Wirtschaftskrise in Ägypten : "Soziale Unruhen entstehen schnell"

22.01.2012 00:00 Uhrvon
Allein bei den Pyramiden. Der Tourismus im Land ist im vergangenen Jahr um mehr als ein Drittel zurückgegangen. Foto: picture alliance / dpa
Allein bei den Pyramiden. Der Tourismus im Land ist im vergangenen Jahr um mehr als ein Drittel zurückgegangen. - Foto: picture alliance / dpa

Die Preise steigen, Benzin ist knapp – ein Jahr nach dem Umsturz ist Ägyptens Wirtschaft immer noch am Boden.

Das alles könnte nur der Anfang sein. Die ganze Woche ging in Ägypten die Panik um – lange Autoschlangen stauten sich vor den Tankstellen, nervös und angespannt harrten die Wartenden auf Benzin. „Ich habe vier Stunden gestanden, um 40 Liter zu bekommen“, schimpft Minibusfahrer Ahmed Hadi, bevor er sich wieder in das Verkehrsgewühl der 20-Millionen-Metropole stürzt. Im Kairoer Stadtteil Helwan gab es bei einem Schusswechsel zwischen Tankwarten und aufgebrachten Taxifahrern einen Toten, anderswo blieb es bei Faustschlägen und Wortgefechten.

Inzwischen hat sich die Lage etwas beruhigt, viele Menschen aber sehen in den schlagartigen Engpässen einen ersten Vorgeschmack auf das, was noch kommen könnte.

Denn auch die Versorgung mit Butangasfaschen stockt, die in Millionen Häusern zum Kochen und Heizen unentbehrlich sind. Seit Anfang Januar haben sich die Preise verdreifacht, für viele wird Energie unerschwinglich und das zu einer Zeit, in der Ägypten unter einer ungewöhnlichen Kältewelle ächzt. Und so ist die Stimmung am Nil gereizt, ausgerechnet am Vorabend einer historischen Woche mit der Eröffnungssitzung des ersten demokratisch gewählten Parlaments am Montag, gefolgt vom Revolutionstag am Mittwoch.

Ein Jahr nach dem Sturz von Hosni Mubarak ist Ägyptens Wirtschaft immer noch nicht wieder auf den Beinen. Der 78-jährige Übergangspremier Kamal al Ganzouri brach sogar in Tränen aus, als er auf einer Pressekonferenz die dramatische Haushaltslage seines Landes schilderte. In dem 60-Milliarden-Etat klafft ein Loch von 20 Milliarden Euro. 16 Milliarden Euro verschlingen allein die Subventionen, das ist mehr als ein Viertel der öffentlichen Mittel. Der Löwenanteil geht drauf für billigen Sprit, Gas und Strom, ein geringerer Teil für Mehl und Brot.

Könnte die Regierung diese Ausgaben streichen, wäre das gigantische Defizit schon fast behoben. Gleichzeitig aber würde das Land sozial aus den Angeln gehoben. Den Wohlhabenden machen Kürzungen zwar wenig aus. 40 Prozent der 85 Millionen Ägypter aber sind arm, müssen von weniger als 1,50 Euro pro Tag leben. Sie kämen ohne das billige Brot und die preiswerten Sammeltaxen nicht über die Runden. Die Bedürftigen von den Bessergestellten zu trennen aber ist praktisch unmöglich in einem Land, das nicht einmal die genaue Zahl seiner Einwohner kennt und in dem sich fast die Hälfte der Menschen in der Schattenwirtschaft durchschlägt. „Soziale Unruhen entstehen schnell“, sagt Michael Marks, Leiter der Kairoer Geschäftsstelle von Germany Trade & Invest, der bundesdeutschen Agentur für Außenwirtschaft und Standortmarketing.

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