hört Willibald Eck gern und möchte helfen.

Er vertritt die Schaeffler-Gruppe, den Autozulieferer und Spezialisten für Lager aller Art. Sein Gegenüber, Li Yongqiang, arbeitet für Chongqing Water Turbine Works, ein Unternehmen, das Strom aus dem Fluss Jangtse, zieht. Nach zehn Minuten vereinbaren beide, dass Eck Li einen Vertriebsmitarbeiter vorbeischickt. In China beschäftigt Schaeffler 4000 Leute. In Berlin hat die Gruppe jetzt leider nur Herrn Eck.

100 Tische in vier Sälen, überall ähnliche Gespräche beim deutsch-chinesischen Wirtschaftsforum am Mittwoch im Haus der Deutschen Wirtschaft in Berlin-Mitte. Vor vier Wochen hatte Chinas Ministerpräsident Wen Jiabao bei seinem Deutschland-Besuch angekündigt, hierzulande gezielt nach „attraktiven Produkten und Technologien“ Ausschau zu halten.

Dann ging es ganz schnell: Vor zwei Wochen stand fest, dass eine Delegation mit 150 Funktionären und Unternehmern in Europa auf Einkaufstour geht. Vor gut einer Woche riefen BDI und Wirtschaftsministerium Firmen auf, sich mit einem schriftlichen Kurzporträt zu bewerben – und die chinesische Übersetzung am besten gleich anzuhängen. Erst am Montag dieser Woche erhielten die meisten Firmen die förmliche Einladung. „Viel zu wenig Vorbereitungszeit“, sagt Eck von Schaeffler – und sagte trotzdem nicht ab.

„Wir kommen dieses Mal mit prall gefüllten Taschen und glauben, dass unsere Einkäufe der abgerutschten Wirtschaft in Europa etwas Dampf machen können“, sagt Handelsminister Chen Deming nach seiner Ankunft in Berlin. Die Delegation suche hier nach „technisch Hochwertigem zu vernünftigen Preisen“. In kleinerer Runde habe der Minister die Unternehmer der Delegation aufgefordert, nun ihren Beitrag zu leisten, dass die Weltwirtschaft in Schwung kommt, berichtet Liu Guang Wu. Er ist stellvertretender Chef von Guangzhou Metro, der U-Bahn in der südchinesischen Zehn-Millionen-Metropole. Am Nachmittag unterschreibt er also feierlich einen Auftrag über vier Millionen Dollar. „Ich weiß, das wird die Welt nicht retten. Wichtiger ist, dass wir uns hier bekannt machen.“

Das Kennenlernen klappt ganz gut, bestätigt Hermann Mauch. Sieben Visitenkarten in drei Stunden hat er gesammelt. Aber trotzdem finde man nicht recht zusammen. Sein Unternehmen Hürner Funken aus Hessen fertigt Kunststoff-Ventilatoren für die Industrie und liefert komplette Luftfiltersysteme. „Die Chinesen gucken in meine Broschüre und finden das alles toll. Aber wenn die dann fragen, was das kostet, ist das Gespräch meist schnell beendet.“ Das habe kaum mit mangelnder Kapitalkraft zu tun. Es sollen Aufträge über elf Milliarden Dollar winken, hieß es. „Aber solange China keine gesetzlichen Umweltstandards hat, ist es für die doch schlauer, die Luft ungefiltert rauszublasen“, sagt Mauch. Die Deutschen, die seine Anlagen kaufen, seien aber nicht besser. „In ihren chinesischen Fabriken bauen die unsere Teile auch nicht ein.“ Kevin Hoffmann

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