Wirtschaftskrise : "Dicke Autos gehören in die Tiefgarage"

In anderen Ländern schlägt die Wut in Gewalt um. Auch in Deutschland überprüfen Firmen inzwischen ihre Sicherheitskonzepte. Ob erhöhte Sicherheitsmaßnahmen notwendig sind, könnte der Samstag zeigen: Die Demonstration "Wir zahlen nicht für Eure Krise!" ist auch eine Art Test.

Joachim Telgenbüscher

BerlinEingeworfene Autoscheiben, fliegende Farbbeutel und eine Geiselnahme – die Empörung über die Wirtschaftskrise schlägt in England und Frankreich in offene Gewalt um. In Deutschland ist es zwar ruhig, aber auch hierzulande denken Führungskräfte verstärkt darüber nach, wie sie Firma und Familie schützen können. „Die Nachfrage hat sich verstärkt – da gibt es einen Trend“, sagt Sicherheitsexperte Helwig Finger.

Ob erhöhte Sicherheitsmaßnahmen wirklich notwendig sind, könnte sich schon bald zeigen: Am heutigen Samstag finden in Berlin und Frankfurt am Main Demonstrationen unter dem Motto „Wir zahlen nicht für Eure Krise!“ statt. „Ihr Verlauf könnte einen ersten Anhaltspunkt für die weitere Entwicklung geben“, meint Gerhard Salmen, der Sprecher des Bundeskriminalamtes (BKA). In Frankfurt führt die Route auch durch das Bankenviertel.

Dennoch sieht das BKA derzeit keine „konkreten Anhaltspunkte für eine Veränderung der Gefährdungslage“. Es sei anzunehmen, dass autonome Gruppen die Zuspitzung der Krise für ihre Agitation nutzten. „Auch Aktionen im Ausland könnten hierbei als Orientierung dienen“, meint Salmen. Beides sei jedoch zum jetzigen Zeitpunkt spekulativ.

In England ist das anders: Dort beschädigten Unbekannte den Luxus-Mercedes von Sir Fred Goodwin. Der Manager hatte die Royal Bank of Scotland in die Beinahe-Pleite getrieben und dennoch eine Jahresrente von 760 000 Euro erhalten. „Goodwin hat einen Fehler gemacht“, sagt Sicherheitsexperte Finger. „Ein so dickes Auto gehört in eine Tiefgarage.“ Das Statussymbol habe die Täter erst auf die richtige Spur gebracht.

Finger weiß, wovon er spricht: Er betreibt eine eigene Personenschutzfirma und hat sieben Jahre lang einen früheren Bundeswirtschaftsminister bewacht. Heute bildet er Ex-Soldaten zu Personenschützern aus und vermittelt sie an Unternehmen. Seine Kunden wollten in letzter Zeit vor allem die Sicherheit ihrer Kinder überprüfen lassen.

Gerade die Unternehmen, die besonders in die Krise verwickelt seien, bemühten sich um mehr Sicherheit. „Wir haben erst vor kurzem neue Teams an drei Krisen-Firmen vermittelt“, sagt Finger. Dies sei für seine Kunden aber immer auch ein Politikum. Denn: „Solange man um Staatshilfen bettelt, will man nicht mit viel Manpower auffallen.“

Auch Ralf Schönfeld, Geschäftsführer der Vereinigung für die Sicherheit der Wirtschaft, sieht einen Trend hin zu verschärften Maßnahmen – allerdings nur bei Banken: „Meine Erfahrung aus persönlichen Gesprächen ist, dass sich die Verantwortlichen zunehmend mehr Gedanken über die Sicherheit machen.“ Die Sorge gelte vor allem den Mitarbeitern in den Filialen: „Es ist leichter für einen möglichen Attentäter, eine Zweigstelle anzugreifen, als einen Manager, der gut gesichert im 40. Stock sitzt“, sagt Schönfeld. Die Mitarbeiter könnten so stellvertretend für die vermeintlichen Verursacher der Krise leiden. Die Wirtschaft nehme diese „neue Gefährdungssituation“ sehr ernst, betont der Geschäftsführer. Joachim Telgenbüscher

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