Wirtschaftskrise : Autostadt Flint stirbt

Historische Bilder und Parolen geben Kraft. Doch am Niedergang der Autostadt trägt auch die Gewerkschaft Schuld.

Matthias Eberle[Flint/USA]

Es wird gefeiert im Gewerkschaftshaus von Flint: „Ladies Night“. Die runden Tische sind in feinem Weiß eingedeckt, am Eingang stehen gelbe Rosen, daneben der Willkommensgruß: „Wir ehren unsere Damen!“ Ein paar Pensionäre von General Motors treffen letzte Vorbereitungen, geben ihr Bestes, den Turnhallencharme des Saals zu übertünchen. Auf jeden Tisch kommt ein Tütchen mit Süßigkeiten, und neben dem Podium steht schon die große Bingo-Maschine bereit.

„Gut gemacht, danke“, ruft Bill Jordan in den Saal. Er ist Präsident der Ortsgruppe 599 der United Auto Workers (UAW), einst die mit Abstand größte Gewerkschaft Amerikas. Eine weiße Schirmmütze mit ihrem Logo trägt er, dazu ein Poloshirt, ebenfalls mit UAW-Logo. Stolz soll das zeigen, doch es wirkt wie Trotz. Gleich werden im Gewerkschaftshaus 120 Senioren das Tanzbein schwingen – nur wenige Tage, bevor ihr langjähriger Arbeitgeber Insolvenz beantragt.

Einer von Jordans Helfern blickt in den geschmückten Saal und sagt: „Lasst es uns genießen, das Leben ist so kurz.“ Die alten Herren der UAW würden über das GM- Desaster gerne hinwegtanzen. Doch in Flint, Michigan, eine Autostunde nördlich von Detroit, geht das nicht. Hier, wo William Durant vor einem Jahrhundert GM gründete. Und wo ihre Gewerkschaft im Arbeitskampf geboren wurde, im Winter 1936/37, nach 44 Tagen Sitzstreik. Und wo GM schon seit Jahrzehnten stirbt.

Jordan streicht sich durch seinen silbergrauen Bart und zeigt auf das Luftbild in Schwarz-Weiß, das fast die Hälfte einer Hallenwand bedeckt. So sah „Buick City“ aus, als er Elektriker bei GM war und Flint eine der glücklichsten Städte Amerikas: „Schauen Sie, hier, die Endmontagelinie, abgerissen 1995.“ Sein Zeigefinger wandert weiter: „Hier, diese Fabrik steht seit Jahren leer. Oder da: der neunstöckige Versorgungsturm, auch abgerissen.“

Nun, da GM mit dem letzten aller Mittel zu überleben versucht, dem Insolvenzverfahren, da erscheint Flint als düstere Zukunftsvision für viele andere Städte in den USA. Kokomo in Indiana, Lordstown in Ohio, Arlington in Texas oder Tonawanda, New York. Fast überall sind die Werke von GM der wichtigste lokale Wirtschaftsfaktor. Verschwinden sie, bleibt nur das, was die Deindustrialisierung auch Flint brachte: Arbeitslosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Kriminalität.

Flint stirbt. Wenn die Gäste der „Ladies Night“ nach dem Tanz vom Parkplatz in die Industrial Avenue einbiegen, müssen sie an einem Fabrik-Friedhof entlang: 951 000 Quadratmeter Brachland, so groß wie Helgoland. Wer dafür verantwortlich ist? Allein die Bosse in Detroit? Oder auch die UAW selbst? Jordan setzt kurz die Mütze ab und sagt dann: „Es liegt weder am Management noch an uns.“ Stattdessen verweist er auf die Weltwirtschaftskrise, die ausländischen Konkurrenten, den Freihandel mit Mexiko. „Wenn Sie sieben Kinder haben, die plötzlich allesamt aus dem Haus ziehen“, sagt er, „dann sitzen sie auf einem viel zu großen Haus.“ Das Übel, es kam von der Welt draußen, nicht von den Kindern drinnen.

Das ist wohl nur der Teil der Wahrheit, den Jordan sehen möchte. Ein anderer beginnt in Flint in jenem Winter 1936/37, als die Arbeiter den Konzern per Streik zwingen, ihre Gewerkschaft als Verhandlungspartner zu akzeptieren. So wird die UAW zur einflussreichsten Arbeiterorganisation der Welt. Ob bei GM, Ford oder Chrysler: Die Union macht ihre Mitglieder zu den bestbezahlten Arbeitern Amerikas. Gehen sie nach 30 Jahren am Band in Rente, können sie sich einen Alterssitz in Florida leisten.

Von den glorreichen Tagen der UAW zeugen historische Bilder im Flur des Gewerkschaftshauses. „Die UAW kann niemals bezwungen werden“, steht auf einem Foto, das feiernde Mitglieder 1994 nach einem Milliarden verschlingenden 54-Tage-Streik zeigt. Allein zwischen 1994 und 1998 bestreikt die Gewerkschaft GM 17 Mal, vorzugsweise in Flint.

Obwohl japanische Hersteller, allen voran Toyota, längst beachtliche Marktanteile in den USA erobern, zieht die UAW nicht zurück. Stolz ist sie auf jene Kollegen, die durchhalten, egal, was passiert. 28 000 Menschen arbeiteten einst allein in der „Buick City“ von Flint, heute sind es noch genau 347 – im Motoren- und Komponentenwerk GM Powertrain Flint North. Es ist als „Factory 36“ in der Mitte des Luftbilds im Gewerkschaftshaus zu sehen. Auch die 347 Aufrechten könnten längst in Rente sein, der Jüngste von ihnen hat 33 Jahre GM auf dem Buckel. Bisher haben sie jedoch jedes Abfindungsangebot von GM abgelehnt, weil sie fürchten, im Insolvenzverfahren ihre Betriebsrenten zu verlieren. HB

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